Müll Erinnerungen an das erste Treffen

Das Fahrrad

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Das Fahrrad hat Udo Schilling, 72, damals für seinen Sohn gekauft - und beim dem durchaus etwas ausgelöst. Schilling ist selbst mehrfacher Meister im Rudern, gewann Dutzende Titel, und so versuchte er seinem Sohn die Passion für Sport weiterzugeben. Das eiserne BMX-Rad war nach dem Dreirad das erste Fahrrad des Juniors, mittlerweile ist der 40 Jahre alt und fährt vor allem Berghänge hinab. Hill biking nennt sich das, "da geht es gnadenlos steil runter", sagt Schilling. Manchmal begleitet er seinen Sohn mit auf den Berg, mindestens 2000 Meter geht es nach oben, dann nimmt der Sohn auch mal den Drachen und hebt ab. Sein Vater sagt über ihn: "Das ist ein völlig Verrückter." Mit dem kleinen Fahrrad damals begann die Begeisterung für die Extreme. Gerade will Schilling es in den Container werfen, dann aber entscheidet er sich doch noch anders. Das Rad kommt wieder mit. Sein Sohn wusste nicht, dass er es auf den Wertstoffhof gebracht hat. Wahrscheinlich wird er verärgert sein, wenn er es erfährt - aber sich freuen, dass es noch da ist.

Der Tisch

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Es war nicht sein Tisch, sondern der seiner Freundin. Er sah sie zum ersten Mal im Café Mélange am Westfriedhof. Er trank dort einen Kaffee, beim Rausgehen sah Dieter Lindemann in einem Spiegel "ihr liebes Gsichtl". Er beschloss vor der Türe auf die Frau zu warten, Zeit hatte er ja. Lindemann, 84, war früher einmal Maschineninspektor für Erdbaumaschinen, seit 13 Jahren aber ist er nun im Ruhestand. Und seit jenem Tag im Café verbringt er den nicht mehr alleine. Die Frau machte im Café gerade Pause, sie war eigentlich mit ihrem Taxi unterwegs - sich was zur Rente dazuverdienen, um die Wohnung abzubezahlen. Acht Tage später traf er sie wieder, seitdem sind sie ein Paar, wohnen aber nicht zusammen. Dieter Lindemann nennt das: "Gschlampertes Verhältnis". Der Tisch stand viele Jahre bei seiner Freundin im Keller, mit einer Platte aus geschliffenem Glas. Die Freundin dachte immer, vielleicht braucht ihn einmal der Enkel, aber wie es so oft passiert, hob sie ihn fünf Jahre auf, um ihn dann doch wegzuwerfen. Ein Schreibtisch aber steht noch im Keller. Und wartet auf den Enkel, der bald aus Mexiko zurückkommt.

Das Radio

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Er wohnt seit zehn Jahren in dem Haus, aber das alte Radio hat Thomas Martin erst spät entdeckt. Vielleicht gehörte es den direkten Vormietern, die hätten alles Mögliche im Keller gesammelt. Deshalb ist er mit seiner Mutter an diesem Nachmittag auch auf den Wertstoffhof gekommen, sie wollen endlich aussortieren. Martin, 15, hat das alte Radio aufgeschraubt, es schien intakt zu sein, anstecken wollte er es nicht - aus Angst, dass es kaputt geht. Eigentlich fand er das Radio auch zu schön, um es wegzuwerfen, er hatte es zum Verkauf ins Internet gestellt. Doch niemand wollte es haben. Jetzt kommt das Radio also doch auf den Müll, obwohl es eigentlich noch zu gebrauchen wäre, wie so vieles auf dem Wertstoffhof, auf einem von zwölf in der Stadt. Die Leute bringen Schallplattenspieler, Couchgarnituren, Kinderwägen und Topfpflanzen. 84 139 Tonnen werden jedes Jahr auf den Münchner Wertstoffhöfen gesammelt. Davon sind um die 4000 Tonnen "Elektronikschrott" - Waschmaschinen oder Kühlschränke ausgenommen. Einer der Mitarbeiter erzählt, neulich habe ein Mann ein teures Soundsystem vom Hersteller Bose hergebracht. Ein ganz neues.

Der Hometrainer

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Sie macht, was man in ihrem Alter nun eben machen muss, sagt Liane Simmel, 52. Der Vater ist verstorben, die Mutter lebt im Seniorenheim - und sie kümmert sich nun um das Haus sowie alles, was darin übrig geblieben ist. Zum Beispiel um den Home Trainer aus den Siebzigerjahren. Mit dem hatte sich der Vater immer vorgenommen abzunehmen, letztendlich aber stand das Ding doch nur im Partykeller. Ungenutzt. "Ich dachte, irgendwann habe ich die Zeit, die Sachen zu verkaufen", sagt Simmel, aber man nehme sie sich eben doch nie. Zuletzt hat Simmel selbst geschneiderte Stücke der Schwester zur Kleidersammlung gegeben. Einen Seidenanzug wie aus dem Film Pretty Woman zum Beispiel, genau nachgeschneidert. Die Schwester arbeitet als Schnittdirektrice und nähte ihr zu jedem Anlass ein neues Teil. In ihrem eigenen Haus wiederum hat Liane Simmel mittlerweile einen neuen Crosstrainer stehen - den hat ein Freund dort untergestellt, der ebenfalls ein Haus ausräumen musste und keinen Platz dafür hatte. Mit dem könne sie ja öfter einmal trainieren, sagte er. Seitdem steht der Crosstrainer dort. Ungenutzt.