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Orthopädie:Mit dünnen Ledersohlen gegen Rückenschmerzen oder Tinnitus

Etwa 80 Prozent aller Menschen haben grundsätzlich eine Fehlstatik, sagt Constantin Bernhard.

(Foto: Catherina Hess)

Ob für Ribéry, Nasa-Astronauten oder Nachbarn: Constantin Bernhard fertigt seit 53 Jahren Einlagen in seiner Münchner Werkstatt und lindert damit viele Leiden. Manchmal reicht dafür ein Blick.

Olympiasieger Linford Christie und der Klumpfuß sind direkte Nachbarn. In einer kleinen Holzvitrine steht das Modell eines unwirklich verformten Fußes neben den originalen Schuhen des britischen Goldmedaillengewinners über 100 Meter von 1992. In den Schuhen, die nur aus einer dünnen Stoffschicht, einer Sohle und Spikes bestehen, liegt noch die Einlage, die Christie in Barcelona trug. Handgefertigt von Constantin Bernhard, der den Schuh in die Hand nimmt, ein knapp 30 Jahre altes federleichtes Nichts.

Bernhard ist 83 Jahre alt, trägt eine graue Jogginghose in seinem Geschäft, weil es Mittag ist und er schon seit der Jugend mittags eine Stunde schläft. Zwischen den Terminen mit seinen Kunden, die durch die Tür am Hohenzollernplatz kommen und ein holzgetäfeltes Kabuff betreten. Von diesem Kabuff mit einer mechanischen Kasse und einer Treppe nach oben in den Werkraum geht auch eine Treppe sechs Stufen in ein noch kleineres holzverkleidetes Kabuff. Schwer vorstellbar, wie Uli Hoeneß hier runterkraxelt, oder der König von Saudi-Arabien, Muammar al-Gaddafi, Anna Kurnikowa oder Franck Ribéry.

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Eher noch kann man sich Astronauten der Nasa vorstellen, die aus Houston an den Hohenzollernplatz für ihre Einlagen kommen. Raumkapseln sind ja auch eng. Aber Zwei-Meter-Basketballriesen aus der NBA? Waren alle da. In seiner "Scheißhüttn", sagt Bernhard und zieht das braun gebrannte Gesicht mit den vielen Furchen zu einem Luis-Trenker-Lächeln. Der Fuß-Weise in seiner Almhütte, mitten in der Stadt, zu der alle pilgern, die irgendwo Schmerzen haben.

Die schaut Bernhard dann an, wie er das seit vielen Jahrzehnten macht, und überlegt, was er verbessern kann. Einlagen, dünne Stoffpolster, die in Schuhen liegen, gegen Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Tinnitus und dergleichen?

Bernhard spricht langsam, in einem Schwabinger Singsang, wobei sämtliche Fachbegriffe dialektfrei durch die kleine Hütte klingen: "Einlagen sind dazu da, um das, was funktionell am Körper gestört ist, mechanisch auszugleichen." Und offenbar hat Bernhard einen Blick entwickelt, der nach Diagnose und Fertigung zu sehr guten Ergebnissen führt. Sonst wäre die Mappe seiner Fußabdrücke im Schrank neben dem Klumpfuß und Christies Schuh nicht eine Sammlung von Bekanntheiten.

Angefangen hat es mit den schlimm deformierten Füßen der Kriegsversehrten, und einer ziemlich deutlichen familiären Vorprägung. "Mein Urururgroßvater war 1802 approbierter Bader." Und Bernhards Urgroßvater, der auch bereits Constantin hieß, musste nicht in den Zweiten Weltkrieg, weil er sich um die Kriegsversehrten kümmern sollte. Und Bernhard? Wollte Förster werden, "wia der Kriag gar war". Bernhard wischt das weiche Bairisch durch seine kleine Hütte, langsam und ein bisschen geschludert. Aber aus dem Förster wurde nichts.

"Burli", habe ein damaliger Oberförster zu ihm gesagt nach dem Krieg, "ich hab' keine Arbeit für dich." Jede Menge davon gab es aber im Betrieb des Vaters, als der aus dem Krieg zurück und ins zerbombte Geschäft kam. Der Sohn ging also mit 14 in die Lehre. Er half mit, die übergebliebenen Gerätschaften zu bergen und an der Ecke Leopold- und Hohenzollernstraße ein neues Geschäft zu eröffnen. Die Mutter fuhr mit dem Zug regelmäßig aufs Land, um dort den Bauern Hosen zu flicken und mit Essen entlohnt zurückzukommen, während die Männer orthopädische Schuhe herstellten.

"Des war mia ois ned vui gnua"

Bernhard arbeitete und ging zur Realschule, machte Abi und die Orthopädie-Techniker-Meisterprüfung, ging an die Sanitätsakademie. Wer mit 83 noch jeden Tag im Laden ist und sich einen "Besessenen" nennt, ist als junger Mann auch schon schwer aktiv gewesen, in seinen Worten: "Des war mia ois ned vui gnua."

Arbeiten und lernen. "Wir hatten viele Panzerfahrer aus Grafenwöhr, die mit schlimmen Sprunggelenksverletzungen kamen, weil sie vom Panzer gesprungen waren." Er sah Versehrte, Verletzte, assistierte bei Operationen. Heute würde man sagen, er füllte seine Festplatte mit Erfahrungen. Bernhard hat aber noch nicht einmal ein Handy, geschweige denn einen Computer in seiner Werkstatt. Es spielt sich alles in dem Kopf mit den kurz geschnittenen grauen Haaren. Zum Beispiel, als an diesem Mittag ein Mann Anfang 40 sein Geschäft betritt.

In seiner Werkstatt fertigt Bernhard Einlagen in Handarbeit.

(Foto: Catherina Hess)

Bernhard schaut ihn kurz an, deutet auf seinen Hals und erklärt, dass man auf der linken Seite einen angespannten Halsmuskel sehen könne. "Schiefhals, das kommt oft von einem Augenunterdruck." Der Patient hat in so einem Fall schnell ermüdende Augen und versuche unterbewusst, durch eine andere Kopfhaltung den Blickwinkel zu verändern und dadurch schärfer zu sehen. Die Lösung in diesem Fall wäre allerdings keine Einlage, sondern eine andere Brille.

Wilhelm Widenmayer, seit Jahrzehnten Mannschaftsarzt der Profimannschaft der Fußballer beim TSV 1860 München, sagt: "Bernhard hat sehr viel Erfahrung mit der Funktionsanalyse des Fußes." Er könne den Ärzten wie kein zweiter seine Beobachtungen weitergeben, wo zum Beispiel Gelenke blockiert seien. "Und er kann die ganz schwierigen Einlagen, etwa die für Balletttänzer." Vor allem aber fertige er Einlagen, an die sich der Fuß anpassen müsse, weil er sehe, wo der Fuß korrigiert werden muss. "Die meisten sagen aber: Die Einlage muss sich dem Fuß anpassen."

Der Besessene in seiner Hütte. Die Frage ist, ob er besessen war oder wurde. In einer Zeit, in der es kaum etwas gab außer dem Wissen um Füße und deren Behandlung, hat sich Bernhard dieses Wissen angeeignet. Später kamen die Erfolge dazu. Einlagen, die Menschen Linderung brachten. Wahrscheinlich ist es also beides. Er musste am Anfang etwas besessen sein, aus reiner Existenzangst, und blieb es, weil er immer mehr erkennen konnte und in eine Fußplattenlösung übersetzen.

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