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Für Entdecker:Shampoo, das nach Einhorn riecht

Die Schüler der Klasse 3b der Grundschule Planegg sind fasziniert vom bionischen Fisch. An diesem Stand sollen Kinder lernen, selbst Roboter zu bauen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Auf der Messe Forscha geraten nicht nur Kinder ins Staunen

Es sind nur ein paar bunte Vierecke, ein Spiegel zum Aufklappen und eine hellblaue Unterlage. Aber der zwölfjährige Hannes hat sie gleich als Herausforderung erkannt. Hat den Spiegel aufgestellt, sich rote, gelbe und weiße Holzklötzchen genommen und angefangen, das Muster zu legen, das er auf einem Kärtchen sieht. Der Trick: Er legt nur einen Teil des Musters, die Spiegelungen im Klappspiegel machen daraus das komplette Mosaik. "Je enger ich den Winkel des Spiegels mache, desto öfter wird es gespiegelt", erklärt Renate Puchta dem Sechstklässler und seinem Freund.

Renate Puchta hat sich dieses Spiel ausgedacht. Dieses und noch viele andere. Ursprünglich mal für ihren Sohn, den die Spielsachen im Kindergarten langweilten. Seit 13 Jahren verkauft die promovierte Biologin ihre Spielsachen, seit einigen Jahren hat sie mit ihrem Einhertz-Verlag einen eigenen Stand auf der Messe Forscha. Zum zehnten Mal findet die dieses Jahr in München statt, 150 Experimente und Workshops ballen sich in einer Messehalle im MOC in der Lilienthalallee. Und mittendrin 2000 Kindergarten- und Schulkinder aller Altersgruppen. Sie wuseln am Freitagvormittag durch die Messehalle, begleitet von ihren Lehrern und einigen Eltern. Der Freitag ist der Tag für die Schulklassen, am Wochenende dürfen alle kommen. Es geht darum, zu experimentieren, sich auszuprobieren. Nicht nur zuschauen, sondern selber machen, Naturwissenschaften zum Anfassen.

Kultusminister Michael Piazolo von den Freien Wählern hält eine Eröffnungsrede, in der er sagt: "Mit MINT bringen wir die Wirtschaft voran." MINT steht für die Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Außerdem lobt Piazolo, wie sinnvoll ein Freitag genutzt werden könne - was durchaus als Seitenhieb auf die Schüler verstanden werden kann, die sich bei Fridays for future engagieren.

In der Messehalle bleiben die Kinder vor der Wärmebildkamera am Stand des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt stehen, strecken ihre Zungen raus, hüpfen und bewundern den großen Mond, der grau von der Decke baumelt. Sie schießen mit einem Gummiband Styroporflugzeuge durch die Halle, die immer wieder zu ihnen zurückkehren, basteln Nistkästen und rühren ihr ganz persönliches Shampoo zusammen.

Das von Lisa riecht nach Einhornpups, das von ihrer Freundin Miriam nach irgendwas mit Beeren. Zehn Tropfen des Duftöls haben sie gerade in den Glasbecher mit der milchigen Flüssigkeit gegeben, nun rühren die beiden 14-Jährigen fleißig mit einem Glasstäbchen darin herum. Ihre Chemielehrerin Bettina Funk hockt neben ihnen, mischt sich auch ein Shampoo. "Das Tolle an der Messe ist, dass sich jeder Schüler hier aussuchen kann, was er gerne ausprobieren möchte", sagt sie. Lisa und Miriam haben sich diesen Stand ausgesucht, weil Chemie ihnen Spaß macht. "Die anderen Stände sind sehr technisch", sagt Miriam. "Und ein Shampoo kann man ja immer brauchen."

Einen Stand weiter zieht eine Mutter ihr Smartphone aus der Tasche, macht ein Bild von ihrem Sohn und seinen drei Klassenkameraden. Die Viertklässler sitzen nebeneinander und füllen mithilfe eines Trichters zuerst Wasser und Lebensmittelfarbe und danach Öl in die Plastikflasche, die vor ihnen steht. "Ich finde es gut, was die Kinder hier machen", sagt die Mutter. Sie ist Ingenieurin, ihr Mann auch. Den Schülern die Naturwissenschaften nahezubringen, das sei so wichtig, sagt sie.

Der Versuchsleiter am Tisch gibt den Schülern eine Magnesium-Calcium-Tablette aus dem Drogeriemarkt. "Schaut mal, was passiert, wenn ihr sie hineinwerft", sagt er. Die Tablette beginnt zu sprudeln, Blasen steigen auf. "Daheim blubbert die Lavalampe mit Wasser und Strom. Hier blubbert sie wegen der unterschiedlichen Dichte der beiden Flüssigkeiten und der Brausetablette."

Drei Mädchen, geschminkt, mit Handtaschen statt Rucksäcken, packen auf der anderen Seite des Tisches ihre Lavalampen ein, eine ruft: "Okay, und jetzt gehen wir zur Bundeswehr, das soll geil sein." Am Stand der Bundeswehr stehen einige Kinder Schlange vor einem Spiel. Zwei sind gerade dabei, klatschen mit ihren Handflächen auf einer Wand die Elemente ab, die leuchten. Bei dem Spiel geht es um Schnelligkeit, der Bundeswehr gehe es darum, nah bei den Menschen zu sein, sagt Hauptmann Oliver Lehrl.

Ein paar Meter weiter entwickeln vier Mädchen in der Erfinderwerkstatt ein eigenes Spiel, basteln Figuren aus stromleitender Knete, setzen ihnen Leuchtdioden auf und schließen eine Batterie an. "Wir wollen den Kindern Erfindergeist und Kreativität vermitteln", sagt Jessica Köhler von der Arbeitsgemeinschaft Spiellandschaft Stadt. "Wir merken, dass die Kinder kaum darin gefördert werden, einfach mal etwas zu machen." Hier entwickeln sie alles alleine, sie bekommen keine Vorlagen, sondern denken sich alles selbst aus: das Spielbrett, die Figuren, die Regeln. Anfangs seien die Kinder davon irritiert, sagt Jessica Köhler. Aber schon bald fangen sie an zu zeichnen und zu basteln. So, wie die zwölfjährige Salome, die ihr Leiterspiel erklärt, das sie gerade auf ein Blatt gezeichnet hat und für das sie nun die Spielfiguren entwirft. "Nur wenn Kinder quer denken können, sind sie später in der Lage, etwas weiterzuentwickeln oder Neues zu entdecken", sagt Köhler.

Auf der Messe lässt sich viel Neues entdecken: 3D-Drucker, Farbe aus Speisequark, die einzelnen Bestandteile einer LED-Lampe, ein Roboter in Fischform. Und der Mond hängt natürlich nicht zufällig am Stand des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. Wer will, kann dort einen virtuellen Moonwalk unternehmen, eine 3D-Brille macht es möglich.