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Literaturhaus:Münchens Alternativprogramm zur Frankfurter Buchmesse

Neun Verlage bieten den Münchnern im Literaturhaus ein Programm mit Lesungen.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Vierzehn Autorinnen und Autoren stellen bei den "Buchmessespitzen" an drei Tagen ihre neuen Werke vor.

Von Antje Weber

Am Anfang war das Blatt leer, unbeschriebenes, weißes Papier." Doch dann kam Hallgrímur Helgason, so könnte man fortfahren, und schrieb nach diesem ersten Satz noch 567 weitere Seiten voll, auf dass da entstehe: ein neuer Roman. Und was für einer! "60 Kilo Sonnenschein" (Tropen) heißt er, und wenn der isländische Schriftsteller und Künstler Helgason ihn nun im Münchner Literaturhaus vorstellt, dann wird er nicht nur für prächtig viel Sonnenschein sorgen, sondern letztlich ein sehr düsteres Panorama entwerfen.

Denn sein Roman ist nicht nur eine emotionsgeladene Geschichte rund um die unfassbar harte Kindheit und Jugend des Waisen Gestur. Helgason will damit auch Islands einstigen mühsamen Weg in die Moderne abbilden; er beschreibt eine rückständige Gesellschaft, niedergedrückt von Armut und Hunger. Das gelingt ihm so plastisch, so sprachmächtig auch in den Beschreibungen des unwirtlichen Fjordes, an dessen Hängen sich die Handlung entrollt, dass man folgern kann: Dieser Roman macht jede Reise überflüssig.

Nicht nur eine Reise nach Island - der Besuch von Helgasons Lesung im Literaturhaus ersetzt auch eine Fahrt nach Frankfurt. Denn der Autor liest am Freitag, 16. Oktober, im Rahmen eines Festivals: Mit den "Buchmessespitzen" bieten neun Verlage den Münchnern ein Ersatzprogramm zur Buchmesse. Und nicht nur den Münchnern, denn neben den Saal-Karten lassen sich auch Stream-Tickets erwerben. An drei Tagen können die Zuhörer zehn Autoren und (leider nur) vier Autorinnen erleben: Iris Wolff stellt zum Beispiel ihren Roman "Die Unschärfe der Welt" vor, der auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand und für den Bayerischen Buchpreis nominiert ist.

Olga Grjasnowa und Judith Zander präsentieren ihre neuen Romane "Der verlorene Sohn" beziehungsweise "Johnny Ohneland", Marita Krauss ein neues Sachbuch über das Leben der Lola Montez. Unter anderen spricht Reinhold Messner über seine Briefe aus dem Himalaja, Alfons Kaiser über Karl Lagerfeld. Anatol Regnier hat lange in Archiven gesessen, um eine umfassende Darstellung von Schriftstellern im Nationalsozialismus vorzulegen. Und Alexander von Schönburg beschäftigt sich mit der Frage, wie man stilvoll den Planeten rettet, während François Lelord schon in der Vergangenheitsform denkt: "Es war einmal ein blauer Planet".

Und so wird man im Literaturhaus oder vor dem Bildschirm anhand der Bücher des Herbstes über dieses und jenes nachdenken können - aus sicherem Abstand, denn wie schreibt Helgason: "Wir sind Büchermenschen und verfolgen die Dinge aus gehöriger Entfernung". Und erkunden dabei doch den ganzen Planeten.

Buchmessespitzen, Freitag 16. Oktober bis Sonntag, 18. Oktober. Freitag 18 bis 21 Uhr, Samstag 11 bis 21 Uhr, Sonntag 11 bis 18 Uhr, Literaturhaus, Salvatorplatz 1, Saal und Stream-Tickets, Infos unter literaturhaus-muenchen.de

© SZ vom 15.10.2020/vewo
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