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Sportfest:Keine Scheu vor der Blamage

Zehn Sekunden auf der Slackline schafft man schon mit ein wenig Übung. Für einen Salto braucht es indes viel Mut und Training.

(Foto: Robert Haas)

40 000 Münchner probieren am Königsplatz Freizeitbetätigungen wie Slacklinen, Lacrosse oder Judo aus.

Hurra gewonnen! Gesichert mit Klettergurt und Helm lässt sich das blonde Mädchen in die Luft ziehen. Ernst blickt es von oben auf die Leute und plötzlich, hui, geht es gut fünf Meter schräg hinab in die Tiefe. Sieben Meter wären maximal möglich gewesen, aber ungeduldig hat es sich selbst vorzeitig zum Schaukeln gebracht. Egal. Mit einem gigantisch breiten Lächeln schwingt die Achtjährige aus. Der Gewinn einer Schaukelpartie auf der "Giant Swing" hat sich ganz offensichtlich gelohnt für sie. Ein bisschen doof nur, dass der Anbieter dieses Spaßes ein Münchner Telekommunikationsanbieter auf Kundenakquise ist. Deshalb muss man sich auf dem Sportfestival am Königsplatz mit Name und Anschrift bewerben und darf nur schaukeln, wenn man ausgelost wird.

Nach diesem Prinzip geht es zum Glück nicht an allen Ständen zu und man kann durchaus andernorts recht aktiv werden. Das ist auch letztendlich das Konzept des Festivals, das vom Referat für Bildung und Sport der Stadt München ausgerichtet wird. 2010 fand es das erste Mal statt, heuer nun feiert dieser Sommerevent sein Zehnjähriges.

Auch dieses Jahr sind wieder etwa 40 000 Besucher beim Sportfest dabei. Die Leute kommen, um sich über neue Sportarten zu informieren oder sie ganz einfach auszuprobieren. Lacrosse beispielsweise ist hierzulande noch wenig bekannt, überhaupt erst seit 1993 in Deutschland zu finden. In München bieten die "schnellste Sportart auf zwei Beinen" der HLC Rot-Weiß und seit Mai 2019 auch der TSV Waldtrudering an.

Mit einem Netz am Stiel fischt an in der Luft nach einem Ball, was auch Anfänger schnell erfolgreich lernen können, wie die Vereinsvertreter unisono bestätigen. Dennoch sei der Sport taktisch und körperlich anspruchsvoll, was man hier problemlos ausprobieren kann.

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975 Meter weit. 200 Meter über dem Boden. Fast eine Stunde lang. Mit verbundenen Augen. Lukas Irmler ist einer von ganz wenigen professionellen Slacklinern. Begegnung mit einem Grenzgänger.   Von Gerhard Fischer

"Die meisten haben sonst Angst, sich zu blamieren", sagt die junge Physiotherapeutin, die am Stand mit den Slacklines steht. Hier aber gehört es zur Gaudi dazu, ins Gras zu hüpfen, wenn man es nicht schafft, zehn Sekunden auf dem gerade mal handbreiten Gurt zu stehen. Jeder sei dazu fähig, meint sie. Es gehört halt ein bisschen Übung dazu. Sie selbst setzt das Balancieren therapeutisch ein. Es sei gut für die Koordination und die Gelenkstabilität, erklärt die Physiotherapeutin. Man muss ja nicht gleich Purzelbäume darauf schlagen wie die Profis, die im Laufe des Tages im Wettbewerb um den Weltmeistertitel im "Tricklining" ihre Kunststücke zwei Meter hoch über dem Boden zeigen.

Das hat hohen Unterhaltungswert. Ebenso die Bewegungen der Budo-Kämpfer, wenn man es als Zuschauer etwas ruhiger mag. Gelassen ziehen sie ihre Schwerter durch die Luft. Bei dieser japanischen Kampfkunst gehe es viel um Traditionspflege, sagt einer der Männer in der typischen weiten, blau-schwarzen Hose. "Wer früher das Schwert zog, musste kämpfen", erklärt er. Auch wenn es im Münchner Budo-Verein nicht so martialisch zugeht, sei er sich stets dem Leben und dem Tod bewusst.

Mit einer ähnlich ernsthaften Haltung dürften auch Streifenpolizisten durch die Nacht ziehen. Wie sie sich mit japanischen Kampfsporttechniken fit halten, demonstrieren sie überzeugend auf der Matte nebenan. Respekt und Disziplin seien wichtige Voraussetzungen für Kampfsportarten, hört man auf Nachfrage. Das sagen auch die breitschultrigen Männer der beiden Münchner Rugby-Vereine, die sich auf dem Festival vorstellen. Sie verbinden ihren Sport gar noch mit zwei weiteren Eigenschaften - mit Toleranz und Leidenschaft.

Vor allem letztere bringen wohl die meisten hier für ihre Sache mit. Im strömenden Regen mussten sie morgens ihre Stände aufbauen und immer wieder Schauer über sich ergehen lassen. Bühnenshow und Musikbeschallung von verschiedenen Seiten sorgen teilweise für hohe Dezibelzahlen, so dass Gespräche bisweilen untergehen. Von zehn bis 18 Uhr ist eine lange Zeit, in der etwa der Laufsportverein Achilles International für seinen 8. Hope & Possibility-Run am 28. Juli im Westpark wirbt. Das Besondere daran: Hier laufen auch Menschen mit Handicap mit. Das Festival ist für Vereinsvorstand Alexander Hentzschel ein wichtiges Forum, nach Teilnehmern und auch Sportlern zu suchen, die etwa blinde Läufer als Guide unterstützen.

Wer sich traut, kann auf Boulderwände klettern. Der Deutsche Alpenverein hat eine mitgebracht. Wer spontan Mitglied wird, bekommt ein Stirnband geschenkt. Mit 170 000 Mitgliedern ist die Sektion München und Oberbayern der zweitgrößte Münchner Verein - nach dem FC Bayern. Der ist zwar nicht vertreten, dafür aber der Deutsche Fußballbund, der zum Kicken animiert. Letztlich egal, was man macht, Bewegung hält fit und ist gesund. Studien beweisen, dass Sport das Krebsrisiko vermindert. Unter https://suche.service-sportprogesundheit.de lässt sich herausfinden, wo man auch nach diesem Tag auf dem Königsplatz etwas für seinen Körper tun könnte. Frei nach dem Motto: Sport ist Mord - für Speckröllchen und üble Laune.

Freizeit in München Wo Blamieren zur Gaudi dazugehört Bilder

Sportfest auf dem Königsplatz

Wo Blamieren zur Gaudi dazugehört

Auf dem Königsplatz testen 40 000 Münchner ihr sportliches Geschick.