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Schuldneratlas 2019:Wohnen wird zunehmend zum Überschuldungs- und Armutsrisiko

Schuldneratlas 2019 für München

Die Überschuldungsquoten gehen je nach Stadtteil sehr weit auseinander, sie reichen von 4,8 Prozent in Daglfing bis 14,9 Prozent in der Altstadt.

  • Die Zahl der überschuldeten Münchner stieg 2019 um 680 auf 110 200 Personen an.
  • Die Überschuldungsquote ist in Folge der Bevölkerungszunahme geringfügig gesunken auf 8,37 Prozent.
  • Sozialreferentin Dorothee Schiwy bezeichnete es als besorgniserregend, "dass trotz stabiler Konjunktur und einer sehr geringen Arbeitslosenquote auch die mittleren Schichten von Überschuldung betroffen sind".

Mehr Münchner sind überschuldet, ihre Zahl stieg 2019 um 680 auf rund 110 200 Personen. Die Überschuldungsquote, also der Anteil der Menschen, die ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen können, ist allerdings in Folge der Bevölkerungszunahme geringfügig gesunken, auf 8,37 Prozent (2018: 8,41 Prozent). "Überschuldung in München ist kein Unterschichtproblem", betonte Philipp Ganzmüller, geschäftsführender Gesellschafter von Creditreform München bei der Vorstellung des Schuldneratlas 2019 für die Stadt München. Wohnkosten von mehr als 30 Prozent des verfügbaren Einkommens seien "nicht gesund, sie fressen auch die Einkommen der Mittel- und Oberschicht weg." Für mittlere Einkommen seien Mietbelastungsquoten von 50 Prozent und mehr nicht zu verkraften, erklärte Klaus Hofmeister, Abteilungsleiter im Sozialreferat. "Das überfordert den Geldbeutel der Menschen. Wir brauchen mehr geförderten Wohnungsbau und eine Anhebung der Einkommensgrenzen."

Sozialreferentin Dorothee Schiwy bezeichnete es als besorgniserregend, "dass trotz stabiler Konjunktur und einer sehr geringen Arbeitslosenquote auch die mittleren Schichten von Überschuldung betroffen sind". Als Ursache dafür sieht sie vor allem die "Preisexplosion bei den Mieten wie auch die hohen Lebenshaltungskosten" in München. Der Schuldneratlas zeige, "dass Wohnen zunehmend zum Überschuldungs- und Armutsrisiko wird". Deshalb hat für die Sozialreferentin oberste Priorität, günstige Wohnungen zu schaffen und zu erhalten sowie die Zweckentfremdung von Wohnungen zu bekämpfen.

Überschuldung sei vor allem ein städtisches Phänomen, erklärte Ganzmüller. Dabei habe sich München von der positiven Entwicklung in Bayern entkoppelt, wo die Überschuldungsquote auf 7,31 Prozent zurückging. Mit 8,37 Prozent sei München aber deutlich unter dem Bundesdurchschnitt von 10,0 Prozent geblieben. Angesichts der stabilen Konjunktur wertete Ganzmüller die Entwicklung in München als bedenklich, zumal die Arbeitslosigkeit, die trotz Bedeutungsrückgang immer noch die Hauptursache für Überschuldung bleibt, 2019 auf ein neues "Rekordtief" gesunken sei. Mit Blick auf die absoluten Zahlen sagte Ganzmüller, 2018 habe es in München erstmals seit 2011 einen leichten Rückgang um 0,2 Prozent bei der Zahl der Überschuldeten gegeben, im vergangenen Jahr stieg sie jedoch wieder um 0,6 Prozent. Bei fast 60 Prozent der Betroffenen handelt es sich um "harte Überschuldungsfälle", in diesen Haushalten "geht der Gerichtsvollzieher ein und aus", sagte Ganzmüller. Überschlägigen Hochrechnungen zufolge dürften in der gesamten Stadt Schulden in Höhe von 3,21 Milliarden Euro von Zahlungsstörungen und Zahlungsausfall betroffen sein.

Die Überschuldungsquoten gehen je nach Stadtteil sehr weit auseinander, sie reichen von 4,8 Prozent in Daglfing bis 14,9 Prozent in der Altstadt. Immer noch sind fast doppelt so viele Männer überschuldet wie Frauen, doch ihre Zahl steigt. Das meldet Ganzmüller auch bei den über 70-Jährigen, 9200 Senioren sind betroffen - 520 mehr als im Vorjahr. Die Entwicklung sei um so problematischer, "da es älteren Personen schwerer fällt, einer Überschuldungsspirale zu entkommen", zumal die Einkommenserwartungen mit zunehmendem Alter zurückgehen dürften.

"Immer mehr ältere Menschen suchen bei uns Beratung", bestätigte Erika Schilz von der städtischen Schuldner- und Insolvenzberatung den Trend. Die Ursachen beschrieb Hofmeister: "Mit Renteneintritt reduziert sich das Einkommen massiv, der Lebensstandard während des Erwerbslebens ist nicht mehr zu halten." Finanzielle Verpflichtungen könnten dann oft nicht mehr bedient werden, Zinsen und Kosten erhöhten die Forderungen. Dabei gebe es auch immer wieder "drastische Fälle", berichtete Hofmeister. "So war eine alte Dame seit zwei Jahren ohne Strom", der Energieversorger hatte ihr den Strom abgestellt, weil sie ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachgekommen war.

Insgesamt seien im vergangenen Jahr 11 500 Personen von der Stadt und den Verbänden zu Schulden beraten worden. Die Schuldensumme liege im Durchschnitt bei 33 000 Euro, meist gebe es fünf bis sieben verschiedene Gläubiger. Jeder zweite Klient hat Probleme mit Ratenkrediten, etwa 40 Prozent haben ihren Dispositionskredit überzogen. Schilz betonte, dass überdurchschnittlich häufig Familien mit Kindern und Alleinerziehende betroffen seien, sie machen 42 Prozent der Klienten in der Beratung aus, doppelt so viel wie ihrem Anteil an der Bevölkerung entspreche. "Familien mit Kindern und Alleinerziehende haben große Probleme, ihr Leben in München zu finanzieren", sagte Schilz. Fast gleich hoch sei der Anteil an Single-Haushalten, was vor allem auf die in Ballungszentren "galoppierenden Wohnungskosten" zurückzuführen sei.

© SZ vom 18.02.2020/syn
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