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Eine-Welt-Haus:Leiser Abschied vom Lebenswerk

Eingespieltes Team: Anna Mackowiak und Wolfgang Weber geben ihre Arbeit und ihre Vorstandsposten im Eine-Welt-Haus nach vielen Jahren auf.

(Foto: Catherina Hess)

Das Eine-Welt-Haus an der Schwanthalerstraße ist ein Ort der Solidarität für Geflüchtete, ein Treffpunkt für Linke und Alternative. Jahrzehntelang haben Anna Mackowiak und Wolfgang Weber die Institution geprägt - nun hören beide auf.

Still ist es im Garten des Eine-Welt-Hauses. Dort, wo sonst Kinder verschiedenster Nationen spielen, während auf der großen Terrasse Erwachsene gerne mal die Weltlage diskutieren, ist nun kein Mensch zu sehen. Auch in dem verwinkelten Gebäudekomplex an der Schwanthalerstraße, wo bis vor Kurzem noch Konzerte, Lesungen und Diskussionen stattfanden und Anna Mackowiak und ihr Team Geflüchteten Rechtshilfe und -beratungen gegeben haben, ist jetzt niemand. Natürlich, auch hier dürfen sich in Zeiten der Corona-Krise keine Besucher mehr aufhalten.

Dabei ist dieses internationale Begegnungszentrum über viele Jahre hinweg ein wichtiger Ort im Leben von vielen politisch Denkenden und von Menschen aus aller Welt geworden. Oben, auf einer Metalltreppe, stehen Anna Mackowiak und Wolfgang Weber und blicken hinunter in den leeren Garten. Die beiden kennen nur allzu gut die Geschichte des Hauses, auch die des kleinen Vorgängers an der Daiserstraße in Sendling, das Dritte-Welt-Café. Aber jetzt gilt es, leise von den leeren Räumen Abschied zu nehmen. Anna Mackowiak, die Mitbegründerin des Eine-Welt-Hauses, und ihr Partner Wolfgang Weber, hören nach Jahrzehnten im Vorstand auf.

"Es ist schon so etwas wie ein Lebenswerk", sagt Mackowiak wenig später im Garten. Beim Abschied sei auch Wehmut dabei. Es ist schließlich ein langer Weg, der hinter ihr liegt. 1988 hatte die Sozialpädagogin schon das Dritte-Welt-Café gegründet. Auch dort gab sie Rechtshilfe für Migranten, schon damals unter oftmals schwierigen politischen Bedingungen. Immer wieder verschärfte die Politik das Aufenthaltsrecht für Menschen, die nach München geflüchtet waren oder keinen deutschen Pass hatten. "Ich berate jetzt seit fast 40 Jahren. Mir reicht's, ich kann nicht mehr", sagt Mackowiak heute. Jetzt, wenige Tage vor ihrem 65. Geburtstag, will sie die Verantwortung abgeben, will nicht mehr mit Münchner Politikern über Auflagen und Verbote im Eine-Welt-Haus streiten müssen.

Streit und Ärger um diese bayernweit einzigartige Institution gab es immer wieder mal, vor allem von Seiten der CSU und der FDP im Stadtrat. Schließlich hat das Haus auch eine grüne und linke Geschichte. Der damalige Dritte Bürgermeister Hep Monatzeder machte sich in den Neunzigerjahren für das Eine-Welt-Haus stark als ein Projekt der "lokalen Agenda 21". Das Café an der Daiserstraße, in dem es neben der Beratung auch Solidaritätsaktionen für Menschen in Krisengebieten und für bedrohte Völker gab, war zu klein geworden. Schließlich stellte die Stadt den Gruppen mit dem Trägerkreis, den es seit Ende 1997 gibt, das Gebäude nahe der Paulskirche in der Ludwigsvorstadt zur Verfügung.

Seither versteht sich das Haus als Ort des Dialogs und der Solidarität für Menschen aller Nationalitäten. Und es ist auch ein unbequemer Ort: Denn im Eine-Welt-Haus gab es immer wieder Veranstaltungen, die einigen Politikern suspekt waren. 2006 forderte die Münchner CSU die Schließung des Hauses, nachdem Polizeibeamte in Zivil eine Veranstaltung beobachten wollten und von den Verantwortlichen des Saales verwiesen wurden. Der Polizeieinsatz wurde später vom Gericht für rechtswidrig erklärt. Vier Jahre später beantragten CSU und FDP erneut die Schließung des Hauses, scheiterten aber im Stadtrat an der rot-grünen Mehrheit.

Schließlich entzündete sich 2017 ein Streit in Stadtverwaltung und -politik darüber, ob Veranstaltungen, die über die israel-kritische BDS-Kampagne informieren, in einem städtischen Haus erlaubt seien. Dabei hatte der Vorstand des Trägerkreises bereits 2014 eine Erklärung zum Umgang mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt im Eine-Welt-Haus abgegeben, die bis heute auf der Homepage steht. Darin heißt es unter anderem, dass "konträre Standpunkte und Streitkultur" zum Recht auf Meinungsfreiheit zählen und solche konstruktiven Debatten auch im Eine-Welt-Haus geführt werden müssten. Allerdings stehe das Haus auch dafür, dass "jede Form rassistischer, antisemitischer oder anti-islamischer Hetze" mit den Grundsätzen des Vereins unvereinbar sei und "aufs Schärfste verurteilt wird". Dennoch erteilte die Stadt auch Veranstaltungsverbote im Haus. Wolfgang Weber wertet das als "Angriff auf die Meinungsfreiheit". Man müsse sich erst eine Meinung bilden können, bevor man etwas verurteile oder es für richtig und unterstützenswert halte.

Der 69-Jährige ist eigentlich Architekt, aber schon früh managte er Bands, ist seit Langem kooptierter Vorstand des Trägerkreises und war bis jetzt verantwortlich für die Konzerte der Reihe "Tonfolge" im Eine-Welt-Haus. Er hat noch keinen Nachfolger gefunden, für Anna Mackowiak wird Levent Askar die Arbeit bei der Rechtshilfe und im Interkulturellen Forum übernehmen. Der Vorstand wählt im Oktober Nachfolger für Mackowiak und Weber.

Der Abschied der beiden Mitbegründer der Institution wird nicht ohne Brüche vonstatten gehen. Es fehlen zunehmend junge Aktive, die sich längerfristig im Haus engagieren. "Es geht hier auch um Kontinuität", sagt Weber. Da ist es geradezu eine weitere Hiobsbotschaft, dass nun auch nach 15 Jahren die Wirtin Sarah Seeßlen die Weltwirtschaft aufgibt. Wegen Corona hat das Lokal im Eine-Welt-Haus schon geschlossen. Es war für viele Münchner ein Treffpunkt von freien und toleranten Menschen.

© SZ vom 25.03.2020/vewo
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