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SZ-Serie: München natürlich:Die Fledermaus in Wohnungsnot

Fledermaus

Bundesweit gibt es immer weniger Fledermäuse - und Insekten. Da die Abendsegler reine Insektenfresser sind, finden sie nur noch wenig Nahrung.

(Foto: Ralph Sturm/ LBV / oh)

Sie sind gute Jäger und Sänger, kuscheln gerne und sind untreu: Abendsegler sind faszinierende Tiere, haben es in München aber immer schwerer.

Von Thomas Anlauf

Es ist an der Zeit. Die Abendseglerweibchen machen sich bereit für den großen Abflug. Jetzt im April ziehen sie gemeinsam fort aus München, es geht hoch in den Norden in die Holsteinische Schweiz, am Nürnberger Dutzendteich legen die Weibchen auf dem Weg nach Schleswig-Holstein eine Rast ein. Zwei Wochen lang dauert die Reise. Sie sind dann hoch oben am Abendhimmel zu sehen, die Fledermausart ist eine exzellente Langstreckenfliegerin. Der Auslöser für ihren Aufbruch ruht bereits seit einem dreiviertel Jahr in der Gebärmutter. Dort befinden sich die Spermien, die so lange überleben, bis es im April zum Eisprung kommt. Dann fliegen die trächtigen Weibchen los.

Irene Frey-Mann ist seit ihrer Kindheit fasziniert von den Großen Abendseglern (Nyctalus noctula), die neben den Großen Mausohren die größten heimischen Fledermäuse sind. Doch die Vorsitzende des Landesbunds für Vogelschutz (LBV) in München ist besorgt: "Es geht ihnen nicht gut", sagt die Ärztin. In dem Ort bei Heidelberg, in dem sie aufwuchs, flatterten die Abendsegler früher in Scharen um die Straßenlaternen. "Jetzt fliegen sie da nicht mehr."

Der Artenschwund ist aber nicht nur am Neckar zu bemerken. Bundesweit gehen die Bestände seit einigen Jahren zurück. "Das liegt sicherlich auch an der Ernährung", sagt Irene Frey-Mann. Große Abendsegler sind reine Insektenfresser, doch wegen des starken Rückgangs an Insekten finden die Fledermäuse auch nicht mehr so viel Nahrung.

In München sind sie auch zunehmend von Wohnungsnot bedroht. Alte Bäume, in denen sie gern in verlassenen Spechthöhlen leben, werden weniger, weil sie aus Sicherheitsgründen gefällt werden. Und auch an Gebäuden, wo die Großen Abendsegler in Rollladenkästen, hinter Spalten in der Fassade oder im Dach nisten, finden sie wegen oft nicht sachgemäßer Gebäudemodernisierung immer seltener Unterschlupf. In München leben sie deshalb häufig in den Gartenstädten, wo noch nicht jedes Haus renoviert ist, oder aber in älteren Hochhaussiedlungen. Auch in Ismaning gibt es noch viele Abendsegler, dort leben sie überwiegend in Fassadensteinen und Fledermauskästen.

Wenn die Weibchen nach Norden aufgebrochen sind, bleiben die Männchen des Großen Abendseglers ihrer Heimat treu. Den ganzen Sommer über sind sie sozusagen Strohwitwer, während die Weibchen in ihrem Sommerquartier bei Plön ihre Wochenstuben beziehen und oftmals zwei Junge bekommen. Das Kuriose: Der Nachwuchs kann durchaus von zwei verschiedenen Männchen stammen. "Die sind überhaupt nicht treu", sagt Irene Frey-Mann. Und die Männchen sind ohnehin nicht für die Aufzucht des Nachwuchses zu gebrauchen. Also kümmern sich die Weibchen im hohen Norden liebevoll um die Kleinen. Nachts jagen die Mütter Insekten, kehren aber mehrmals in der Dunkelheit zur Wochenstube zurück, um den Nachwuchs zu säugen und zu wärmen. Nach vier bis sechs Wochen sind die Kleinen flügge, dann lernen sie auch, wie man Insekten jagt.

Dr. Irene Frey-Mann ist Fledermausforscherin und Mitarbeiterin des Landesbundes für Vogelschutz. Am Nymphenburger Kanal sucht sie abends oft nach Fledermäusen.

(Foto: Catherina Hess)

Es gibt unter den verschiedenen Fledermausarten durchaus unterschiedliche Taktiken und Reviere. "Der Abendsegler jagt im hohen Luftraum über Wiesen oder auch dem Kleinhesseloher See", sagt Naturschützerin Irene Frey-Mann. Mit einer Spannweite von 40 Zentimetern fängt er seine Beute bei Geschwindigkeiten bis zu 60 Stundenkilometer. Unter Bäumen wiederum fliegen die Zwergfledermäuse, die Wasserfledermäuse huschen knapp über die Wasseroberfläche des Kleinhesseloher Sees und das Mausohr hat sein bevorzugtes Revier im Wald. So kommen sich die Fledermäuse bei der Jagd kaum in die Quere.

Im Spätsommer ziehen die Weibchen wieder zurück in den Süden. Dort warten schon die Männchen in ihrem gemütlichen Baumquartier und halten Ausschau nach den Weitgereisten. Dabei geben die Daheimgebliebenen regelrechte Konzerte. Forscher haben herausgefunden, dass die Männchen ziemlich komplexe Tonfolgen trällern können, damit sollen vermutlich die Weibchen beeindruckt werden. Es könnte aber auch sein, dass sie andere Männchen warnen, sie sollen die Finger von den Damen lassen. "Die rufen im Ultraschallbereich und jeder singt auf einer anderen Frequenz", weiß Irene Frey-Mann, die bei sich daheim auch mal verletzte Fledermäuse pflegt.

Wenn sich die Weibchen vom Gesang der männlichen Abendsegler betören lassen, kommen sie ziemlich schnell zur Sache. Nach der Paarung geht es ans Fressen, schließlich müssen für den nahenden Winter Fettreserven angefuttert werden. Dann ziehen sich Männchen und Weibchen in ihre Winterhöhlen zurück und kuscheln sich aneinander. Der Herzschlag geht zurück, die Körpertemperatur passt sich der Umgebung an. Bis es draußen endlich Frühling wird und die Abendsegler wieder hoch in den Abendhimmel steigen.

© SZ vom 08.04.2020/kafe
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