Münchner Innenstadt:Umzugspläne hinter der Rathausfassade

Münchner Innenstadt: Direkter Nachbar der Rathaus-Information: der Bernsteinladen.

Direkter Nachbar der Rathaus-Information: der Bernsteinladen.

(Foto: Robert Haas)

Nach dem Aus von Sport Münzinger gibt es Begehrlichkeiten am Marienplatz: Ein "Europäisches Haus" ist im Gespräch und eine Erweiterung der München-Information. Bestehende Mieter sorgen sich nun, verdrängt zu werden.

Von Julian Raff

Als wichtiger Anlaufpunkt für Touristen und Einheimische bleibt die München-Information auch weiterhin im Erdgeschoss des Rathauses, so viel ist sicher. Ansonsten aber hat der Strukturwandel in der Innenstadt mit der Schließung des Traditionsgeschäfts Sport Münzinger auch an Münchens zentralster Adresse Spuren hinterlassen. Inzwischen zeichnen sich im Rathaus am Marienplatz weitere Veränderungen ab, denen einige Betroffene mit Sorge entgegen sehen: In die früheren Münzinger-Räume an der Ecke zur Weinstraße könnte, falls das Europaparlament zustimmt, ab Mitte des Jahrzehnts ein "Europäisches Haus" einziehen, als EU-Informations- und Ausstellungszentrum eine Ergänzung zur benachbarten München-Information.

Diese ist zugleich nach nunmehr 27 Jahren im Rathaus ein Fall für Modernisierung und Ausbau. Vom Raumangebot her käme dafür auch das Münzinger-Ladenlokal infrage - allerdings nur, falls sich die EU-Spitze doch nicht dazu entschließt, das erste Europäische Haus außerhalb einer europäischen Hauptstadt zu bewilligen. Sollte das EU-Haus aber kommen, müsste die Bürger- und Touristeninfo am jetzigen Ort erweitert werden, zu beiden Seiten, in die benachbarten Ladenlokale hinein. Ein Problem wäre dies vor allem für den rechterhand gelegenen Bernsteinladen.

Nachdem Sport Münzinger im Spätherbst 2020 aus dem Rathauseck ausgezogen war, fasste der Ausschuss für Arbeit und Wirtschaft im September 2022 einen Initialbeschluss fürs Europäische Haus an diesem Standort. EU-Parlamentspräsidentin Roberta Metsola hatte im Juni 2022 noch einmal die grundsätzliche Bereitschaft bekräftigt, einen entsprechenden Parlamentsbeschluss und eine positive Machbarkeitsstudie vorausgesetzt. Eine interaktive Ausstellung mit dem Titel "Erlebnis Europa" soll die gemeinsame Geschichte beleuchten und die EU-Institutionen sichtbar machen, unter anderem in Form eines interaktiven 360-Grad-Kinos, das eine Plenarsitzung im Europäischen Parlament simuliert. Neben dieser und weiteren virtuellen Attraktionen stünden wohl auch persönliche Ansprechpartner für Fragen und Kritik bereit. Das Eck-Ladenlokal am Marienplatz 40-44 würde dafür auf mindestens zehn Jahre als "veredelter Rohbau" ans EU-Parlament vermietet.

Münchner Innenstadt: Soll erweitert werden: die Rathaus-Information.

Soll erweitert werden: die Rathaus-Information.

(Foto: Robert Haas)

Nebenan, in der München-Information, geht es inzwischen oft eng, laut und stickig zu, die Frequenz ist zwischen 2005 und 2019 von 800 000 auf mehr als eine Million Besucher pro Jahr gestiegen. Neben Verbesserungen bei Raumklima, Beleuchtung und Akustik ist nun geplant, die Touristeninformation und die Anlaufstellen für Münchner, etwa zur Eintragung für Volksbegehren, räumlich voneinander zu trennen, mit separaten Eingängen. Die individuellen Beratungsplätze der Bürgerberatung sollen außerdem vom ersten Stock ins Erdgeschoss verlegt werden, um das Angebot buchstäblich niederschwelliger zu machen.

Zwei der drei betroffenen Ladenstandorte beherbergen derzeit Zwischennutzungen: Die Münzinger-Räume werden vorerst weiter vom Gesundheitsreferat belegt. Das bisherige Impfzentrum wird dabei in eine Teststation umgewandelt, die mindestens bis Ende Februar, eher bis April 2023 in Betrieb bleibt, wenn nötig auch länger. Dem links der Bürgerinfo gelegenen Café wollte die Stadt wegen ihres Eigenbedarfs schon vor fünf Jahren kündigen. Nach einem Aufschub stieg die Betreiberin schließlich zum Jahresende 2021 selbst aus. Derzeit berät hier das "Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft" freie Künstler.

Vor einer heiklen Entscheidung steht das Kommunalreferat als städtischer Liegenschaftsverwalter unterdessen mit der möglichen Kündigung des zweiten Ladenlokals, nicht nur wegen des Namens "Bernsteinladen im Rathaus". Im Jahr 1884 als Bernsteinmanufaktur in Danzig gegründet, emigrierte das Geschäft 1919 von der Ostsee nach München, wo es, zunächst vis-à-vis am Marienplatz gelegen, 1956 in die Rathaus-Arkaden einzog. Vor 19 Jahren verkaufte die Gründerfamilie das Geschäft an den branchenbekannten dänischen Bernsteinhändler Søren Fehrn.

Eigentlich kündigt die Stadt vertragstreuen Mietern nicht

Dessen Witwe Vilia Fehrn führt es seit März 2022 weiter - womöglich sogar als ältestes Bernstein-Unternehmen der Welt und sicher als eigenständiges Münchner Traditionsgeschäft, dessen internationale Vernetzung offenbar zu Missverständnissen geführt hatte: In der Beschlussvorlage des Kommunalausschusses heißt es, das Mietverhältnis unterliege nicht den seit 2006 geltenden Schutzrestriktionen des Innenstadtkonzepts, da es sich lediglich um eine Filiale handle.

Dem widersprechen Vilia Fehrn und ihre Mitarbeiterin Susanne Lutz, die das Geschäft an Ort und Stelle führt, energisch: Die asiatischen und arabischen Schriftzeichen am Eingang richten sich an die internationale Kundenklientel, zudem findet sich der Name "Amber House" weltweit, weil er nicht geschützt ist. Da zahlreiche Kunden aus Taiwan kommen, erteilte das Unternehmen einem Bernsteinmuseum in Taipeh eine ausdrückliche Namenslizenz. Einen zweiten Ladenstandort in den Hamburger Alsterarkaden, ebenfalls direkt am Rathaus, gab das Unternehmen Ende 2020 auf, nachdem der Umsatz corona-bedingt weggebrochen war.

Spätestens seitdem läuft der Münchner Laden als betriebswirtschaftlich komplett eigenständiges Unternehmen. Im Kommunalreferat räumt man ein, dass die Stadträte die Weichen zur Kündigung des Bernsteinladens möglicherweise auf einer nicht ganz korrekten Informationsbasis getroffen hätten. Wie Referatssprecherin Maren Kowitz erklärt, bleibt dies aber ohne Einfluss auf die unerfreuliche Ausgangslage: Eigentlich kündige die Stadt vertragstreuen Ladenmietern nicht und wolle auch den Bernsteinladen "gerne in bester Lage erhalten".

Allerdings bestehe hier eben auch dringender Eigenbedarf im öffentlichen Interesse. Das Innenstadtkonzept gelte grundsätzlich für neue Mietabschlüsse, gewähre aber keinen 100-prozentigen Bestandsschutz. Vertretbar erscheint eine Kündigung aus städtischer Sicht vor allem vor dem Hintergrund, dass man dem Bernsteinladen zwei frei werdende Läden im Ruffinihaus angeboten hatte.

Arabische und asiatische Stammkunden lassen sich kaum umlenken

Dies sei aus zwei Gründen keine Option gewesen, wie Susanne Lutz vom Bernsteinladen-Team erklärt: Vor allem arabische und asiatische Stammkunden auf durchgetaktetem München-Trip ließen sich kaum umlenken. Zudem habe man per Augenschein und im Gespräch mit den jetzigen Mietern den Eindruck gewonnen, dass die 2018 bis 2019 erfolgte Sanierung des Ruffinihauses nicht nach jedermanns Ansicht zufriedenstellend erfolgreich verlaufen sei, auf den neuen Mieter womöglich also noch Investitionen warteten.

Trotz gleichbleibender Miete, die zudem als Umzugshilfe für mehrere Monate ausgesetzt worden wäre, sei die Verlagerung "unter Betrachtung aller anfallenden Kosten für uns nicht umsetzbar", heißt es in einem Schreiben, mit dem Fehrn, Lutz und ihre Mitarbeiterinnen an OB Dieter Reiter appellieren, das "auf dem internationalen Bernsteinmarkt etablierte" und "schützenswerte Geschäft für München zu erhalten".

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