Oktoberfest:Kleines Masskrug-Kamasutra

Lesezeit: 4 min

Oktoberfest: Die meisten Leute greifen ihr Bier, indem sie die Hand durch den Griff des Masskrugs schieben und den Daumen obendrauf positionieren.

Die meisten Leute greifen ihr Bier, indem sie die Hand durch den Griff des Masskrugs schieben und den Daumen obendrauf positionieren.

(Foto: Illustration: Jessy Asmus)

Daumen oben, beidhändig oder mit Halsband: In welche Stellung der Mensch sich zu seinem Bier bringt, das sagt einiges über ihn und seine Beziehung aus.

Von Laura Kaufmann

Die Wiesn, das ist die Beziehung des Menschen zum Bier. In all ihren Ausprägungen lässt diese sich auf dem Oktoberfest beobachten. Die obsessive Verknalltheit, mit der ein Jungspund sein Bier auf der Bank in einem Zug in sich aufnimmt, die gelassene Liebe, bei der im gemäßigtem Tempo Schluck für Schluck die Beziehung gepflegt wird, und auch das hässliche Beziehungsende, bei dem der Mensch das Bier stoßartig wieder aus seinem Magen wirft, sich wünschend, er hätte es nie getrunken.

Gemein ist einer jeden Mensch-Bier-Beziehung auf dem Oktoberfest, dass das Bier aus einem Masskrug genossen wird. In welcher Stellung der Mensch sich zu seinem Bier bringt, das sagt einiges über ihn und seine Beziehung aus.

Der Klammernde

Die meisten Leute greifen ihr Bier, indem sie die Hand durch den Griff des Masskrugs schieben und den Daumen obendrauf positionieren. Es ist vor allem eine praktische und sichere Haltung, die der Mensch hier einnimmt. Das Bier kann ihm nicht entfliehen, und jederzeit lässt es sich einfach anheben, um mit anderen Mensch-Bier-Pärchen anzustoßen. Diese Stellung bezeugt klar: Ich dominiere das Bier, nicht das Bier mich, während die Haltung doch auch eine Schwäche offenbart. Nämlich die Furcht, sein Bier könne jederzeit mit einem anderen Menschen fremdgehen.

Der Nach-Vorschrift-Trinkende

Die korrekte Haltung am Masskrug ist es, nur den Griff mit der Hand zu umschließen. So vermeidet der Kenner Quetschungen der Fingerkuppen beim Zuprosten, dem Swingen mit anderen Mensch-Bier-Paarungen. Und das geliebte Bier behält seine kühle Wohlfühltemperatur. Gleichzeitig beweist er durch den größeren Abstand Stärke, denn es kostet mehr Kraft, die Mass nur am Griff zu heben. Ein Sieger auf ganzer Linie. Mag man meinen.

Durch besondere Kreativität zeichnet sich der nach Vorschrift Liebende allerdings nicht aus. Er neigt dazu, sein Beziehungswissen belehrend anderen mitzuteilen. Es mag sein, dass sich bald darauf niemand mehr zum Zuprosten findet.

Der Umarmende

Es ist eine verzweifelte Liebe, die der Umarmende offenbart. Er existiert nur mehr in halb liegender Position, den Kopf auf den Masskrug gestützt, die Arme um das Bier geschlungen. Ich weiß nicht mehr, wie ich Liebe mit dir machen soll, sagt seine Stellung. Dabei hat es doch anfangs so gut funktioniert mit uns. Während dem Bier alles egal ist, tut die Liebe dem Umarmenden ganz augenscheinlich nicht gut, das ist selbst für Außenstehende ersichtlich.

Sie sehen schon voraus, was der Umarmende noch nicht wahrhaben mag: Seine Beziehung zum Bier könnte in einem ruckartigen Rauswurf enden. Etwa wenn die Ordner ihn gewaltsam von seinem Bier trennen, oder er selbst draußen auf der Festwiese einen hässlichen Abschied inszeniert.

Der Mit-beiden-Händen-Zupackende

Es offenbart eine solche Unkenntnis, wie der Zupackende Stellung zu beziehen versucht, dass Menschen in einer stabilen Bier-Beziehung kaum hinsehen können. Den Griff ignorierend, umschließt er den Krug mit beiden Händen, um ihn so an die Lippen zu führen. Was Sicherheit bringen soll, birgt nur die Gefahr, der Krug könne aus der Hand rutschen im Bierzelt-Geschubse; ein abruptes, unschönes Beziehungsende, wo doch beide noch bereit für mehr gewesen wären.

Meist ist die Stellung bei jungen Zeitgenossen zu beobachten, die noch nie auf der Bank stehend einen Ellenbogen vom Hintermann in den Rücken bekommen haben. Manchmal auch bei Angebern, die so unter allen Augen ihren Krug in einem Zug leer trinken. In beiden Fällen gilt: An schlechten Erfahrungen kann man wachsen, und sich in der nächsten Beziehung als besserer Partner erweisen.

Der Ausschmückende

Einen gewissen Fetisch offenbart der Ausschmückende, der sein Objekt der Begierde erst verzieren muss. Erst dann kann er sich genüsslich auf das Bier stürzen; die genaue Stellung spielt dabei keine Rolle. Die gängigste Form der Verzierung ist das Halsband, das dem Griff oder gleich dem ganzen Masskrug feierlich umgelegt wird. Der Fetisch geht einher mit glühender Eifersucht, ein anderer Mensch könne das Bier stehlen, oft auch mit der Angst, das unbemerkt fremdgehende Bier könne Krankheiten mit in die Beziehung schleppen.

Im Extremfall ist das Band, das den Masskrug ziert, noch mit dem Namen seines Besitzers versehen. So soll das Bier auch auf einem vollen Tisch noch den Weg zurück zum kontrollsüchtigen Menschen finden können.

Der Fremdbenutzer

Es gibt Menschen, die missachten sämtliche gesellschaftlich akzeptierte Stellungen, in denen sich ein Bier lieben lässt. Sie missbrauchen ihre Macht über den starren Krug und stellen schreckliche Dinge mit ihm an: Vor Blicken geschützt soll unter dem Biertisch schon die Praxis namens Golden Shower vollzogen worden sein, wenn nicht sogar ekelhaftere Auswürfe im wehrlosen Glas landen.

Zudem ist der Masskrug unter dem Vorwand des Liebemachens schon benutzt worden, um andere Menschen damit zu verletzen. Auch der Krug kommt dabei nicht heil davon. Ein No Go. Eine gesunde Mensch-Bier-Beziehung ist so nicht mehr möglich.

Der Gegen-die-Regeln-Liebende

Es kommt der Moment, da muss der Mensch mit dem Bier eine Trennung auf Zeit vereinbaren. Dieser Moment ist zum Beispiel erreicht, wenn im Zelt das Putzlicht angeht. Einige Menschen wollen das partout nicht wahrhaben. Und so erfinden sie eine Stellung, in der sie den Krug bestmöglich verbergen können, um die Beziehung zumindest draußen auf der Festwiese noch weiter zu pflegen. Mit spitzen Fingern angefasst unter der Jacke gehalten etwa. Oder tantraesk, ganz ohne Berührung, aber nah am Körper, in der Tasche getragen (wobei zu hoffen ist, dass sich das Bier an diesem Punkt schon aus der Beziehung verabschiedet hat und der Mensch nur das Andenken an die Liebe zu bewahren gedenkt).

Leider geht dieser wildromantische Versuch, gegen die Regeln zu lieben, meist nicht gut aus. Rüde werden Mensch und Bier voneinander getrennt. Bis zu einem neuen Versuch miteinander, ein andermal.

Gute Wiesn-Gschichten bleiben gut. Dieser Text wurde zuerst am 28.09.2017 veröffentlicht.

Zur SZ-Startseite
Online-/Digital-Grafik

Oktoberfest 2022
:Wo welches Wiesn-Zelt steht - und was es bietet

Die 18 großen Bierzelte auf dem Oktoberfest in Kurzporträts und wer sich in welchem wohlfühlt: vom Hofbräu-Festzelt über die Fischer-Vroni bis zur Ochsenbraterei.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB