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Holocaust-Gedenken:Hologramme gegen das Vergessen

Lebendige Erinnerung: Abba Naors virtuelles Ich antwortet Neugierigen auf hunderte von Fragen - mittels Spracherkennungssoftware.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Abba Naor hat den Holocaust überlebt. Ein Forschungsprojekt macht es möglich, dass Zeitzeugen wie er und Eva Umlauf ihre Erinnerungen auch in Zukunft teilen können - virtuell.

"Haben Sie Hitler getroffen?" Abba Naor sitzt in der ersten Reihe des kleinen Kinosaals im Leibniz-Rechenzentrum (LRZ). Der 91-Jährige schaut kurz zu Boden, rückt seine Brille zurecht, richtet seinen Blick anschließend wieder auf die Leinwand. Nicht er muss heute auf diese Frage antworten, sondern sein virtuelles Ich, das ihm gegenüber in einem roten Sessel sitzt, aufrecht und gefasst. "Nein, habe ich nicht. Hätte ich ihn getroffen, hätte ich ihn erwürgt." Dann wird der Bildschirm schwarz. Aus dem Publikum kommt ein leises Raunen, manche halten für einen kurzen Moment den Atem an, andere müssen schmunzeln. Naor hält den Blickkontakt mit seinem Spiegelbild, bis es verschwindet. Der Ausdruck in seinem Gesicht ist unverändert.

Abba Naor hat den Holocaust überlebt, seine Familienangehörigen haben es nicht. Sein älterer Bruder starb am westlichen Rand von Kaunas gelegenen "Neunten Fort". Dort wurden zwischen 1941 und 1944 mehr als 30 000 Juden ermordet, darunter viele aus dem Ghetto in Kaunas, wo auch Naors Familie gefangen war. Im KZ Stutthof verlor Naor seine Mutter und seinen jüngeren Bruder, den Naor "wie ein eigenes Kind" großgezogen hatte. Anschließend wurde er in verschiedene Außenlager des Konzentrationslagers Dachau gebracht, wo er als Zwangsarbeiter eingesetzt wurde. Im Frühjahr 1945 überlebte er einen Todesmarsch. Wie er dies überleben konnte, will das Publikum im Kinosaal von dem visuellen Zeitzeugen erfahren. Er überlegt kurz, bis er antwortet: "Das war reiner Zufall."

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Im Frühjahr 2018 hörte Abba Naor zum ersten Mal von dem geplanten Projekt, das am Mittwoch unter dem Namen "Lernen mit digitalen Zeugnissen", kurz "LediZ", im Leibniz-Rechenzentrum in Garching erstmals vorgestellt wurde. Bei dem Projekt geht es darum, 3D-Zeugnisse von Holocaust-Überlebenden zu erstellen, sie in einer Datenbank zu speichern und mit einer Spracherkennungssoftware so zu trainieren, dass man in Form einer "mixed reality" im Schulunterricht mit ihnen arbeiten kann. Die spezielle Art der Aufzeichnung erlaubt sowohl eine zwei- als auch eine dreidimensionale Visualisierung.

Für die Erstellung der "Hologramme" wurden die beiden Zeitzeugen Abba Naor und Eva Umlauf Anfang 2019 in England im Pollen Studio stereoskopisch gefilmt - also zweidimensional aufgenommen, sodass ein räumlicher Eindruck der Bilder entsteht. Währendessen mussten sie rund 1000 Fragen beantworten. "Die Aufnahmen geben Auskunft über das Leben der Zeitzeugen und über ihre Ansicht von Welt", sagt Anja Ballis, Professorin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München (LMU). Gemeinsam mit Daniel Kolb und Markus Gloe leitet sie das Projekt. Die 77-jährige Eva Umlauf gibt zu, dass sie Anja Ballis und ihrem Team nicht sofort zusagen konnte. "Ich bin die Skeptischste von allen", sagt sie etwas verlegen. Ihre beiden Söhne und eine enge Freundin hätten sie schließlich überzeugt.

Zeitzeugin Eva Umlauf (rechts) posiert mit Abba Naor und ihrem lebensgroßen 3D-Duplikat.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Umlauf wurde im Dezember 1942 im Arbeitslager Novàky geboren, ein Durchgangslager, aus dem Menschen jüdischen Glaubens in Vernichtungslager nach Polen deportiert wurden. Mit zwei Jahren kam Umlauf nach Auschwitz, wo der berüchtigte Arzt Josef Mengele seine Experimente an Menschen durchführte. Nach der Befreiung kehrte Umlauf 1945 mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester zurück in die Slowakei, ihr Vater starb. Heute lebt Umlauf in München, erzählt ihre Geschichte in Schulen, Kulturzentren und jüdischen Gemeinden. Und seit neuestem auch in der visuellen Welt. "Ich bin mir selbst noch sehr fremd, wenn ich mich auf der Leinwand sehe", antwortet Umlauf auf die Frage, was sie von den Ergebnissen halte. Da sie jedoch von allen Seiten positive Rückmeldungen bekomme, sei sie auch glücklich.

Zufrieden mit dem Ergebnis sind vor allem die vielen Mitarbeiter und studentischen Hilfskräfte aus den Bereichen Didaktik, Pädagogik, Geschichte, Informatik, Sprach- und Sozialwissenschaft. Sie berichten auch von ihren einprägendsten Erlebnissen mit den Zeitzeugen. Besonders überrascht habe die Lehramtsstudentin Noemi Meixner, wie humorvoll Naor mit dem Leben umgehe. "Das Leben ist doch eine feine Sache", habe er ihr gesagt. Julia Eiperle erinnert sich an seine Antwort auf die Frage, was er während seiner Aufenthalte in den Konzentrationslagern Stutthof und Dachau am meisten vermisste: "Mensch sein, wir waren ja nur eine Nummer." Und spätestens, als Mareike Krüger Naors Erinnerungen an seine beiden Brüder wiedergibt, wird es still im Saal. Trotz der erfolgreichen Vorstellung des Projekts betont Ballis: "Wir sind noch nicht fertig."

Mehr als 40 000 Variationen konnten aus den 1000 gestellten Fragen auf Grundlage einer dreistufigen sprachwissenschaftlichen Methode bereits generiert werden, sodass die digitalen Zeitzeugen selbst auf differenzierte Fragen eine Antwort geben. Das klappe meistens. "Momentan liegt die Trefferquote bei ungefähr 80 bis 90 Prozent", sagt Florian Duda, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der LMU. Anfang 2021 sollen Schülerinnen und Schüler über eine Website auf die Zeugnisse zugreifen können. Die dreidimensionalen Varianten kommen testweise bereits im Laufe dieses Jahres an ausgewählte Schulen.

© SZ vom 24.01.2020/sim
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