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Schwabing-Freimann:Belastungsprobe für den Münchner Norden

Regsam Rundgang Domagkpark

Nette Nachbarn: Im Domagkpark klappt das Zusammenleben, wird zumindest bei einer Führung versichert.

(Foto: Ellen Draxel)

Mit Bebauung der Bayernkaserne wird die Bevölkerung im Stadtbezirk Schwabing-Freimann binnen weniger Jahre um 15 000 Menschen wachsen. Doch wie bringt man Alteingesessene mit so vielen Neubürgern zusammen?

Es ist heiß an diesem Nachmittag im Domagkpark. Der Dorfplatz strahlt Ruhe aus, lediglich ein paar vereinsamte Bobbycars, ein Dreirad und eine mintfarbene Plastikwippe im Oasenhof verraten, wie lebendig es hier sonst zugehen kann. "Wenn ich zum Müll gehe, kann es sein, dass ich erst nach einer Stunde wieder zurückkomme - weil ich unterwegs so viele Leute getroffen habe", sagt Victoria Meyer-Hoffmann und lacht. Mit ihrer Familie lebt die junge Frau in einer der 138 Wohnungen von "Wagnis Art": Fünf polygonale Häuser, benannt nach Kontinenten, gruppiert um zwei Höfe und verbunden durch umlaufende Ringterrassen, hat die Genossenschaft Wagnis auf der ehemaligen Kasernenfläche in Nordschwabing errichtet.

Meyer-Hoffmann führt an diesem Tag eine Gruppe durch das Quartier, für die das harmonische Zusammenleben im Mittelpunkt des Interesses steht. Deshalb erzählt sie ihren Gästen von den Gemeinschaftsräumen auf dem Areal, von Werkstätten für Kreative, einem genossenschaftlich organisierten Gasthaus und von Veranstaltungs- und Proberäumen. Sie zeigt Dachgärten und Gemüsebeete, die von einer mehr als 90-köpfigen Pflanzgruppe betreut werden, deren Früchte jedoch alle Genossen ernten dürfen. Der für Schwabing-West und Schwabing-Freimann zuständige Facharbeitskreis des Regionalen Netzwerks für Soziale Arbeit in München (Regsam) geht bei der anschließenden Veranstaltung noch einen Schritt weiter. Soziale Vernetzung, fordern die Teilnehmer, dürfe nicht nur quartiersintern, sondern müsse auch großräumig gelingen.

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Fakt ist: Der Münchner Norden, insbesondere der Stadtteil Freimann, steht in den nächsten Jahrzehnten vor einer Belastungsprobe - während das westliche Schwabing bis 2035 kaum noch wächst. Lediglich in einem Teil des Kreativquartiers und am Elisabethplatz entstehen noch insgesamt gut 500 Wohnungen. Die Bevölkerung in Schwabing-Freimann hingegen nimmt um 44,3 Prozent zu, hauptsächlich der Neubebauung der Bayernkaserne wegen. Das ist stadtweit der zweitstärkste Zuwachs, nur übertroffen vom Stadtbezirk Aubing-Lochhausen-Langwied mit dem Neubaugebiet Freiham.

Bis zu 15 000 Menschen sollen in den kommenden zehn Jahren in die 5500 neu entstehenden Wohnungen auf dem Gelände der Bayernkaserne einziehen. Die Planung, die die Stadt für das 58 Hektar große Gebiet verfolgt, ist viel urbaner als die für bisherige Münchner Neubauquartiere: Die Vorgaben orientieren sich in Dichte, Vielfalt und Lebensqualität an gewachsenen Innenstadtvierteln wie der Maxvorstadt oder der City von Barcelona.

Sichtbar wird das einerseits an der Höhe der künftigen Gebäude, die alle mindestens 25 Meter messen, verteilt auf sieben Geschosse und mit jeweils einem für die Hausgemeinschaft nutzbaren Dachgarten bestückt. Außerdem soll es mehrere Hochhäuser geben - eines davon mit 66 Metern Höhe am zentralen Stadtplatz, und das größte, als Wahrzeichen am nördlichen Eingang der Siedlung an der Heidemannstraße situiert, 90 Meter hoch und unterteilt in 20 bis 22 Geschosse, wie Klaus Tröppner vom Planungsreferat auf Nachfrage erklärt.

Die Wohnungen selbst sollen zu 50 Prozent aus gefördertem Wohnungsbau bestehen, 40 Prozent werden Baugemeinschaften und Genossenschaften überlassen. Und die restlichen zehn Prozent des Wohnraums sind preisgedämpft. Zum anderen schreibt die Stadt den Bauherren auf 60 Prozent der Flächen vor, im Erdgeschoss Gewerbe anzusiedeln. Ziel ist, ein lebendiges Viertel in der Breite zu schaffen, keines, bei dem sich die Einkäufe auf große Zentren konzentrieren. "Die zahlreichen Gewerbezonen liegen vor allem entlang der zentralen Nord-Süd-Magistrale und bei den kleineren Plätzen im Osten und Westen, jeweils über zwei Stockwerke angeordnet", erläutert Tröppners Kollegin Corinna Hey. Auch das 90-Meter-Hochhaus soll bis zu 50 Prozent Gewerbe bekommen. Es dürfte also, ergänzend zu einem großen Lebensmittelmarkt in der Mitte, jede Menge Restaurants, Cafés und kleine Läden geben.

Neben der Wohnbebauung und dem Gewerbe entstehen auf dem Areal der Bayernkaserne zahlreiche soziale Einrichtungen: 14 Kitas, zwei Schulstandorte mit einem Gymnasium, zwei Grundschulen, einer Förderschule, einer Musikschule und Sportanlagen, dazu ein Familienzentrum, ein Studentenwohnheim, ein Flexiheim, zwei ambulant betreute Wohngemeinschaften und eine vollstationäre Pflegeeinrichtung. Außerdem soll es zwei Nachbarschaftstreffs geben, einer davon mit einem Alten- und Service-Zentrum (ASZ), Zweigstellen der Stadtteilbibliothek und der Volkshochschule, einem Bildungslokal sowie einer Seniorenwohnanlage am Stadtplatz. Um die Vernetzung der Angebote zu koordinieren, will die Stadt zusätzlich einen Quartiersmanager einsetzen. Seine Aufgabe wird es auch sein, dafür zu sorgen, dass sich die kleinen Geschäfte halten können.

Die Maßnahmen im Domagkpark könnten Vorbild sein für das neue Quartier auf dem Gelände der Bayernkaserne.

(Foto: Florian Peljak)

Erschlossen wird das Neubaugebiet zwischen Heidemannstraße und Euro-Industriepark mit einer Ringstraße, die an fünf Stellen mit dem äußeren Straßennetz verbunden ist. Das Planungsreferat wollte dafür zunächst eine alte Baumreihe fällen, erntete aber Gegenwind vom Bezirksausschuss Schwabing-Freimann. Inzwischen sind die Stadtplaner auf die Linie der Lokalpolitiker eingeschwenkt, die Bäume dürfen stehen bleiben. Die Fahrspuren führen nun rechts und links an der mittig stehenden Allee vorbei. Um dennoch genügend Platz für die Fuß- und Radwege zu erhalten, hat man planerisch die ersten beiden Geschosse der benachbarten Gebäude in diesem Bereich arkadenartig um vier Meter zurückgesetzt.

Kritik üben Bürger dennoch weiterhin, sie sind mit der Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr nicht einverstanden. Derzeit sieht das Konzept vor, die Tram 23 in Nord-Süd-Richtung durch die Bayernkaserne fahren zu lassen. Langfristig soll eine U-Bahn-Spange (U 26) zwischen den Haltestellen Am Hart und Kieferngarten gebaut werden, Prognosen zufolge aber nicht vor Ende der 2030er Jahre. Gegen die Verlängerung der Linie 23 bis zum Bahnhof Kieferngarten wehren sich mehrere Siedlervereinigungen, während andere Nachbarn dafür plädieren, die außenstehenden Viertel bei der Planung "nicht außen vor zu lassen".

Eine Bewohnerin des Gebiets am Carl-Orff-Bogen plädiert bei der Regsam-Veranstaltung im Domagkpark dafür, eine Fußgängerbrücke über die Heidemannstraße zu bauen. "Nur so schaffen Sie es, die Wohngebiete zu vernetzen." Zuvor hatte Daniel Günthör vom Sozialreferat bereits die problematischen "Schneisen" wie den Frankfurter Ring oder die Heidemannstraße angesprochen, die einen Austausch zwischen den Vierteln im Norden erschwerten.

Daniela Spießl, Leiterin des ASZ Freimann, wird noch deutlicher: "In der Bayernkaserne gibt es jede Menge soziale Einrichtungen und Läden, da muss man doch dafür sorgen, dass auch Leute Zugang haben, die nicht dort wohnen." Das sei der Weg, um Alteingesessene mit Neubürgern in Kontakt zu bringen. Bisher, moniert sie, sei bei den verkehrlichen Planungen immer an der U-Bahn-Station Kieferngarten Schluss. "Aber Freimann geht da doch noch weiter."

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