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München:Die wenigsten Frauen holen sich Hilfe

Unterhaching, Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen und Kindern,

Aufklärung auf der Semmeltüte: Johanna Fiegert von der gleichnamigen Bäckerei in Unterhaching.

(Foto: Angelika Bardehle)

Der Landkreis München und der Sozialdienst katholischer Frauen beteiligen sich am Aktionstag gegen häusliche Gewalt

Schlagen, anbrüllen, beschimpfen - häusliche Gewalt äußert sich in den unterschiedlichsten Formen. Und häufig wird sie verschwiegen. Etwa jede vierte Frau in Deutschland wird in ihrem Leben in den eigenen vier Wänden Opfer von Gewalt. "Die Frauen holen sich meist erst nach sieben Jahren Hilfe", sagt Barbara Altweger, Sprecherin des Sozialdiensts katholischer Frauen (SKF) in München. Und nach den Erfahrungen der Interventionsstelle des Landkreises München suchen sich überhaupt nur 20 Prozent der betroffenen Frauen Hilfe.

Um mehr auf das Thema und die Beratungsangebote im Landkreis aufmerksam zu machen, hat das Landratsamt gemeinsam mit dem SKF anlässlich des internationalen Tags gegen Gewalt an Frauen eine Aktion in Bäckereien im Landkreis initiiert. 13 000 Tüten mit dem Aufdruck "Gewalt kommt uns nicht in die Tüte" werden so beim Semmelverkauf unter die Leute gebracht. "Lassen Sie sich nicht einschüchtern, lassen Sie sich helfen", lautet der Rat auf der Tüte, Kontaktadressen und Telefonnummern der Beratungsstellen werden mit dem Gebäck gleich mitgeliefert. "Ich unterstütze die Bäckertüten-Aktion gerne. Wir haben mehr als 280 Frauen beschäftigt und ich denke, wenn man die Zahlen von gewaltbetroffenen Frauen hört, dann ist es ein wichtiges Thema, das an die Öffentlichkeit gehört", sagt Volker Wöhrle von Hasi Schmeckerbäcker.

"In den vergangenen sieben Jahren haben wir ein gutes Netzwerk aufgebaut", sagt Hanna Kollan, die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises. Seit drei Jahren gibt es für Betroffene aus dem Landkreis auch ein Frauenhaus, ebenso lange eine Männerberatung für die Täter. Die Fallzahlen stiegen, der Aufwand werde höher und der Bedarf an Beratung komplexer, sagt Tanja Böhm, Leiterin der Interventionsstelle zu den Anforderungen an die Behörde. 240 Frauen kämen im Jahr zu ihnen, häufig gehe es um Fragen der Wohnungssuche und der Existenzsicherung.

Meist bekämen die Beratungsstellen den Zugang zu den Frauen über die Kinder. Wenn diese auch von häuslicher Gewalt betroffen seien, reagierten die Frauen eher. Doch gibt es auch häusliche Gewalt in Altersgruppen, in denen die Kinder längst aus dem Haus sind. "Es ist nicht einfach, an diese Zielgruppe heranzukommen", sagt Böhm. Wenn ältere Frauen noch dazu pflegebedürftig und isoliert seien, sei eine Kontaktaufnahme umso schwieriger.

Wie Maria Colell, Leiterin des Frauenhauses im Landkreis, berichtet, fragten immer mal wieder ältere Frauen an, ob sie "kurz zur Erholung" ins Frauenhaus kommen könnten. Der Schritt, ganz zu Hause auszuziehen, sei doch sehr groß für diese Generation. Zehn Plätze hat das Frauenhaus, gerade wurde es um drei Plätze erweitert. Der Bedarf allerdings sei noch größer: Wenn man sich an der Statistik orientiere, wären 13 Plätze notwendig, sagt Colell.

Wichtig sei aber auch die Anschluss-Unterbringung, damit von Gewalt betroffenen Frauen und ihren Kindern nach dem Frauenhaus Wohnraum zur Verfügung steht, wenn sie die intensive Betreuung nicht mehr benötigen, aber auch nicht in ihr Zuhause zurück können. Second Stage nennt sich dieses Angebot, das Sozialministerin Kerstin Schreyer (CSU) vergangene Woche mit 17 Projekten in Bayern gestartet hat, eines davon übernimmt der SKF im Landkreis München.