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Bauprojekt Eggarten:Selbstverpflichtung zu grün, lebendig und klimafreundlich

Dichte Bebauung mit einem Quartiersplatz in der Mitte und entlang der Bahnlinie ein Streifen, der unbebaut ist, bis auf die Turnhalle im Südwesten. Das sieht der Siegerentwurf für den Eggarten vor.

(Foto: Studio Wessendorf/Atelier Loidl)

Die Investoren des neuen Stadtquartiers Eggarten wollen mit einer eigenen Charta Kritiker ihres umstrittenen Vorhabens überzeugen. Neben den Auswirkungen auf das Stadtklima ist auch das Verkehrskonzept ein Streitpunkt.

Von Sebastian Krass

Die für das Stadtklima schwierig gelegene Sporthalle könnte ganz im Boden verschwinden. Der Bau der Gebäude soll so nachhaltig sein wie möglich. Die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr bleibt aber ein ungelöstes Problem: Die Investoren für das geplante neue Stadtquartier im Eggarten, das mit bis zu 2000 Wohnungen zur Heimat für etwa 5000 Bewohnerinnen und Bewohner im Münchner Norden werden soll, haben am Donnerstag den aktuellen Stand ihrer Planung präsentiert - und im Stadtrat aufgekommene Fragen und Kritikpunkte aufgenommen.

Anlass der Pressekonferenz war die Präsentation einer "Charta" für das "Modellquartier Eggartensiedlung", wie es die Investoren Büschl-Gruppe, CA Immo und Genossenschaftliche Immobilienagentur (Gima) nennen. Die Charta sei "eine Art Selbstverpflichtung", sagt Ralf Büschl. Sie solle "die Ernsthaftigkeit unserer Absichten für Politik, Verwaltung und die Stadtgesellschaft jederzeit überprüfbar" machen. Die sechs Leitlinien lassen sich so zusammenfassen: Im Eggarten solle "dauerhaft sicheres Wohnen für alle" entstehen, das Quartier solle grün, lebendig, klima- und umweltfreundlich werden, es solle ein "Baustein der Mobilitätswende" werden und geprägt sein von "Kommunikation, Mitwirkung, Selbstorganisation".

Die Charta ist Teil einer politischen und kommunikativen Strategie, mit der die ursprünglich zwei Investoren Büschl und CA Immo versuchen, das Feld für ihr umstrittenes Vorhaben zu bereiten. "Herkömmliche Baulandentwicklung greift auf diesem Grundstück zu kurz", sagt Büschl. Ein entscheidender Schritt war, dass er und CA Immo die Gima ins Boot geholt haben und den Genossenschaften die Hälfte des geplanten Baurechts abtreten. So entsteht langfristig gesichert bezahlbarer Wohnraum und weitaus mehr, als es die Regeln der Sozialgerechten Bodennutzung (Sobon) vorsehen.

Die politische Brisanz zeigte sich im Planungsausschuss des Stadtrats in der vergangenen Woche. Und sie betrifft vor allem die Grünen, die ihre Position zum Projekt verändert haben. Der in der Lerchenau, direkt nördlich des Bahn-Nordrings gelegene Eggarten ist eine etwa 20 Hektar große Kleingartensiedlung mit etwa 1000 Bäumen und einer großen Artenvielfalt. "Uns ist klar, dass wir da etwas zerstören, das in Wildwuchs entstanden ist", sagte Anna Hanusch, Fraktionschefin von Grünen/Rosa Liste. Ihr Parteifreund Paul Bickelbacher räumte ein, dass man sich anfangs "ein kleineres Baugebiet gewünscht" habe. Aber nach dem Ergebnis des städtebaulichen Wettbewerbs und der Einbindung der Genossenschaften "glauben wir, dass man es so bebauen kann".

Die gut organisierten Gegner des Bauprojekts werfen den Grünen Wortbruch vor. Ihr politischer Arm, Stadtrat Dirk Höpner (München-Liste und Mitglied der Fraktion ÖDP/Freie Wähler), sieht in den Bauplänen "eine ökologische Katastrophe".

Ein Streitpunkt sind mögliche Auswirkungen der Bebauung auf das Stadtklima, insbesondere auf sogenannte Kaltluftschneisen. Um diese zu erhalten, ist ein bis zu 235 Meter breiter unbebauter Streifen geplant - unbebaut bis auf die Turnhalle für den Schulcampus. "Die macht uns große Bauchschmerzen", sagt Grünen-Stadträtin Hanusch, das solle man überdenken. Rüdiger Kühnle von der CA Immo verweist darauf, die Position der Halle sei frühzeitig festgelegt worden, "es gibt gute Gründe, dass sie da liegt, aber sie ist unzweifelhaft ein Hindernis". Kühnle stellt ein Zugeständnis in Aussicht: Derzeit solle sie zwei Meter aus dem Boden ragen, man werde prüfen, "ob es mit einem Meter geht oder ob sie überhaupt rausragen muss", eventuell könne man sie auch um 90 Grad drehen.

Alexander Reissl (CSU) wünschte sich, dass die Bauherren "nach Möglichkeit auf Betonmauern mit Wärmedämmung verzichten". Stefan Ondracek (CA Immo) versprach, "dass wir nicht den einfachen Weg des Dämmwahnsinns gehen". Man wolle auf Holz-Hybridbauweise oder "sonstige kreislauffähige Baustoffe" setzen und "so umweltfreundlich bauen, wie es wirtschaftlich umsetzbar und technisch zulässig ist".

Reissl monierte auch das Verkehrskonzept, demzufolge sämtliche Autos in Tiefgaragen am Rand geparkt werden sollen und es im Quartier quasi keinen Autoverkehr und keine Parkplätze geben soll. Reissl sagte, die CSU wolle kein autofeindliches "Umerziehungslager" bauen, zumal der Eggarten bestenfalls eine "mittelprächtige Anbindung" an den Nahverkehr habe, mit einer Buslinie und U-Bahn-Stationen, die "mehr als 600 Meter entfernt liegen".

Christian Stupka von der Gima räumte ein, "für die sogenannte letzte Meile zu den großen Verkehrsträgern S- und U-Bahn ist die Frage, wie wir das optimieren können". Bei der Parkplatzfrage widersprach Stupka: Es gehe nicht um Umerziehung, sondern um "Anreizsysteme": Für Menschen, die im fünften Stock leben, sei es ein "Riesenunterschied, ob man mit dem Aufzug in die Tiefgarage zum eigenen Auto fährt oder eben zum Fahrrad". Die Erfahrung zeige, dass der Mensch das nimmt, was am nächsten zu erreichen sei. Beim neuen Wohngebiet Prinz-Eugen-Park habe eine Verkehrszählung ergeben, dass die Zahl der Autobewegungen weit unter den Prognosen liege. Sprich: In modern geplanten Quartieren verliere das Auto an Bedeutung.

Die Investoren skizzierten auch einen Zeitplan: Sie hoffen, dass der Stadtrat das Bebauungsplanverfahren bis Ende 2024 abschließt und somit Baurecht schafft. Dann sollen in fünf Abschnitten 400 Wohnungen pro Jahr gebaut werden. So würde das Projekt Ende dieses Jahrzehnts fertig.

© SZ vom 19.03.2021/kafe, van
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