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Neuperlach:"Das Image von außen ist viel schlechter als das von innen"

Wohnungen in München-Neuperlach, ca. 1970

Hässlich, monoton, grau - die Vorurteile über Neuperlach sind nicht gerade freundlich, aber schon damals stimmte nicht jeder zu.

(Foto: Dieter Hinrichs)

Als Hans-Jochen Vogel 1967 den Grundstein für Neuperlach legte, war ihm fast "unheimlich" zumute. Und heute? Gilt das Viertel manchen als Vorbild.

Von Anna Hoben

Vor drei Jahren haben sie in Neuperlach den 50. Jahrestag der Grundsteinlegung gefeiert. Wolfgang Rupprecht hatte damals fest vor, sich von Hans-Jochen Vogel beim Festakt ein Autogramm zu holen. Doch Vogel kam nicht, sein Gesundheitszustand ließ es nicht zu. In seiner Amtszeit als Oberbürgermeister hatte die Stadt damit begonnen, die sogenannte Entlastungsstadt Neuperlach zu bauen. Auch damals herrschte in München Wohnungsnot. Neuperlach war das größte Wohnungsbauprojekt der Bundesrepublik, eine eigene kleine Stadt vor der großen Stadt. Ungefähr 60 000 Menschen leben dort heute. Zwei davon sind Wolfgang Rupprecht und seine Frau Ursula - seit Jahrzehnten überzeugte Neuperlacher.

Nach dem Krieg entstanden eine ganze Reihe neuer Quartiere, etwa das Hasenbergl, die Blumenau oder Neuaubing. Doch das Rathaus wollte vor allem mit Entlastungsstädten auf die Wohnungsmisere reagieren. Im Fokus standen zunächst Oberschleißheim, Perlach und Freiham. Der Stadtrat konzentrierte sich dann auf Perlach. Anfang der Sechzigerjahre begann man mit der Bauleitplanung. Die Neue Heimat Bayern sorgte als "Maßnahmeträger" für den Grunderwerb und koordinierte die Bauarbeiten. Bund und Freistaat halfen bei der Finanzierung.

Ausgelegt war Neuperlach damals auf 80 000 Einwohner. Die Planer wollten explizit keine reine Schlafstadt schaffen, sondern auch Arbeitsplätze und Freizeitmöglichkeiten. Die Altstadt sollte entlastet und gleichzeitig der Münchner Osten aufgewertet werden. In seinem Buch "Die Amtskette - Meine 12 Münchner Jahre" schrieb Hans-Jochen Vogel über die Grundsteinlegung am 11. Mai 1967: "Ringsum war freies Feld, es gab keine Straße - nur eine Art Feldweg." Dass an diesem Ort in wenigen Jahren eine Stadt von der Größe Erlangens stehen würde: "Mir war der Gedanke eigentlich unheimlich." Fünf Jahre später wohnten dort schon 22 000 Menschen.

"Dieser erste Teil von Neuperlach war sehr typisch für die damalige Zeit", sagt Sophie Wolfrum, emeritierte Professorin für Städtebau und Regionalplanung an der TU München. Er habe sich nicht besonders unterschieden von anderen Projekten der Neuen Heimat, etwa in Nürnberg, Mannheim oder Tübingen, "nur dass er viel größer war". Die ersten Fehlschläge solcher Siedlungen seien damals schon heiß diskutiert worden, man habe in München dann trotzdem ähnliche Fehler gemacht, obwohl man von Beginn an auch an Arbeitsplätze gedacht habe. "Der gute Wille war vorhanden." Auch die Infrastruktur ließ zunächst zu wünschen übrig. Schon 1970 wurde zwar ein Einkaufszentrum eröffnet, doch die Verkehrssituation war schwieriger. Als 1981 die U-Bahn eröffnet wurde, sei das eine große Erleichterung gewesen, erinnert sich Wolfgang Rupprecht.

Er und seine Frau sind das beste Beispiel für das, was Sophie Wolfrum festgestellt hat, als sie sich das Viertel vor Jahren mit Studenten angeschaut hat: dass die Menschen nämlich sehr gern dort leben, und dass "das Image von außen viel schlechter ist als das von innen". Hässlich, monoton, grau - so gehen ja die gängigen Vorurteile. Neuperlach, findet hingegen Wolfrum, habe einen ganz eigenen Charme, zudem seien die Wohnungen gut geschnitten. Und den Rupprechts geht es genau so: Sie können sich keine bessere Wohnlage vorstellen als die ihre, elfter Stock, mit Blick auf Wendelstein, Wallberg und Zugspitze. Für Wolfgang Rupprecht, 74, ist es schon die dritte Wohnung in Neuperlach. Die erste hatten seine Eltern 1969 gekauft, für 71 000 D-Mark. Neuperlach, das hieß damals: Neubau, mehr Wohnfläche, mehr Grün, Zentralheizung, Lift, Balkon. Ganz anders und viel moderner als in Vierteln wie Giesing oder Haidhausen, wo noch Ofenheizungen befeuert wurden.

Allzu grau ist es heute nicht mehr, von den Wohnriegeln ist an dieser Stelle kaum mehr was zu sehen.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Dass freilich auch damals nicht jeder begeistert war über die Aussicht, von der Innenstadt ins Neubauviertel zu ziehen, zeigt eine Szene aus Helmut Dietls "Münchner Geschichten". Da fährt Anna Häusler alias Therese Giehse, die aus ihrer Wohnung im Lehel herausgentrifiziert wird, mit dem Bus nach Neuperlach und schaut sich um mit einem Blick, als befände sie sich auf einem fremden Planeten. Am Ende zieht sie lieber ins Altersheim.

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung hat Sophie Wolfrum vor ein paar Jahren gesagt, dass München ein neues Neuperlach bräuchte. Ein prägnanter Satz, der hängen blieb - obwohl sie natürlich nicht meinte, dass man das Stadtviertel kopieren und die Kopie woanders auf die grüne Wiese stellen sollte. Es ging ihr vielmehr um die Dimension: "Man muss sich mal wieder trauen, groß zu denken." Etwa im geplanten neuen Stadtteil im Nordosten, der nun für bis zu 30 000 Einwohner geplant wird, aber, so Wolfrum, ebenfalls Platz für 60 000 böte.

Längst braucht die schnell wachsende Stadt ja wieder Entlastung. Die entsteht zum Beispiel in Freiham, dem neuen Stadtviertel im Westen Münchens. In Freiham habe man zu zaghaft angefangen, sagt Sophie Wolfrum, doch dann habe die Stadt ihre Politik geändert und begonnen, deutlich dichter zu planen und zu bauen. "Freiham ist die große Chance der Stadt". Und auch dieser Name wird mit Hans-Jochen Vogel verbunden bleiben: Ihm ist es zu verdanken, dass die Kommune dort seit Jahrzehnten Grundstücke aufgekauft hat.

Unterdessen wächst auch Neuperlach weiter. Auf dem Hanns-Seidel-Platz, auf dem einst Schafe grasten und Zirkusse gastierten, Wolfgang Rupprecht hat noch Fotos davon, entstehen neue Wohnungen. Vom Fenster aus kann Rupprecht jeden Tag den Baufortschritt beobachten. Das neue Neuperlach werde zwar ganz schön dicht gebaut, "wohnen möchte ich da nicht". Aber im elften Stock, da kann einem das Getümmel unten eigentlich auch "am Allerwertesten vorbeigehen". Wolfgang Rupprecht wird dieses Jahr 75, auch deshalb, sagt er, werde er "einen Teufel tun, noch einmal umzuziehen". Und Neuperlach, die kleine Stadt vor der großen Stadt, ist schließlich sein Zuhause.

© SZ vom 31.07.2020/syn
Hans-Jochen Vogel,

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