Null Acht Neun:Endlich wieder Lärm

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Manchen ist es in München zu still geworden. Es musste erst eine Rentnerband kommen, um wieder ein bisschen Leben in die Bude zu bringen.

Glosse von Anna Hoben

Die Lärmkulisse in der Stadt ist vielgestaltig. Baustellen, die Autos auf dem Mittleren Ring... und zurzeit, wenn man bei offenem Fenster schläft, auch noch jeden Morgen dieses grässliche Vogelgezwitscher.

Um damit umzugehen, hat der Großstädter, die Großstädterin eine Eigenschaft entwickelt, die der Soziologe Georg Simmel 1903 in einem Aufsatz folgendermaßen beschrieb: "... diese eigentümliche Anpassungserscheinung der Blasiertheit, in der die Nerven ihre letzte Möglichkeit, sich mit den Inhalten und der Form des Großstadtlebens abzufinden, darin entdecken, daß sie sich der Reaktion auf sie versagen". Anders ausgedrückt: Der Großstädter überlebt dadurch, dass er Lärm, überfüllten U-Bahnen oder Gestank mit stoischer Ruhe und einer gewissen Abgestumpftheit trotzt.

119 Jahre später ist der stoisch-reservierte Überlebenstrotz in der Großstadt München offenbar nicht mehr nötig, ganz im Gegenteil. Einigen ist es zu leise geworden, ihre Nerven fühlen sich unterstrapaziert. Sie haben deshalb unlängst eine Krachparade veranstaltet. "Mehr Lärm für München" forderten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die am vergangenen Wochenende auf die Straße gegangen sind. Wer eine Nachbarin hat, die just an dem Tag ihre Wohnung renovierte, dem mochte das wie Hohn in den Ohren klingen. Die überwiegend jungen Demonstrierenden juckte das nicht, sie zogen ungerührt von der Universität bis zur Theresienwiese. Eine Straße nach der anderen funktionierten sie zur Krachmacherstraße um und forderten mehr Rave, mehr Party in der stillen Stadt. Kurzum: mehr Lärm.

Tags darauf kam in einer Stadtviertel-Gruppe in einem sozialen Netzwerk abends folgende Frage auf: "Wo gibt es denn gerade so laute Musik in Giesing?" Die Antworten folgten prompt: "Rolling Stones Olympia Stadion", schrieb einer. "Cooler Sound", bestätigte ein anderer. "Leider zu leise", befand eine Nutzerin. Noch jemand erkannte sogar die Songs, "Paint it Black", "Sympathy for the Devil". Und fragte sich, wie das sein könne in einer Wohnung beim Kolumbusplatz, Luftlinie gut sechs Kilometer vom Olympiastadion. So gut höre man ja nicht mal die Sechzger in ihrem Stadion, bemerkte ein Nutzer. Und die hört man in Giesing ziemlich gut. Einer resümierte: "Herrlich, endlich wieder was los nach zwei Jahren."

Es musste erst eine Rentnerband nach München kommen, um den Wunsch der jungen Pro-Krach-Aktivisten zu erfüllen. Die Stones, sie haben vorerst die Lärm-Reputation der Großstadt gerettet.

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