Wirtschaft:Der Münchner Flughafen funktioniert wie eine Shopping-Mall

Wirtschaft: Der Flughafen verdient mittlerweile mehr Geld mit Shops, Restaurants und Parkplätzen als mit seinem eigentlichen Geschäft: dem Fliegen.

Der Flughafen verdient mittlerweile mehr Geld mit Shops, Restaurants und Parkplätzen als mit seinem eigentlichen Geschäft: dem Fliegen.

(Foto: Flughafen München GmbH)

Allein mit den Läden machte er im vergangenen Jahr mehr als 186 Millionen Euro Umsatz. Ein Besuch bei Walter Maria Verfürth, der im Flughafen Medikamente verkauft - und die einzige Rohrpost im Erdinger Moos betreibt.

Von Pia Ratzesberger

Meistens schauen die Menschen nach draußen, zu den Maschinen auf dem Rollfeld, zu den Streifen am Himmel, dabei erfährt man über diesen Ort am meisten in seinem Innersten. Man muss zum Beispiel nur dem Apotheker des Hauses folgen. Hinter die Theke, am Regal mit den Wörterbüchern entlang und an den vielen Kisten vorbei. Bis zu einer Wand mit zwei Rohren.

In einem der Rohre wartet gerade eine Box mit Pantoprazol, zur Behandlung von Magengeschwüren. 20 Milligramm, 14 Stück. Ein schmatzendes Geräusch, die Box mit den Tabletten ist nicht mehr zu sehen. Kurz darauf aber wird sie im anderen Terminal in der anderen Apotheke aus dem anderen Ende des Rohrs fallen. Die vier Apotheken am Flughafen sind miteinander verbunden und sie alle gehören Walter Maria Verfürth, einem Mann ohne weißen Kittel, aber mit weißem Hemd: "Ich musste mir eben was einfallen lassen, um mein Geschäft ausbauen zu können." Kein anderer Laden am Flughafen erzählt so viel über dessen Geschichte wie seiner - und kein anderer besitzt eine Rohrpost.

Als der Flughafen im Jahr 1992 vom Osten der Stadt, von Riem, weiter in den Norden zog, ins Erdinger Moos, stand Walter Maria Verfürth in der Nacht auf der Terrasse am Terminal. Er beobachtete, wie die ersten Flugzeuge landeten. Er weiß noch, wie ihn der Neubau beeindruckte, die hellen Gänge und die großen Anzeigetafeln mit den leuchtenden Zahlen. Aus Riem kannte er die nicht. Aber im Erdinger Moos sollte alles viel größer werden.

Sieht man sich die Statistiken des Flughafens an, nehmen die Zahlen der Passagiere von Jahr zu Jahr zu. Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt erst recht:

1952 waren es 114 578 Passagiere.

1972 waren es 4 467 464 Passagiere.

1992 waren es 12 018 202 Passagiere.

2018 waren es 46 253 623 Passagiere.

Wenn der Flughafen im kommenden Jahr seine neue Bilanz vorstellen wird, werden es wahrscheinlich noch einmal mehr sein, denn trotz Flugscham und Fridays for Future heben immer mehr Menschen mit dem Flugzeug ab. Das Erstaunliche an den Zahlen aber ist vor allem, dass die Flughafen München GmbH den meisten Umsatz nicht mit den Maschinen auf dem Rollfeld macht, sondern mit dem sogenannten Non Aviation Business. Also den Cafés, den Restaurants, den Geschäften, den Parkplätzen und allem, was sonst noch zum Flughafen gehört, aber kein Flugzeug ist.

Der Flughafen funktioniert heute wie eine Shopping Mall, die selbst in Bayern am Sonntag geöffnet hat. Alleine mit den Läden machte das Unternehmen im vergangenen Jahr mehr als 186 Millionen Euro Umsatz. Viele betreibt der Flughafen selbst, bei anderen wiederum verdient er nur an der Miete, wie bei den Apotheken von Walter Maria Verfürth zum Beispiel.

Er besaß zu Beginn nur eine Apotheke im Terminal 1, die mit den Wörterbüchern im Regal und den Rohren im Hinterzimmer. Doch als der Flughafen Anfang der Nullerjahre den Terminal 2 baute, machte er zwei neue Filialen in dem neuen Terminal auf und weil der Platz für eigene Labore fehlte, kam ihm die Idee mit den Rohren. Eine Genehmigung für eine Apotheke ohne Labor zu bekommen, wäre schwierig gewesen, deshalb musste es Verfürth hinkriegen, dass die anderen Verkaufsräume mit der ersten Apotheke verbunden sind. Vor zweieinhalb Jahren hat er noch einen vierten Verkaufsraum eröffnet. Verfürth sagt: "In allen gehen die Schmerzmittel am besten, weil man die mal schnell vergisst." Klong. Aus dem Rohr hinter ihm fällt die leere Box aus Plastik. Das Medikament ist in der anderen Apotheke angekommen. Die Tabletten mussten nur einen Weg von 600 Metern nehmen, manchmal aber verschickt Verfürth seine Medikamente auch um die halbe Welt. Vor vielen Jahren lieferte er einmal eine Arznei, die nicht wärmer als vier Grad werden durfte, bis nach Tiruchirappalli in Indien. Verschiedene Fluglinien und verschiedene Piloten erklärten sich bereit die Kühltasche ins Cockpit zu stellen, der Transport klappte.

Wirtschaft: Walter Maria Verfürth, 62, ist einer der Ladenmieter am Flughafen. Er besitzt dort vier Apotheken.

Walter Maria Verfürth, 62, ist einer der Ladenmieter am Flughafen. Er besitzt dort vier Apotheken.

(Foto: Catherina Hess)

Spätestens am Flughafen wird auch München zur Weltstadt. 106 Airlines fliegen in 74 Länder an 264 Orte.

Walter Maria Verfürth drückt die Tür auf, steht jetzt draußen auf dem Parkplatz. Ein kleiner Transporter wartet, mit dem fahren er und seine Mitarbeiter jeden Tag raus aufs Rollfeld. Ran an die Flugzeuge, kurz bevor sie abheben in den Himmel. Wenn jemand noch dringend ein Medikament braucht und das nicht im Lager liegt, fragt Verfürth als Erstes nach der Abflugzeit: "In eineinhalb Stunden nach Rhodos und das Insulin fehlt? Das kriegen wir hin." Achtmal am Tag kommt die Lieferung vom Großhandel. Zweimal in der Nacht. Verfürth geht wieder nach innen, zieht die Türe hinter sich zu. Eine seiner Mitarbeiterinnen packt erst angekommene Medikamente schon wieder ein, die gehen weiter an eine Praxis. Als internationale Apotheke beliefert Verfürth Praxen, Krankenhäuser und Universitäten mit Medikamenten, die in Deutschland nicht zugelassen sind. Sein Umsatz liegt im zweistelligen Millionenbereich, sagt er selbst.

Vorne an den Theken warten die nächsten Reisenden mit ihren Koffern, auch wenn die meisten Menschen in Eile sind, hat Verfürth schon auch Stammkunden. Vielflieger. Die Spieler des FC Bayern zum Beispiel kommen immer wieder, überhaupt bekannte Gesichter, Mario Adorf war schon da - "und einmal brauchte Thomas Gottschalk ein Heftpflaster".

Für viele Menschen ist der Weg zum Flughafen etwas Besonderes, der Beginn einer langen Reise und einer freien Zeit. Manche warten schon zwei Stunden vor dem Abflug in den Hallen. Auch Walter Maria Verfürth steigt ziemlich oft ins Flugzeug, zuletzt war er in Frankfurt und Berlin, immer wieder reist er nach Südafrika. Meistens geht er dann aber noch einmal in seine Apotheke. Hinter die Theke, am Regal mit den Wörterbüchern entlang und an den vielen Kisten vorbei. Hin und wieder höre man aus den Lautsprechern: "Letzter Aufruf für Walter Maria Verfürth."

© SZ vom 26.07.2019/baso
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