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Nach Alkoholverbot am Hauptbahnhof:"Diese Menschen waren vertrieben"

An der Dachauer Straße beim Hauptbahnhof gibt es nun ein Begegnungszentrum für Trinker und Obdachlose.

Täglicher Treffpunkt: An der Dachauer Straße beim Hauptbahnhof gibt es nun ein Begegnungszentrum für Trinker und Obdachlose.

(Foto: Caritas München)

Für jene, die ihre Tage am Hauptbahnhof verbrachten, bis dort das Trinken verboten wurde, hat die Caritas nun eine Anlaufstelle eingerichtet. Dort dürfen sie sogar selbst mitgebrachten Alkohol konsumieren.

"Mir se vini, Dobro dosli, Herzlich Willkommen!" steht auf Zetteln neben der Eingangstür am Eckhaus der Dachauer Straße 3. Drinnen sitzen an diesem Donnerstag Menschen, die sonst nicht so willkommen sind im Münchner Stadtbild. Menschen, die bis zum vergangenen Sommer die Tage am Hauptbahnhof verbrachten, weil sie kein Zuhause haben, ihnen daheim die Decke auf den Kopf fällt oder sie mit Bekannten gemeinsam billigen Alkohol trinken wollen.

Im August 2019 erließ jedoch die Stadt ein allgemeines Alkoholverbot rund um den Hauptbahnhof und vergraulte damit jene, die hier ihre letzte Zuflucht fanden. Doch direkt um die Ecke hat ein Begegnungszentrum eröffnet, das D 3 an der Dachauer Straße. Dort können sich Menschen einfach treffen, aufwärmen, sogar Bier oder Wein trinken, den sie sich mitgebracht haben. "Diese Menschen waren vertrieben", sagte Diözesan-Caritas-Direktor Georg Falterbaum am Donnerstag und zog eine erste Bilanz der in München bislang einzigartigen Einrichtung.

Das Konzept ist, dass Menschen mit ihren Problemen einen Aufenthaltsraum nahe dem Hauptbahnhof erhalten, nachdem sie dort nicht mehr bleiben konnten. Seit dem Start der Einrichtung, die von der Caritas betreut und jährlich mit 1,4 Millionen Euro vom Sozialreferat weitgehend finanziert wird, kommen täglich durchschnittlich 125 Menschen in das Begegnungszentrum. Etwa zwei Drittel der Menschen, die sich dort aufwärmen, ihre Wäsche waschen oder duschen können, sind nach Auskunft des Einrichtungsleiters Winfried Gehensel Menschen, die aus Ost- oder Südosteuropa stammen. Diese nutzen meist die kostenlose Übernachtungsmöglichkeit in der Bayernkaserne, die bislang als Kälteschutz bekannt war, aber nun ganzjährig geöffnet hat. Deutsche Obdachlose, die meist selbst gewählt in Parks oder unter Brücken übernachten, besuchen ebenfalls die Einrichtung.

"Erste Erfahrungen zeigen, dass das Begegnungszentrum sehr gut von den betroffenen Personen angenommen wird", sagte Sozialreferentin Dorothee Schiwy bei der Pressekonferenz. Das neue Angebot sei "eine dringend notwendige Maßnahme, die Menschen mit Suchtproblemen respektvoll begegnet und sie nicht durch strikte Verbote ihrem Schicksal überlässt und in andere Stadtviertel verdrängt."

Caritas-Direktor Falterbaum betonte, dass es seinem Verband wichtig sei, "Armut und Obdachlosigkeit, wo sie vorhanden ist, nicht verstecken" zu wollen. Zwar sei die neue Einrichtungen in den eigenen Räumen der Caritas an der Ecke Hirtenstraße nördlich des Hauptbahnhofs von der Nachbarschaft mit gemischten Gefühlen aufgenommen worden. Doch die Sozialarbeiter und zwei Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes achten darauf, dass die Menschen, die ins D 3 gehen, nicht in Gruppen auf der Straße herumstehen.

Drinnen gibt es ein sogenanntes niederschwelliges Angebot. Es solle in erster Linie kein Beratungszentrum sein, sagte der Einrichtungsleiter Gehensel, sondern ein Ort, an dem sich die Menschen ausruhen können, auch mal eine Tütensuppe löffeln oder sich einfach in einem geschützten Raum mit anderen Menschen zum Reden oder Spielen treffen. Bislang hat die Einrichtung montags bis freitags von neun bis 16 Uhr geöffnet, das Angebot soll weiter ausgebaut werden.

Allerdings fehlt noch Personal: Insgesamt sind zehn Vollzeitstellen eingeplant, vor allem Sozialarbeiter und Sozialpädagogen. Bislang sind aber nur sieben Stellen besetzt. Es sei "eine schwierige Arbeit, die sehr hohe Präsenz erfordert", sagte Gehensel. Die Gäste im D3 müssten oft beruhigt und betreut werden. Doch das neue Begegnungszentrum ist wichtig. Am Donnerstag saßen an allen Tischen Menschen, die vom Hauptbahnhof vertrieben wurden.

© SZ vom 21.02.2020/lfr
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