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Upcycling:Vom Herrenhemd zum Kinderkleid

Ursula Cyris Kinderkleider, Herderstraße 6. Sie macht aus alten Herrenhemden Mädchenkleider

Stoffe sind ihre Leidenschaft: Ursula Cyris arbeitete für Bogner und Joop, dann machte sie sich mit einer Boutique in Neuhausen selbständig.

(Foto: Florian Peljak)

Ursula Cyris schneidert Kindermode aus Kleidung, die Erwachsene aussortieren. Und zweifelt manchmal daran, ob die Münchner schon bereit sind dafür.

Die Idee mit der Kindermode kam ihr vor einigen Jahren bei einer Familienfeier. Kleine Mädchen sausten herum, es gab Kaffee und Kuchen. Was gefeiert wurde, weiß Ursula Cyris nicht mehr genau. An den Zustand so manchen Herrenhemdes aber, das da mit seinem Träger am Tisch saß, an den erinnert sich die Münchnerin noch gut. Hier ein abgetragener Kragen, dort eine verschlissene Manschette. Nicht mehr so wirklich vorzeigbar, aber eben auch zu schade, um das gute Stück zu entsorgen. Denn: "Der Rest des Stoffes war ja noch in Ordnung."

An einem tristen Wintertag hängen die Hemden als niedliche Mädchenkleider an einer Stange im Wohnzimmer von Ursula Cyris. Naturweiß, hellblau-weiß-gestreift, bunt kariert, je nach Hemd. Auch aus schönen, alten Tischdecken, mit Blumen oder Lochstickereien etwa, hat sie schon Kinderkleider genäht. Erst nähte sie für die Töchter ihrer Nichten und Neffen, später schneiderte sie die luftigen Hängerchen auch für andere Kinder.

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Die Taschen der Kleider fasste sie an den Rändern manchmal mit Stoff in einer Kontrastfarbe ein, dann wieder verzierte sie die Kleidchen am Ende noch mit kleinen Elefanten, versah sie mit einem Schluppenkragen oder Schleifchen. Mode für Leute mit einem Faible fürs Nostalgische, das schon, allerdings nicht überkandidelt oder kitschig. Und erfreulicherweise auch für jene erschwinglich, die ihren Nachwuchs für gewöhnlich nicht mit den Kollektionen namhafter Designer einkleiden.

Schöne Kindermode, bei der Preis und Leistung in einem angemessenen Verhältnis zueinander stehen - die müsste doch weggehen wie warme Semmeln? Doch allmählich schließt sich die Lücke, die lange zwischen billigen Polyesterstramplern und sündhaft teurer Markenware klaffte. Das Gerangel um die Kunden ist härter geworden, seit sich immer mehr Mamas in Elternzeit dazu berufen fühlen, es auch einmal mit einer eigenen Kinderkollektion am Markt zu versuchen. So gut wie Cyris können es vermutlich nur wenige: Die nämlich hat nach einer Schneiderlehre die Deutsche Meisterschule für Mode in München besucht. Später entwickelte sie Schnitte für Bogner, auch für Wolfgang Joop hat sie gearbeitet. "Früher hieß das Direktrice, heute sagt man Designerin", sagt sie und hebt die Stimme gegen das Radio an.

Es läuft klassische Musik, die liebt Ursula Cyris. Und die alten Spitzen, die sie sammelt, seit sie 21 Jahre alt ist. Überhaupt: Stoffe, da kennt sie sich aus, die sind ihre Leidenschaft. Was gab es früher für tolle Stoffe, schwärmt sie. Schwere, dichte Seide zum Beispiel, so etwas sei heutzutage kaum noch zu bekommen.

In den Siebzigerjahren eröffnete Cyris eine Boutique in Neuhausen, in der sie ihre eigenen Entwürfe anbot, aber auch den neuesten Schick aus Paris und die Kollektionen des Münchner Luxuslabels Escada, dessen Markenzeichen damals noch große, goldene Knöpfe waren. Auch sonst waren die Zeiten glänzend: Die Münchner waren stolz auf das dichte Netz an hübschen Boutiquen, das die Stadt überspannte. Keine Modeketten in der Fußgängerzone, keine Online-Shops, keine Tiefstpreise an schwarzen Freitagen.

Gerade kleine Labels tun sich da zunehmend schwer, Abnehmer zu finden, das weiß auch Cyris. Und einmal auf einer Messe, habe eine Frau mit hoch gezogenen Augenbrauen gesagt, das sei doch Recycling, ihre Mode. Ist es nicht: Denn wenn Kreative aus ausgedientem Materialien, sei es Holz, Metall oder eben Stoff, etwas Neues schaffen, dann wird das Upcycling genannt.

Idealerweise, sagt Cyris, brächten die Männer die aussortierten Hemden vorbei, damit sie für deren Töchter oder Enkelinnen Kleider daraus nähe. In anderen Momenten zweifelt sie an ihrer Idee, die Münchner seien vielleicht noch nicht bereit dafür, auch ans Aufhören hat sie schon gedacht. Denn wenn sie sich mit den Leuten über die miserablen Produktionsbedingungen in den Textilfabriken Südostasiens unterhält, die dürftige Qualität der Ware, dann heiße es zwar oft: Ja, stimmt, da müsse sich dringend etwas ändern. "Aber das ist dann leider auch schnell wieder vergessen."

© SZ vom 15.01.2020/kaal
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