bedeckt München 23°
vgwortpixel

Faire Kleidung:"Mode ist auch ausbeuterisch"

Geringelte Shorts aus Biobaumwolle - die Mode in München soll grün ticken.

(Foto: Catherina Hess)

Juliane Kahl setzt sich für eine nachhaltige Textilindustrie ein. Sie weiß, wie man seinen Kleiderschrank mit einfachen Mitteln fairer machen kann, für Mensch und Umwelt.

Stimmt schon: Der Haidhauser trägt vegane Turnschuhe, die Schwabingerin zieht dem Nachwuchs Strampler aus Biobaumwolle an, der Bewohner des Glockenbachviertels lässt kaputte Jeans selbstverständlich flicken. Für Juliane Kahl tickt München in der Mode aber noch nicht grün genug. "Wir müssen die breite Masse erreichen", sagt die freie Dozentin an der Akademie Mode und Design (AMD) in München. Vor Kurzem hat die frühere Stylistin das "Responsive Fashion Institute" gegründet, sie will den Münchnern Wissen über die Abläufe in der Textilindustrie vermitteln und Lösungen aufzeigen. Denn in der Mode lassen sich viele Dinge besser machen - wenn man weiß, wo die Probleme liegen. Ein Gespräch über billige Bikinis, Greenwashing und was die Politik ändern sollte.

SZ: Frau Kahl, Sie beschäftigen sich mit Nachhaltigkeit in der Mode. Was sind die schlimmsten Sünden der Branche?

Juliane Kahl: Was mich total erschreckt, ist die Entwicklung des E-Commerce. Manche Firmen haben immense Steigerungsraten. Die erledigen alles übers Internet und sparen so Kosten für Personal und Verkaufsflächen. Ihre Klamotten verkaufen sie über Instagram, das sind ganz billige, schlecht hergestellte Sachen. Bei missguided.com gab es neulich sogar einen Bikini für ein Pfund.

Nachhaltigkeit Weniger ist fair
Nachhaltige Mode

Weniger ist fair

Wenn ein T-Shirt 1,99 Euro kostet und eine Jeans keine zehn, dann kann irgendetwas nicht stimmen. Woran man nachhaltige Kleidung erkennt.   Von Vivien Timmler

Hat es sich nicht herumgesprochen, dass solche Klamotten für einen Hungerlohn gefertigt werden. Wer kauft so etwas?

Viele junge Mädchen, die den Kim Kardashians dieser Welt nacheifern. Die sehen die Outfits auf Instagram, und wenn sie einmal ein Foto von sich in dem Teil gepostet haben, schmeißen sie es weg. Fast Fashion ist Profitstreben, unter den schlechtesten Bedingungen für die Menschen in den Herstellungsländern und für die Umwelt. Da geht es nur darum, die Trends möglichst schnell in die Läden zu bringen, Labels wie Zara oder Mango erhalten alle zwei Wochen neue Lieferungen.

Dabei sind unsere Kleiderschränke voll.

Und wir nutzen nur ein Fünftel davon! Das haben Forschungen ergeben. Auf der anderen Seite wird sehr viel weggeworfen. Inzwischen ist es preiswerter, ein T-Shirt zu kaufen als es zu waschen.

Was ist dran am Vorwurf des Greenwashings - geben sich manche Firmen grüner als sie wirklich sind?

Juliane Kahl, 45, ist freie Dozentin an der Akademie Mode und Design (AMD) in München. Die ehemalige Stylistin leitet die Plattform "Responsive Fashion Institutes" und will nachhaltige und zukunftsorientierte Mode fördern.

(Foto: Catherina Hess)

Dass sich "bio" gut verkauft, hat auch die Mode längst erkannt. Allerdings ist nachhaltige Kleidung natürlich teurer. Da die großen Modefirmen ihre Ware aber trotzdem günstig anbieten wollen, geben sie den Druck an ihre Hersteller weiter, erwarten von diesen entsprechende Zertifikate zur Nachhaltigkeit. Die müssen dann zusehen, wie sie nicht nur schnell und billig, sondern auch noch nachhaltig produzieren. Unter dem Zeitdruck ist das eine sehr große Herausforderung.

Andererseits könnten bekannte Modefirmen eine Vorbildfunktion übernehmen. Immerhin erreichen die viele Leute.

Meiner Meinung nach ist das nachhaltigste Kleidungsstück das, was ich schon habe. Und wenn ein T-Shirt von H & M weniger als zehn Prozent Biobaumwolle enthält, dann ist das für mich Greenwashing.

Ist also Verzicht die Lösung?

Verzicht ist nicht die Lösung. Es soll sich ja jeder weiterhin etwas Gutes tun. Und Mode ist wunderbar. Mode ist Zugehörigkeit, Teamgeist. Aber momentan ist sie eben auch ausbeuterisch.

Sie meinen die Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken in der Dritten Welt?

Ja, der Kostenfaktor Mensch. Bislang war die Textilproduktion in Bangladesch und auf den Philippinen am preiswertesten. Mittlerweile wird die Arbeit der Frauen - denn es sind meistens Frauen in den Fabriken - in Äthiopien noch preiswerter. Und die Fehler aus Südostasien wiederholen sich dort: miserable Bezahlung, Druck, Misshandlungen, auch sexuelle Misshandlungen.

Was müsste also passieren, damit sich endlich etwas ändert?

Wir brauchen ein komplett neues Geschäftssystem für die Mode, das mit politischen Regularien für Transparenz sorgt. In der Vergangenheit war es einfach, mit Mode viel Geld zu verdienen, aber nun sind wir an einem Punkt, an dem es so nicht mehr weitergeht.

Was für Regularien sollten das sein?

Eine Kontrolle durch unabhängige Dritte zum Beispiel. Freiwillige Selbstverpflichtungserklärungen der Firmen halte ich nicht für ausreichend. Es muss sichergestellt werden, dass Mindeststandards zu Löhnen und Umweltverträglichkeit auch wirklich eingehalten werden.

Aber gewährleisten Zertifikate wie GOTS ("Global Organic Textile Standard") nicht genau das

Ja, schon. Aber diese Zertifikate können sich kleine Unternehmen oft nicht leisten. Auch hier muss wirtschaftliche Unabhängigkeit geschaffen werden. Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel, die Beiträge nach Unternehmensgröße oder Einnahmen zu staffeln.

Und beim Gang durch die Kaufingerstraße fällt dann auf, dass kaum kleine, nachhaltige Labels vertreten sind.

Weil sie die Ladenmieten natürlich nicht bezahlen können.

Was können Münchner tun, die es besser machen wollen?

Kleider tauschen, secondhand kaufen, mal das eine oder andere Kleidungsstück ausleihen. Es ist so viel Stoff da. Wenn man alte Klamotten auseinanderschneidet und daraus Neues macht, ist das wirklich nachhaltig. Solche Initiativen sollte man im Lokalen unterstützen. Und grundsätzlich sollte sich der Münchner Gedanken über jeden Euro machen, den er ausgibt: Will ich diese Mode unterstützen - oder eine andere?

Nachhaltigkeit Mode fürs gute Gewissen

Nachhaltigkeit

Mode fürs gute Gewissen

Die Textilindustrie ist einer der größten Umweltverschmutzer überhaupt. Doch in Zeiten des Klimawandels denken auch Luxusmarken wie Burberry oder Chanel um: Wie kann man nachhaltiger produzieren?   Von Silke Wichert