Gastronomie:So geht die neue Münchner Freiheit

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Gastronomie: Den Moment und den Blick auf die Stadt genießen - etwa hier bei Sonnenuntergang auf der Einmauerung der Auffahrt des bayerischen Landtags.

Den Moment und den Blick auf die Stadt genießen - etwa hier bei Sonnenuntergang auf der Einmauerung der Auffahrt des bayerischen Landtags.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Die Temperaturen steigen, die Menschen drängt es nach draußen - hinein in die Schanigärten. Über ein neues, altes Lebensgefühl.

Von Franz Kotteder

Doch, keine Frage: Fühlt sich immer noch genauso an wie früher. Man geht zu dem kleinen Schankpavillon, holt sich eine Mass und setzt sich in den Biergarten, hier am Viktualienmarkt. Von den viehweideartigen, schweren Holzzäunen aus der Pandemiezeit ist nur oben bei der Nordsee-Fischhalle ein kläglicher Rest geblieben, und das Publikum ist wieder genau das gleiche wie früher.

Ein bisschen weniger Touristen aus England, den USA und dem asiatischen Raum vielleicht, aber doch schon da. Späte Stenze mit roten Nasen auf der Suche nach Abenteuern. Reife Hausbesitzerinnen mit Dolce & Gabbana-Sonnenbrillen aus dem Münchner Speckgürtel, die in der Stadt nach dem Rechten gesehen haben oder ihre Mieter drangsalieren mussten. Und auch wenn das merkwürdig klingt, sagt man sich: "Schön, dass sie alle wieder da sind und diese besondere Inszenierung spielen, die es nur im Viktualienmarkt-Biergarten gibt."

Nun ist es nichts Besonderes, dass ein Münchner Biergarten sich an sonnigen Tagen zügig füllt. Das war auch zu Pandemiezeiten trotz aller Widrigkeiten so. Und doch hat sich etwas Entscheidendes verändert. Wirklich wahr? Es braucht keine Masken mehr, keine Abstandsregeln, keine durchsichtigen Trennscheiben und keine Registrierung mehr? Fast hatte man vergessen, dass das im Frühling vor drei Jahren auch schon so gewesen ist.

Essen und Trinken, wo andere sonst ihre Rostlaube abstellen

Was es im Frühling 2019 jedoch noch nicht gegeben hat: Bewirtung auf dem Parkstreifen. Essen und Trinken, wo andere sonst ihre Rostlaube abstellen. Hier hat Covid-19 tatsächlich etwas Positives gebracht, und zwar nicht nur den Herstellern von Schutzmasken oder CSU-Abgeordneten in Form von damit verbundenen Provisionen. Die Rede ist von den Schanigärten überall in der Stadt.

Gastronomie: In einem hauruckartigem Anfall von Entscheidungsfreude hatte der Münchner Stadtrat beschlossen, Parkplätze vor Lokalen und Teile von Gehsteigen für Tische und Stühle freizuräumen - wie hier in der Pariser Straße in Haidhausen.

In einem hauruckartigem Anfall von Entscheidungsfreude hatte der Münchner Stadtrat beschlossen, Parkplätze vor Lokalen und Teile von Gehsteigen für Tische und Stühle freizuräumen - wie hier in der Pariser Straße in Haidhausen.

(Foto: Robert Haas)

Die Idee war letztlich aus der Not geboren, sobald die Lokale nach dem ersten Lockdown überhaupt wieder öffnen durften. Abstände zwischen den Tischen und stark verkürzte Öffnungszeiten machten die Gaststätten unrentabel. Deshalb besann man sich des Instruments der aus infektionsprophylaktischer Sicht weit weniger bedenklichen Freischankflächen, in Wien seit jeher "Schanigärten" genannt. In einem hauruckartigem Anfall von Entscheidungsfreude beschloss der Münchner Stadtrat, Parkplätze vor Lokalen und Teile von Gehsteigen, die sich vor und hinter Gaststätten befanden, für Tische und Stühle freizuräumen.

Die Europalette als extrem vielseitiger Werkstoff

Und siehe da - die Sache funktionierte. Wirtinnen und Wirte können ihre Kreativität ja sonst nur auf Speisekarten ausleben in Form von falschen Apostrophen bei bayerischen Gerichten oder immer neuer Namen für Gerichte, etwa: "Carpaccio von der Regensburger in einer Marinade aus Essig und Öl" statt "Wurstsalat". Jetzt aber durften sie sogar als Baukünstler tätig werden, entdeckten die Europalette als extrem vielseitigen Werkstoff und die Spontaneität als Antrieb für Laien-Architektur.

Die Sache, man weiß es, hat sich ausgewachsen und nimmt gerade jetzt wieder Fahrt auf, wenn die Formulierung im Zusammenhang mit Parkplätzen gestattet sei. Es war ja schon erstaunlich, dass es vergleichsweise wenig Proteste gegen die Besetzung knapper Parkplätze gegeben hatte, gerade in Vierteln, in denen sich viele Kneipen und Restaurants befinden. Und dass in München, der Hauptstadt aller Grantler, sich kaum jemand aufregte über den "Verhau" auf den Straßen. Denn Schanigärten sind nicht immer nur hübsch anzuschauen. Vor allem, wenn sie lediglich aus nackten Euro-Paletten und Bastmatten bestehen.

Gastronomie: Open-Air-Pizza in der Sedanstraße, der Schanigarten gehört zur Pizzeria Passaparola.

Open-Air-Pizza in der Sedanstraße, der Schanigarten gehört zur Pizzeria Passaparola.

(Foto: Robert Haas)

"Die Münchner sitzen halt einfach gerne im Freien", erklärt sich die Bürgermeisterin Katrin Habenschaden (Grüne) die große Akzeptanz der Schanigärten in der Bevölkerung, und die Erweiterung der Bewirtungszone in den Straßenraum habe einfach einen besonderen Charme. Das sei nicht nur in klassischen Ausgehvierteln so. "Mir ist in Milbertshofen aufgefallen, wie sehr das den Charakter einer Straße verändern kann." Sie wünsche sich nun, dass man auch "mehr Möglichkeiten zum Draußensitzen ohne Konsumzwang" schaffe, ein Anfang sei da schon gemacht.

Freilich: Dort, wo es Gaststätten zuhauf gibt, ist natürlich auch jetzt, da langsam der Sommer kommt, am meisten los. Und es lassen sich auch mikrogeografische Unterschiede feststellen. Im Gärtnerplatzviertel schaffen Schwulenkneipen zum Beispiel gerne mal leicht verruchte Separees im öffentlichen Straßenraum. Im Multikulti-Stadtteil Schwanthalerhöhe hingegen gibt es ganze Straßen, die an asiatische Metropolen und ihre Altstadtgebiete erinnern, oder an einen Bazar in Istanbul, weil sich Stand an Stand beziehungsweise Schanigarten an Schanigarten reiht. So ist das Straßenbild bunter geworden, lebensfroher und auch weltläufiger. Man könnte sagen: ein kleines Tollwoodfestival für jeden Tag und ohne dessen manchmal anstrengende Auswüchse von Ökoklimbim.

Für Wirtinnen und Wirte waren die Schanigärten ein Glücksfall

Auch Christian Schottenhamel vom Münchner Hotel- und Gaststättenverband ist voll des Lobes über die Stadt und die Schanigärten: "Ich finde es toll, dass das jetzt weitergeführt wird und nicht mit der Pandemie endet." Sie belebten das Stadtbild und hätten viele Wirtinnen und Wirte über die Zeit gerettet.

Tatsächlich wurde die Möglichkeit, Gastplätze draußen zu erweitern, weidlich genutzt. "Zum Ende des Jahres gab es etwa 670 Schanigärten", sagt Petra Weber vom städtischen Kreisverwaltungsreferat, "außerdem noch etwa 500 seitliche Erweiterungen", also Freischankflächen links und rechts neben den Gaststätten, wo dafür noch Platz frei war. Geholfen hat dabei, dass vorübergehend keine Gebühren dafür fällig waren und ein beschleunigtes Genehmigungsverfahren angewandt wurde. Nun kehrt auch da wieder Normalität ein, was gerne mal zu Protesten führt. So regten sich neulich eine Reihe von Wirten heftig darüber auf, dass der Münchner Stadtrat am Verbot von Heizpilzen festhält. Auch das war während der Pandemie vorübergehend ausgesetzt worden. Insofern war die Aufregung ein wenig künstlich, denn dass das Verbot wiederkommen würde, daran bestand von Anfang an kein Zweifel.

Auch für die Schanigärten und andere Freischank-Erweiterungen fallen nun wieder Gebühren an, und auch die normalen Genehmigungsabläufe gelten wieder. Manche Gaststätten haben deshalb ihre schon eingereichten Anträge auf Schanigärten und Erweiterungsflächen wieder zurückgezogen. Petra Weber: "Für das Jahr 2022 gehen wir daher zum derzeitigen Stand von etwa 560 Schanigärten aus, außerdem von etwa 250 seitlichen Erweiterungen." Und da könne immer noch etwas dazukommen. Sieht so aus, als ginge die Erfolgsgeschichte der Münchner Schanigärten weiter.

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