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Urban Running:Party auf hartem Asphalt

Die Strecke der Urban Runners führt mitten durch die Stadt - und manchmal auch durch den U-Bahnhof.

(Foto: Stephan Rumpf)

U-Bahntreppen statt weicher Waldwege, Pacman-Spaß im Hofgarten statt endloser Runden im Park: Beim Laufen mit den "Urban Runners Munich" wird die Stadt zum Spielplatz.

Laufgruppe hätte man sie früher genannt, die etwa 50 bis 60 Sportler, die sich immer mittwochs vor dem Park Café an der Sophienstraße treffen. Trainer, Anfänger und Fortgeschrittene, asketisch ausgemergelte Halbprofis und solche, die es vielleicht mal werden wollen und an diesem Sonntag in München ihren ersten Marathon bestreiten werden.

Dann setzt sich der Schwarm in Bewegung, und bei jedem Schritt mehr wird klar: Profaner Feierabendlauf war gestern, mit der Laufcommunity "Urban Runners Munich" erlebt man sein Runner's High ganz neu. "Du bist ein Urban Runner, wenn die Stadt dein Spielplatz ist", sagt Frontrunnerin Sandra Mastropietro.

Schwitzend und schnaubend die Rolltreppen hoch

Und das sieht zum Beispiel so aus: Im Schein der Stirnlampen wird erst einmal locker von der Sophienstraße bis zur U-Bahn-Station Odeonsplatz und hinunter in den U-Bahnhof gejoggt, wo am Bahnsteig einige gestresste Pendler die Vorbeieilenden in ihren hautengen Laufklamotten anstarren und Jugendliche zu johlen beginnen. Beim ersten Mal mag es einem noch ein wenig unangenehm erscheinen, sich schwitzend und schnaubend an den Passanten auf den Rolltreppen vorbeizuschlängeln.

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In den Sattel, ihr Anfänger

Dann lässt man sich darauf ein, merkt, dass einen die Gruppe mitnehmen kann - und verschmilzt mit den anderen zu einer Einheit. War da was? Nur nichts anmerken lassen, Blicke und Kommentare ignorieren und weitermachen. Bis zum nächsten Sprint.

Spaß, Individualität und ein lässiger Lifestyle

Spätestens seit diesem Jahr ist Urban Running, das wie so viele Trends aus den USA kommt, auch in München ziemlich angesagt, von der "neuen Lauflust" schreibt die Fachzeitschrift Runner's World in ihrer Augustausgabe, "die unsere Städte erobert". Deren Vorreitern gehe es um Spaß, Individualität und einen lässigen Lifestyle. "Immer mehr Menschen entdecken das Laufen für sich, weil sie heute mehr auf ihren Körper und die Ernährung achten", sagt Mastropietro. "Früher machte man Sport im Verein, jetzt gibt es den coolen Lauftreff."

Seit April verabreden sich die Urban Runners über Facebook, gestartet ist eine Gruppe von 30 Läufern, inzwischen kommen im Schnitt doppelt so viele zu dem wöchentlichen Treff. Darunter immer häufiger Austauschstudenten und auch Flüchtlinge, weshalb fast mehr englisch als deutsch gesprochen wird. Einer, der fast immer dabei ist, ist Ernesto Lein, erfahrener Marathon- und Ultra-Marathon-Läufer. "Früher war ich immer ein Alleinläufer. Aber hier passt es einfach von der Gruppe, da redet keiner blöd daher." Und die Gruppe feiert sich am Ende des Trainings immer mit einem gemeinsamen Abschlussbild.

Fangen spielen im Hofgarten

Jeder, der gesund sei, könne laufen, heißt es. Fragt sich meist nur, wie schnell. Bei den Urban Runners sollte man mindestens acht Kilometer am Stück laufen können, um den Abend auch genießen zu können. Zusammen mit Andrea Löw und Sebastian Hallmann, siebenfacher deutscher Meister im Langstreckenlauf, überlegt sich Sandra Mastropietro, wie sie die Gruppe abseits stumpfen Kilometerfressens zu neuen Höchstleistungen antreiben kann. Dabei fallen ihnen so lustige Dinge wie der Pacman Run ein, eine Runde Fangen spielen im Hofgarten. Oder die Bavarian Bergsprints, ein Intervalltraining an der Theresienwiese. Und am nächsten Mittwoch: ein Go-Smiling-Bootcamp.

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Wie das bei Trends so ist: Dahinter stecken auch Hoffnungen der Schuh- und Funktionsbekleidungsindustrie, ihren Markt auszubauen. Die Trainer der Münchner Laufcommunity werden von einem Schuhhersteller und einem Sportgeschäft gesponsert, ab und zu gibt es Produkte wie die Stirnlampen zum Testen. Aber alles ganz unaufgeregt. Das ist nicht überall so. Ein Läufer erzählt von einem Event eines anderen Anbieters, bei dem alle paar Meter angehalten wurde, um zu demonstrieren, welch unglaublich nützliche Funktionen ein Pulsmesser biete.

Fitnessstudio ohne Eintritt

An diesem Mittwochabend werden "Stabi-Partys" gefeiert, das bedeutet: Stabilisationstraining. Ein guter Party-Ort, um einen (Muskel-)Kater zu kriegen, ist der Odeonsplatz. Sprünge im Ausfallschritt, jeweils zwölf pro Bein, fünf Runden. "Boah, das jetzt noch dreimal", stöhnt es nebenan. Weiter geht es durch den Hofgarten, vorbei an dem jungen Pärchen, das auf der Bank knutscht, zum Brunnen am Geschwister-Scholl-Platz, Übungen im Liegestütz.

Die Beine werden schwerer, aber: läuft! So gut, dass man schon überlegt, wie man mit den Informationen umgeht, die man auf dem Weg zum Königsplatz aufschnappt: Der Köln-Marathon sei der beste, da halten sie einem aus jeder Kneipe ein Kölsch entgegen. "Hier gibt es immer einen, der fitter und erfahrener ist. Das motiviert und zieht einen mit", sagt Alex Ertelt, die bisher immer Zehn-Kilometer-Läufe bestritten hat. Bald sollen die Strecken länger werden.

Der Königsplatz ist der letzte Ort, an dem München zum Fitnessstudio wird. Ein Studio ohne Eintritt, dafür mit viel Ausblick - wenn man die Treppen bei den Sprints bis ganz oben erklommen hat. Ähnlich erleuchtet wie von den vielen Stirnlampen fühlt man sich im Ziel. Die ewig gleichen Runden im Park, die man mit verbundenen Augen abtrotten kann, und sogar den weichen Waldboden vermisst man vorerst nicht. Plötzlich mag man den Spielplatz auf hartem Asphalt.

Mit Wald- und Wiesenidylle können die Urban Runners nichts anfangen. Abwechslungsreich bleibt es trotzdem: eine kurze Kräftigungsübung am Odeonsplatz.

(Foto: Stephan Rumpf)