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SZ-Serie: München natürlich:"Das Frühjahr findet immer früher statt"

Annette Menzel untersucht, wie sich durch den Klimawandel der Wald verändert.

(Foto: Marco Einfeldt)

Der Frühling ist gekommen, die Bäume schlagen aus - nicht erst im Mai, sondern schon jetzt im April. Den Klimawandel bekommen längst Pflanzen und Tiere zu spüren.

Von Thomas Anlauf

"Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus" - das war einmal vor langer, langer Zeit. Bereits in diesen frühen Apriltagen rollt eine grüne Welle übers Land, innerhalb von wenigen Wochen verwandeln sich kahle Mischwälder in ein grün leuchtendes Blättermeer. "Das geht relativ zügig bei uns", sagt Annette Menzel. Die Professorin für Ökoklimatologie an der TU München ist sozusagen Frühlingsexpertin. Ihr Forschungsobjekt untersucht sie täglich auf Spaziergängen mit ihrem Hund Pauli: ein Mischwald, der mit jedem milden Apriltag grüner wird. "Das Frühjahr findet immer früher statt", sagt die Forscherin. Das sei ein sichtbarer Beleg dafür, "dass der Klimawandel tatsächlich stattfindet".

Wenn sie das anschaulich begreiflich machen will, erzählt sie nicht vom Temperaturanstieg von durchschnittlich bereits 1,5 Grad in Bayern, das sei den meisten Menschen zu abstrakt. Annette Menzel sagt den Skeptikern, sie sollten sich mal Fotoalben mit alten Bildern von Verwandten oder Freunden ansehen, die im Frühling Geburtstag haben und schauen, was damals blühte und grünte und was heute.

Das Ergebnis ist verblüffend: Der Forsythienstrauch begann in den vergangenen 20 Jahren durchschnittlich am 28. März zu blühen, in diesem Jahr öffneten die Forsythien schon 13 Tage vorher ihre leuchtend gelben Blüten. Bei der Hasel begann die Blüte sogar schon am 2. Februar, statistisch gesehen normal wäre der 21. Februar als Blühbeginn. Oder das Schneeglöckchen: Zwischen 1992 und 2019 begannen die Blümchen in Bayern durchschnittlich am 21. Februar zu blühen. In diesem Jahr war es schon zwei Wochen früher. 2007, nach einem ähnlich milden Winter wie in diesem Jahr, schauten sie sogar schon 20 Tage eher aus dem Boden.

Das Ergrünen der Bäume, das Forscher als "Green Wave", also grüne Welle, bezeichnen, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten um 18 Tage nach vorne verlagert. Und die Welle rollt rasant durchs Land: Annette Menzel und ihr Forscherteam haben im vergangenen Jahr 180 Wildkameras in ganz Bayern aufgestellt. Zwischen 12. April und 1. Mai verwandelte sich ein brauner Buchenmischwald in einen grünen Dschungel.

"Viele fragen sich: Wann ist damit ein Ende? Beginnt der Frühling immer früher?", sagt Annette Menzel. Doch das Ergrünen ist ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Gerade Bäume versuchen, eine möglichst lange Vegetationsperiode zu erzielen. Je früher ein Baum austreibt und wächst, desto eher kann er andere im Wortsinn in den Schatten stellen.

Andererseits besteht beim frühen Austrieb noch die Gefahr von Spätfrost. Die Folge: "Die Pflanze versucht, möglichst nahe an den Spätfrost heranzukommen", erzählt die Wissenschaftlerin. Es gibt aber auch natürliche Barrieren für den zu frühen Austrieb: Das ist zum einen die Tageslänge. Wenn es insgesamt zu dunkel ist, passiert üblicherweise nichts.

Zum anderen registrieren die Pflanzen die Winterkälte. Wenn es eine längere Zeit kalt war und dann deutlich wärmer wird, erhält der Baum das Signal, der Winter ist vorbei, er kann jetzt austreiben. Bei zu milden Wintern wie in diesem Jahr bekommen viele Pflanzen allerdings diesen Winterkältereiz gar nicht mit und treiben auch im Frühjahr, wenn es eigentlich an der Zeit wäre, gar nicht richtig aus.

Mischwald

Name: Im Gegensatz zu Monokulturen kommen in Mischwäldern verschiedene Baumarten gemeinsam vor, die jeweils so häufig vertreten sind, dass sie eine besondere Rolle im Ökosystem spielen.

Vorkommen: In München gibt es verschiedene Mischwaldarten, etwa lichte Lohwälder mit vielen Eichen und Hainbuchen wie die Allacher Lohe. An der Isar unterhalb der Kennedy-Brücke gibt es noch Reste eines Auwaldes. Das Schwarzhölzl und Teile der Moosschwaige sind Beispiele für Wälder auf Niedermoorböden.

Besonderheit: Die Münchner Mischwälder zeichnen sich durch einen großen Artenreichtum mit seltenen Pflanzen und Tieren aus. ANL

Das Phänomen findet sich sogar in einer alten Bauernregel: "Grünt die Eiche vor der Esche, gibt es im Sommer große Wäsche. Treibt die Esche vor der Eiche, bringt der Sommer große Bleiche." Es kann also wegen eines milden Winters durchaus vorkommen, dass sich die Reihenfolge, welcher Baum zuerst ergrünt, umdreht.

Der Klimawandel trifft besonders langlebige Bäume. Denn sie können sich evolutorisch nicht so gut anpassen wie Tiere und Pflanzen, die nur eine kurze Lebensdauer haben. In München experimentieren Botaniker deshalb seit Jahren damit, welche Bäume künftig in der Stadt gut gedeihen könnten und welche dem Hitzestress und dem Klimawandel zum Opfer fallen dürften.

In den Wäldern rund um München bekommen aber auch andere Lebewesen Probleme mit dem verfrühten Frühling. Rehwild paart sich im August, doch erst im Dezember entwickelt sich das befruchtete Ei, die Kitze kommen dann im Mai zur Welt. Dann brauchen die Mütter besonders proteinreiche Nahrung in Form von frischen Blättern. Doch wenn die Bäume früher austreiben, sind diese im Mai nicht mehr so saftig. Auch das Gras auf den Wiesen, in denen die neugeborenen Kitze liegen, wächst natürlich dann früher und schneller. Die erste Mahd im Jahr, um kräftiges Gras für das Vieh zu erhalten, beginnt deshalb auch früher. "Die Frage ist: Können sich die Rehe an diese Entwicklung überhaupt anpassen?", fragt sich Annette Menzel.

All diese Fragen zum Klimawandel wollen die Wissenschaftler an der TU München in einem soeben gestarteten Citizen Science Projekt, an dem sich Bürger beteiligen können, beantworten (www.baysics.de). Was bereits Alexander von Humboldt erkannt hatte: Alles hängt mit Allem zusammen.

© SZ vom 11.04.2020/infu
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