SZ-Serie: Künstlerpärchen:Gut eingerichtet

Julia von Miller und Alexander Müller-Elmau, 2021

Das Sofa hat Alexander Müller-Elmau mit in die Ehe gebracht - auf Anhieb wurde es ein Lieblingsstück auch von Julia von Miller. Es begleitete das Künstlerpaar viele Jahre in der Familienwohnung im Lehel; heute steht es im Wohnzimmer ihrer Altbauwohnung im Glockenbachviertel.

(Foto: Robert Haas)

Liebe, Zoff und Musenküsse, Folge 1: Julia von Miller und Alexander Müller-Elmau sind Bühnenmenschen - und dabei völlig unabhängig voneinander. Sie ist Komödiantin und Sängerin, er Regisseur, Bühnenbildner und Autor. Arbeitsgespräche dulden sie nicht.

Von Barbara Hordych

Mit seiner Schwester hat sie zusammen auf der Bühne gesungen - und dann ihn geheiratet, den Bruder, der unten vor der Bühne stand. "Katharinas jüngerer Bruder kam morgens bei unserer Probe vorbei. Abends, als wir auftraten, schaute uns ihr älterer Bruder zu - da hat es zwischen Alexander und mir sofort gefunkt", erzählt die Sängerin und Komödiantin Julia von Miller. Hoch oben über den Dächern Münchens war das, im Café Glockenspiel, vor nunmehr 23 Jahren.

Bei einem gemeinsamen Treffen mit ihrem Ehemann, dem Bühnenbildner, Autor und Regisseur Alexander Müller-Elmau blickt Julia von Miller auf den Beginn ihrer großen Liebe zurück. Das Paar sitzt im Wohnzimmer ihrer großzügigen Altbauwohnung mitten im Glockenbachviertel. "Wenn man jung ist, denkt man, die Herkunft spielt keine Rolle. Erst später merkt man, wie wichtig ein vergleichbarer familiärer Hintergrund ist, wie vieles er erleichtert", sagt Miller, die vor Kurzem den Schwabinger Kunstpreis 2021 zugesprochen bekam. Das fange schon bei Familienfeiern an, gibt Müller-Elmau zu bedenken. Bei Verwandtschaftstreffen kommen auf beiden Seiten leicht 300 Personen zusammen - "das kann auf Außenstehende einschüchternd wirken, damit hatten andere Angeheiratete schon mal ihre Probleme."

Er entstammt einer Theaterdynastie, sein Vater Raidar Müller-Elmau war Schauspieler, sein Großvater Eberhard Regisseur und Schauspieler. Und sein Urgroßvater war der Philosoph Johannes Müller, Gründer von Schloss Elmau, das heute von seinem Cousin Dietmar geführt wird. Eine beeindruckende Ahnenreihe, der seine Frau Julia eine nicht minder beeindruckende entgegenzusetzen hat: "Mein Ur-Ur-Großvater hat die Bavaria gegossen, mein Ur-Onkel Oskar von Miller hat den Strom und das Telefon nach München geholt." Dieser Oskar ist in München vielerorts anzutreffen - als Gründer des Deutschen Museums, Namensgeber einer Straße - und des Gymnasiums, das seine Großnichte besuchte. "Wobei ich davon keineswegs profitiert habe, eher im Gegenteil. Denn Naturwissenschaften waren nie meine Stärke, die berühmten Millers aber alle Ingenieure. Das hat meinen Lehrer eher amüsiert", sagt Julia von Miller und lacht.

Julia von Miller wollte nie aus München wegziehen

Wie regelt man das mit zwei künstlerischen Karrieren und zwei Töchtern? "Bei der Betreuung haben uns unsere Eltern geholfen, das war sehr wichtig. Wenn Alexander an Theatern in Stuttgart, Düsseldorf, Bochum und Berlin engagiert war, blieb ich in München. Mit den Mädchen bin ich auch alleine nach Elmau zu Alexanders Familie gegangen, dort konnte ich ein einfaches Landleben wunderbar mit Kulturerlebnissen verbinden", sagt Miller.

Ein Modell, das Alexander Müller-Elmau von seinem Vater her anders kannte. "Mein Vater war ja Schauspieler, und ich bin bestimmt 15 Mal umgezogen, bis ich mein Abitur hatte", erinnert er sich. Als Junge erlebte er, wie seine Eltern abends zusammensaßen und überlegten: Es stand ein neues Engagement ins Haus, und das bedeutete, dass seine Mutter mit den drei Kindern mitzog. "Die ersten Jahre hat sie es dann noch geschafft, dort in den neuen Städten ihre berufliche Karriere fortzusetzen. Aber irgendwann wurde das zu schwierig für sie", erinnert sich Alexander Müller-Elmau. Eine weibliche Biografie, die für Julia von Miller nie infrage kam. "Für mich stand es nie zur Diskussion, aus München wegzuziehen", sagt sie energisch. Zudem sie, anders als ihr Mann, eher auf Kleinkunstbühnen im Großraum München auftritt. "Diese Kontakte zu verlieren, hätte mich bestimmt meine Karriere gekostet."

Wie erleben sie den jeweilig anderen bei seinen Projekten? "Es gibt mir jedes Mal aufs Neue den verzauberten Blick zurück, wenn ich Julia auf der Bühne erlebe. Das ist dann eine ganz andere Frau als die, die ich im Alltag zu Hause erlebe, die ihren Toast neben mir am Küchentisch isst", sagt Müller-Elmau. Miller hingegen kommentiert jede Regiearbeit ihres Mannes, sei es die Antigone oder Wagners Rheingold, nach der Premiere erst einmal mit den Worten: "Das war aber wieder besonders schrecklich!". "Das ist als Kompliment gemeint", erklärt sie. Ihr Mann setze sich in seinen Theaterarbeiten oft mit schweren Themen, mit Schmerz und menschlichen Abgründen auseinander. Sie hingegen stehe mehr für das Positive auf der Bühne, mit ihren oft auch ironisch eingefärbten Gesangsauftritten, etwa mit den "String of Pearls". "Was aber nicht heißt, dass ich den Schmerz auslasse bei meinen Liederabenden, den muss man immer mitdenken, wenn es um Biografisches geht", sagt Miller. Man denke nur an jenes "leidenschaftlich unglückliche Ehepaar" Frank und Tilly Wedekind, ihrem neuesten Projekt, das sie gemeinsam mit Anatol Regnier, dem Enkel Frank Wedekinds, vorträgt.

"Wir sind beide sehr eigenständig in unserer Arbeit."

Beraten sie und ihr Mann einander bei ihren Projekten? "Wir führen keine Arbeitsgespräche", betont Müller-Elmau. Denn in der Vorbereitungszeit reagiere er sehr empfindsam auf Einwände. "Ich brauche die zwei, drei Monate für mich und das Projekt alleine, da will ich gar nicht, dass mir jemand hineinredet." Miller empfindet ganz ähnlich, "ich lotse mich mit meinem eigenen Kompass durch meine Programme". Ihr Mann nickt Zustimmung. "Der Gedanke ist naheliegend, dass ich als Schauspielregisseur ihr etwas zu ihrer Bühnenfigur sage. Aber sie will sich nicht helfen lassen, also halte ich mich heraus." Seine Frau präzisiert: "Es hätte halt schnell was mit Machtverhältnissen zu tun, wenn er zu mir sagen würde: Hör mal, das geht so nicht!"

"Wer hat Angst vor Virginia Woolf?", das Ehedrama von Edward Albee, wird im September in Müller-Elmaus Regie auf der Württembergischen Landesbühne Esslingen Premiere haben. Der zerstörerische Gegenentwurf zu ihrer eigenen Ehe? "Vielleicht ähnelt sich das Modell mehr, als man zunächst vermutet. Sie kennen die Realitäten und Phantasien des jeweils anderen, sie verwenden sie aber dafür, sich gegenseitig fertigzumachen, es ist ein ins Negative verkehrtes Modell", sagt Müller-Elmau.

Sehen Sie Überschneidungen mit dem Künstlerpaar Frank Wedekind und seiner 22 Jahre jüngeren Ehefrau Tilly? "Sie ist im Grunde genommen geschluckt worden von ihrem eifersüchtigen Ehemann", sagt Julia von Miller. Auch dies eine Negativfolie zu dem, was sie und ihr Mann leben: "Wir sind beide sehr eigenständig in unserer Arbeit, könnten auch unabhängig von einander existieren", sagt Müller-Elmau. Und seine Frau ergänzt: "Als wir noch im Lehel wohnten, wurde ich oft von anderen Müttern gefragt: Wie hältst du das nur aus, dass dein Mann so oft unterwegs und weg ist? Das ist für mich nie ein Problem gewesen. Umgekehrt ist es auch so, dass Alexander nie eifersüchtig war auf mein Bühnenleben mit meinen Kollegen. Das ist sehr wichtig."

Und hier kommt abermals die Herkunft ins Spiel. "Wir kommen beide aus Elternhäusern, für die eine freiheitliche Erziehung der Kinder selbstverständlich war", betont Müller-Elmau. Da ist es wieder, das verbindende Selbstverständnis ihrer beiden Familien.

© SZ/pop
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