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Kampf gegen Corona:Satire ist auch eine Lösung

Camille Tricaud (links) und Franziska Unger.

Franziska Unger und Camille Tricaud arbeiten an "Apocalypse, baby!" - eine fiktive Teleshopping-Show, in der sie Medikamente gegen Weltuntergangs­stimmung bewerben. Über einen heiteren Ansatz in Corona-Zeiten.

Von Anna-Elisa Jakob

Es wirkt zynisch, sich gerade jetzt darüber zu unterhalten, wie ein Werbeclip in einer Welt aussehen könnte, die vor einer globalen Katastrophe steht. Friedlich darüber zu plaudern, was es mit dem Sozialverhalten der Menschen macht.

Doch die jungen Künstlerinnen Camille Tricaud und Franziska Unger haben sich dieser Frage bereits vor Monaten gewidmet, lange bevor ein Virus weltweit viele Menschen infizierte und noch viel mehr in Panik versetzte, sie zu Hamsterkäufen bewegte, die Wall Street lahmlegte. Und gerade dort wollten sie hinsehen: an den Puls der kapitalistischen Gesellschaft, angetrieben davon, neue Produkte zu finden, um die sich stets verändernden Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen - Gesundheit wie Luxus, Angst wie Gier.

Schon bald soll ein apokalyptischer Werbeclip also ausgerechnet dieses ruhige, lichtdurchflutete Münchner Atelier füllen. Die hohen Fenster werden dann abgedunkelt sein, Notizbücher und Laptops der beiden Künstlerinnen nicht mehr zwischen Kaffeetassen und Weinflaschen stehen, die fröhlichen Fotos von der Kühlschranktür verschwinden. Stattdessen sollen Besucher in eine fiktive Teleshopping-Show eintauchen, in denen Medikamente gegen Weltuntergangsstimmung beworben werden oder Kleidung, die vor jeder Wetterlage schützt.

Angelehnt an Produkte, die in Ansätzen wirklich bereits auf den Markt kommen, um mögliche Konsequenzen des fortschreitenden Klimawandels erträglicher zu machen. "Reine Symptombewältigung", sagt Franziska. Für ihr Projekt gehen die beiden davon aus, dass die Temperatur der Erde bereits um drei Grad angestiegen sei. "Es geht darum, dass man dieses wissenschaftlich prognostizierte Szenario ernst nimmt - und es zu Ende denkt", erklärt Camille ihre Idee.

Noch ist dieses Atelier allerdings ein Ort, der nicht weniger an apokalyptische Zustände erinnern könnte. Stattdessen wirkt es unaufgeräumt charmant, und ja, wie das Abbild einer privilegierten Welt, die sich Kreativität leisten kann. Das Atelier stellt die Kirch-Stiftung jedes Jahr ihren Medienkunststipendiaten zur Verfügung, dazu ein Budget von 5000 Euro für ein Projekt und die Möglichkeit, mietfrei zu wohnen. Während Camille, 27, an der Hochschule für Film und Fernsehen studiert, arbeitet Franziska, 32, nebenbei als Architektin. Sie ist im vergangenen Jahr von Heilbronn nach München gezogen, eigentlich nur zeitweise für eine Ausstellung im Werksviertel. Dort lernten sich die beiden Frauen kennen.

Wie schwierig es ist, in einer Stadt mit so hohen Mieten genügend Atempausen für Kreativität nehmen zu können, dieser Gedanke hatte Franziska immer von München ferngehalten. Doch sie blieb, und kurz darauf erhielten sie das Stipendium.

Wenn sie gemeinsam arbeiten, sagt Franziska, sei sie vielleicht emotionaler, intuitiver. Ganz in schwarz ist sie an diesem Tag gekleidet, doch umso auffälliger wirken die vielen bunten Ornamente, die auf ihre Bluse aufgestickt sind. Sie spricht viel über Gefühle, doch erzählt ganz ruhig, während sich bei sofort Wut und Unverständnis in die Stimme legen, wenn sie Nachrichtenmeldungen aus Frankreich zitiert. Bevor Camille für ihr Regiestudium nach München zog, studierte sie Philosophie in ihrer Heimatstadt Bordeaux. Ihre Haare hat sie kurz geschnitten, sie trägt einen Rollkragenpulli, und wenn man mit ihr spricht, denkt sie häufig in Filmszenen. Sie ist auch diejenige, die besser planen und koordinieren kann. "Wir sehen aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf unsere Arbeit, und doch sind wir uns am Ende immer einig", sagt sie. Franziska nickt.

Jung, kreativ, privilegiert - das soll die Zielgruppe sein, die sie mit ihrem Werk ansprechen wollen, sich selbst eingeschlossen. Weil sie all die Fragen, die sie damit aufwerfen, auch an sich stellen. Wenn ich alle Fakten akzeptiere, wie stark muss ich mein Leben ändern? Ich wäre gerne radikaler, doch wo soll ich anfangen? Angst, Wut, Überforderung - das sind die Gefühle, die sie dabei antreiben und die sie hinterfragen wollen.

Gerade in der Film- und Kulturbranche, in der sich die beiden bewegen, sei es lange Zeit ganz normal gewesen, für eine Ausstellungseröffnung schnell mal nach New York zu fliegen. Oder für ein Theaterstück sämtliche Requisiten neu zu kaufen, und dann eine große Menge vielleicht gar nicht zu benutzen. "In einer solchen Branche umzudenken, in der viele Menschen sehr privilegiert sind, ist echt schwer", sagt Camille. Und wer das anspricht, nimmt schnell die Spießerrolle ein.

Mit ihrer Arbeit wollen sie ihrem Publikum nichts Neues beibringen oder moralisieren, sondern die Absurdität dieser Blase darstellen: Das Bewusstsein für den Klimawandel sei bei den meisten da, doch die wenigsten würden weiterdenken, die wenigsten etwas ändern. Weil es zu anstrengend sei, aber auch, weil sie nicht wüssten, wo sie anfangen sollen.

Und wie ist das bei ihnen? Angefangen haben sie mit einem gemeinsamen Kunstprojekt - auch ein Werbeclip für eine fiktive Airline, die sich bereits damit abgefunden hatte, dass die Welt kurz vor der Apokalypse steht. Da tanzen Flugbegleiter umher und schwärmen davon, dass ihre Gäste mit einem Flug mal kurz der schlimmen Realität entkommen könnten - eine Realität, die ja unter anderem durch den Flugverkehr entstanden ist. Das ist die Absurdität, die sie herausarbeiten wollen.

Seit sie den Clip vor einem Jahr gedreht haben, ist keiner aus dem Team mehr geflogen. Sie achten darauf, was und wo sie einkaufen, sprechen mit möglichst vielen über das Thema. "Umso bewusster es ist, umso selbstverständlicher wird es auch - und umso schneller wird sich etwas ändern", sagt Franziska. Das sind die kleinen Dinge, an denen sie selbst arbeiten. Doch Angst, Wut, Überforderung - das bleibt, wenn sie an das große Ganze denken.

"Apocalypse, baby!" soll das fertige Werk heißen, ausgesprochen mit einem selbstironischen Unterton. Ist Satire das beste Mittel gegen Überforderung? "Für uns ist es zumindest eine Lösung, mit Humor und spielerischer Ästhetik bestimmte Menschen anzusprechen, ohne dass es uns selbst komplett verzweifeln lässt", sagt Camille.

Gerade seien sie dabei, diese Überforderung zu entschlüsseln. Sie recherchieren viel, treffen sich mindestens zweimal in der Woche hier in ihrem Atelier, um Studien und Texte von Klimaforschern zu lesen, in den kommenden Wochen wollen sie dem Ganzen noch mehr Zeit widmen. "Unser Ziel ist es, dass wir uns und andere mit diesen Fakten konfrontieren - nicht nur darüber lesen, sondern sie ernst nehmen", sagt Camille.

Nun merken sie auch, was diese Konfrontation mit ihnen persönlich macht, und wie unterschiedlich sie darauf reagieren. "Ich kann mir abends bestimmte Sachen nicht mehr durchlesen, sonst kann ich nicht einschlafen", sagt Franziska. Camille macht hingegen genau das, um sich zu beruhigen: "Meine alltäglichen Probleme wirken dann viel unwichtiger." Sie legt den Kopf schief, lacht, letztendlich sei das aber wohl alles nur ein Psychotrick.

In diesen Tagen merken sie allerdings, dass große Umstellungen möglich sind, und auch das beeinflusst ihre Arbeit. "Durch das Coronavirus erlebe ich zum ersten Mal, wie schnell alles stillstehen kann", sagt Franziska. Wie kurzfristig man Dinge entschleunigen könne, die kurz zuvor noch als unmöglich abgetan wurden. Also zum Beispiel wöchentliche Langstreckenflüge großer Unternehmen gegen Meetings über Skype einzutauschen, den weltweiten Handel runterzufahren, Emissionen drastisch zu reduzieren.

Von November an, wenn alles fertig ist, soll an den hohen weißen Wänden ihres Ateliers die Teleshopping-Show in Endlosschleife laufen: als ein ewiger Aufruf zum Konsum, während im Hintergrund die Welt untergeht.

© SZ vom 16.03.2020/lfr

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