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Essen im Käfer-Restaurant:Vom Dinner zum Stehempfang

Deutsch-Amerikanisches Freundschaftsdinner, 2011

Begum Gabriele Inaara Aga Khan (heute: Gabriele Prinzessin zu Leiningen) und der damalige Bundesverteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg (r.) zu Gast beim Deutsch-Amerikanischen Freundschaftsdinner von Wolfgang Seybold im Jahre 2011.

(Foto: Robert Haas)

Eine der hochkarätigsten Münchner Gesellschaftseinladungen des Jahres ist zu einem Empfang mit Häppchen geschrumpft. Das liegt vor allem an den vielen Konkurrenzveranstaltungen.

Die Antwort ist dann doch beruhigend: Warum sich Jahr für Jahr die Entscheider aus Politik, Wirtschaft oder Medien am Freitagabend der Sicherheitskonferenz im Käfer-Restaurant trafen? Weil eben selbst ein US-Außenminister oder polnischer Milliardär das gleiche schätzt wie jeder Normalmünchner, eine entspannte und angenehme Atmosphäre, sprich: Ein Bier, einen Burger, ein bisschen Zeit, ein paar andere Gesprächspartner als sonst, und das in einem holzgetäfelten Raum, in dem man auch über American Football oder den BVB diskutieren kann. Deshalb schlenderte da der frühere US-Verteidigungsminister Leon Panetta mit einem Glas Bourbon on the rocks durch die Räume im ersten Stock, stand auch Angela Merkel mal in einer kleinen Gruppe bei einem Glas Wein, war Liz Mohn von Bertelsmann in ein Gespräch mit Nikolaus von Bomhard von der Munich Re und BMW-Großaktionärin Susanne Klatten vertieft. Durch einen glücklichen Umstand entstand dieses später sogenannte Käfer-Dinner vor fast 40 Jahren, und durch einen unglücklichen ist diese Tradition nun vorbei.

Der Münchner Anwalt Wolfgang Seybold, heute 73, war Anfang der Achtzigerjahre Büroleiter des späteren Verteidigungsministers Manfred Wörner (CDU), der ihm "die Türen nach Amerika öffnete". Und so bekam er mit, dass die Amerikaner am Freitagabend der Sicherheitskonferenz nicht so recht wussten, was sie mit dem Abend anfangen sollten, den Rathausempfang mit Butterbrezn fanden sie nicht so interessant. Seybold lud daraufhin eine Handvoll Gäste der US-Delegation am Freitagabend der Siko 1982 einfach mal zum Essen ein. Das Ambiente bei Käfer hinterließ Eindruck. Amerikaner sind ja in der Hinsicht anfällig, was bayerisch-ruppigen Wirtshauscharme angeht, "das Urige", wie Seybold das nennt. Es kam, wie es kommen musste, nämlich vor allem kamen von Jahr zu Jahr immer mehr US-Besucher, die wiederum andere internationale Entscheider anzogen.

Ein Höhepunkt für Seybold war 2006 der Besuch von Angela Merkel bei seinem Dinner. Der damalige Siko-Chef Horst Teltschik war dann auch dementsprechend sauer, dass ihm der Anwalt die besten Gäste und auch noch die Bundeskanzlerin klaute, Teltschiks Nachfolger Wolfgang Ischinger ging mit dem Rummel in der Prinzregentenstraße allerdings entspannter um. Ist doch auch angenehm, wenn sich Leute wie der frühere US-Minister John Kerry oder die vielen schwer mit Auszeichnungen behangenen Mehrsterne-Generäle in München wohlfühlen.

Die Einladung schaukelte sich bis vor zwei drei Jahren immer weiter hoch: Die einen kamen, weil es entspannt war, "weil man mal in Ruhe reden kann", wie Siemens-Chef Joe Kaeser oder Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen sagten. Die anderen auch wegen des "wunderbaren Essens", sagte zumindest Madeleine Albright, die frühere US-Außenministerin. Wobei Lachs-Tatar oder Mini-Burger als Vorspeise und Rinderfilet sicher all den Geladenen zu Genüge bekannt sein sollte, aber bei Käfer bekommt man davon durchaus ja auch eine gelungene Variante. Und es ist eben bei den Entscheidern ein bisschen wie bei Freibierfässern: Sobald man weiß, dass genug da sind, kommen immer mehr.

Die sogenannten Heavy Hitter, also die politischen und wirtschaftlichen Schwergewichte, sie standen Jahr für Jahr gerne beim Empfang und ratschten, bis sie irgendwann an ihren Tisch zum Dinner gerufen wurden. Zuletzt hatte die Firma Linde schon den Co-Gastgeber neben Seybold gegeben und die Veranstaltung nun ganz übernommen. Allerdings fand sie an diesem Wochenende erstmals in einem anderen Rahmen statt. Stehempfang statt gesetztes Essen.

Die Verleihung des neuen John-McCain-Awards, benannt nach dem 2018 verstorbenen Republikanischen Senator, findet nun ebenfalls am Freitag bei Käfer statt, was es unmöglich macht, zugleich dort ein Dinner auszurichten. Außerdem wird mittlerweile zu weiteren zwei Dutzend Einladungen geladen, alle am Freitagabend. Ist vielleicht Zufall, dass nun so vieles gleichzeitig mit dem früheren Käfer-Dinner stattfindet, vielleicht aber auch nicht.

Also wurde nun erstmals aus dem Rinderfilet und dem irischen Wildlachs an weiß eingedeckten langen Tafeln ein Empfang mit Häppchen. Das hat zwar den Vorteil, dass nun mehr als die bislang 120 Gäste eingeladen werden können, hat aber eben nicht mehr den Charme des Gewöhnlichen und Gemütlichen, wonach sich gerade die US-Gäste sehnten. Es war eben für viele immer auch eine kleine Flucht aus den durchgetakteten Tagen in Meeting-Räumen voller Menschen mit umgehängten Akkreditierungen, rein in die leichte Illusion eines unbeschwerten Genussabends irgendwo auf einem abgeschiedenen Landgasthof.

Seybold, ein sehr bedacht sprechender Mann, würde niemals schimpfen, dass man ihm seinen Abend kaputtgemacht hat. Er sagt lieber, dass es irgendwann auch mal gut ist. Aber wenn er dann die Liste derer aufzählt, die alle da waren, Bono von U2, der Milliardär Jan Kulczyk oder Henry Kissinger, wird klar, wie stolz er auf seine Einladung ist. Am Samstag, nach dem Stehempfang, sagt Seybold: "Das war schon auch eine schöne Sache." Und dann: "Dass es kein Dinner mehr ist, ist aber schon bedauerlich."

© SZ.de/syn
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