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Kirche:Emotional und aufrecht

"Rundum glücklich“, sei sie, sagte Susanne Breit-Keßler an der Seite von Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. Hier noch vor dem Gottesdienst.

(Foto: Stephan Rumpf)

Mit Gottesdienst und Empfang wird Regionalbischöfin Breit-Keßler verabschiedet

Die Regionalbischöfin weiß ihre Gefühle in Worte zu kleiden. In den vergangenen 18 Jahren hat sie dies in ihren Predigten bewiesen, die stets "zeitlich aktuell, Herz und Verstand" berührend waren, wie Markus Söder zum Abschied von Susanne Breit-Keßler betonte. Diese lobenden Worte fand der Bayerische Ministerpräsident - selbst evangelisch, wie er betonte - beim abendlichen Empfang in den Räumen der Israelitischen Kultusgemeinde. Dort kam man zum Feiern zusammen, und niemandem war mehr nach Tränen zumute. Während des Gottesdienstes am Nachmittag aber, als die Kirchenfrau im Altarraum von St. Lukas sich das Amtskreuz über den Kopf zieht und in die Hände von Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm legt, sind ihre Empfindungen in ihrem Gesicht abzulesen. Die wortgewaltige Rednerin ringt mit den Tränen. Letztlich rinnen sie an den Wangen einiger Wegbegleiter hinunter, die in die Kirche am Mariannenplatz gekommen waren, um Breit-Keßler in ihrer Funktion als Regionalbischöfin zu verabschieden. Sie selbst bleibt, so wie man sie kennt: emotional, aber aufrecht.

Im Auftrag des Herrn, mit diesem Motto der Blues Brothers habe sie ihr Amt angetreten, sagt Breit-Keßler auf der Kanzel. Sie habe stets mit Leidenschaft Position bezogen gegen alles, was sie als ungerecht empfand, wie etwa gegen den "elenden Antisemitismus" von rechts und von links, gegen Missbrauch, gegen Kinderarbeit. Zum Ende nun gibt sie ein neues Motto aus, wieder aus einem Film: "We are family". Sie wolle Kirche als Familie verstanden sehen, in der man Geborgenheit und Liebe findet. Sie selbst fühle sich "herrlich geliebt von Gott". Familie aber heiße auch, aufrichtig zu sein, zu kommunizieren, miteinander zu ringen, nicht aufzugeben.

Breit-Keßler nutzt die Gelegenheit, vor Kameras, die den Gottesdienst live übertragen, all jene um Verzeihung zu bitten, denen sie Unrecht getan oder nicht genug Zeit gewidmet habe. Dabei hat sie als Regionalbeschöfin, als Ständige Vertreterin des Landesbischofs, als Oberkirchenrätin im Kirchenkreis München und Oberbayern, als Seelsorgerin, als Pfarrerin und Rundfunkpredigerin sicher so viel gegeben, wie sie nur konnte. "Immer volle Power. Das ganze Leben pur. Immer 100 Prozent, manchmal auch mehr", bescheinigt ihr Bedford-Strohm.

Die Kirchen zueinanderzubringen ist ihr ein Anliegen. Beim Einzug in St. Lukas und am Ende geht sie hinter dem Vortragekreuz der katholischen Nachbargemeinde St. Anna. Weil man in St. Lukas kein entsprechendes Kreuz hat. Man kann es aber auch als Symbol der Verständigung sehen. Ein Zeichen der Freundschaft zwischen ihr und Charlotte Knobloch ist, dass man in den Räumen am Jakobsplatz feiern darf. Im Dialog bleiben mit anderen Religionen, das ist unter Breit-Keßler, der gelernten Journalistin, keine Worthülse. Nach dem Anschlag in Halle hat sie spontan eine Lichterkette um die Synagoge organisiert.

Gemeinsam für das Gute und die Demokratie kämpfen sei Aufgabe der Kirchen, sagt Marian Offman als Vertreter der jüdischen Gemeinde. Dafür wird Breit-Keßler weiter mit aller Kraft im Einsatz sein. Als Predigerin und künftige Vorsitzende des Bayerischen Ethikrats, wie Markus Söder verrät. Für den Ruhestand fühlt sich die 65-Jährige zu jung.

© SZ vom 18.11.2019

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