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München:Gestrandet am Flughafen: Eine glitzernde Scheinwelt für Obdachlose

Griechen Flughafen

Eine Frau sucht am Flughafen München nach Pfandflaschen.

(Foto: Jakob Berr)
  • Streetworker sollen sich künftig in den Terminals im Erdinger Moos um Obdachlose, Bettler und Flaschensammler kümmern.
  • Etwa 50 bis 60 Menschen sollen es sein, die sich am Airport eingerichtet haben.

Die Stellenanzeige in einem Wochenblatt liest sich interessant: Zwei Streetworker in Vollzeit werden dort gesucht, möglichst evangelisch sollten sie sein und auf alle Fälle "die Grundwerte der Evangelischen Kirche in der Öffentlichkeit" vertreten. Der Einsatzort der Sozialarbeiter ist ebenso spannend, gerade weil man dort nicht unbedingt einen Pädagogen erwarten würde, der Obdachlose betreut: es ist der Münchner Flughafen.

Doch genau dort scheint es einen akuten Bedarf an Streetworkern zu geben. Natürlich nicht für die 42,3 Millionen Passagiere, die im vergangenen Jahr am Flughafen im Erdinger Moos gezählt wurden. Sondern für Menschen, die dort hängen geblieben sind. Obdachlose, Bettler, Flaschensammler. 50 bis 60 Menschen sollen es sein, die kein Flugziel haben, sondern die die Infrastruktur des nach Passagierzahlen zweitgrößten Airport Deutschlands nutzen.

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In den Terminals finden die Armen nicht nur viele Pfandflaschen, die sie zu ein bisschen Geld machen können. Auch Reisende sind bei der Aussicht auf einen bevorstehenden Urlaub im Süden großzügiger, wenn es darum geht, einem Bettler am Parkscheinautomaten oder am Imbiss einen Euro zu geben. Es gibt Toiletten, die regelmäßig gereinigt werden, die Hallen sind sauber - und sogar sicher. Schließlich patrouillieren am Flughafen Polizei und Sicherheitspersonal, bis in den hintersten Winkel wird der Flughafen videoüberwacht. Und im Supermarkt können sich Wohnungslose bis spät am Abend mit günstigen Lebensmitteln eindecken.

Doch der Flughafen ist eben nur eine glitzernde Scheinwelt. Zwar gibt es mit Pfarrer Stefan Fratzscher von der evangelischen Flughafenseelsorge einen Ansprechpartner für die Menschen, die dort in ihrer Not gestrandet sind. Doch in den vergangenen Jahren werden es ständig mehr Menschen, die den Flughafen als Überlebensraum entdeckt haben. Im Frühjahr gingen deshalb die Kirchlichen Dienste der Evangelisch-Lutherischen Kirche auf den Flughafenbetreiber zu, um ein Streetworkprojekt zu starten.

Das Projekt trägt den Namen "Mose", des Propheten, der von Christen, Juden und Muslimen gleichermaßen verehrt wird. Der biblische Mose wurde bekanntlich als Findelkind ausgesetzt und führte später sein Volk aus Ägypten. Die Symbolik ist groß, denn mit den zwei Streetworkern soll nun versucht werden, den Heimatlosen am Flughafen möglichst Halt und Obdach zu geben.

"Obdachlosen Menschen, die sich auf dem Gelände des Flughafens München aufhalten, soll durch professionelles Handeln qualifizierter Sozialarbeiter ermöglicht werden, sich in ein soziales Netz außerhalb des Flughafens neu zu integrieren", heißt es in der Stellenanzeige der Evangelischen Landeskirche. Sie möchte das Projekt in Kooperation mit der Flughafen München GmbH möglichst zügig umsetzen. Denn die Menschen, von denen es nach Angaben einer Flughafensprecherin "zahlreiche gibt, die hier auch leben wollen", bräuchten vielfach Betreuung - sei es medizinischer oder psychologischer Art. Hilfsangebote wie in München erreichen die Wohnungslosen am Flughafen aber meist nicht.

Derzeit ist das Projekt noch in Vorbereitung, mit Bewerbern laufen Gespräche. Voraussichtlich im Herbst soll das Streetwork-Projekt "Mose" starten. Flugreisende mit allzu legerem Freizeitlook sollten sich dann nicht wundern, wenn sie von einem engagierten Sozialarbeiter freundlich angesprochen werden.

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