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Vor Gericht:Drogenverstecke am Gleis 5

Das Landgericht verhandelt gegen neun Angeklagte, die in München täglich Haschisch für 14 000 Euro verkauft haben sollen. Versteckt hat die Bande ihre Waren teils mitten in der Stadt.

"Abdulla hat immer gesagt, Du musst Deutsch lernen, Schule machen, immer positiv", erzählt Naeem Z. Doch dass Abdulla Z. die Stadt München täglich mit bis zu fünf Kilogramm Haschisch im Wert von 14 000 Euro geradezu überschwemmt haben soll und angeblich zwei Dutzend Kleindealer für sich arbeiten ließ - davon will der 20-Jährige nichts gewusst haben. Die Justiz will ihm nachweisen, einer dieser Kleindealer gewesen zu sein. Auf der Anklagebank vor dem Landgericht München I sitzen am Dienstag neun zum Teil sehr junge und äußerst schweigsame Männer, denen die Staatsanwaltschaft bandenmäßigen Drogenhandel im großen Stil vorwirft.

Dass Drogen in der Öffentlichkeit verkauft werden, das hat man ja schon mal gehört. Dass Haschisch, Heroin oder Kokain irgendwo im öffentlichen Raum, mitten in der Stadt, versteckt und gebunkert wird, spricht für eine gewisse Dreistigkeit. Der 22-jährige Abdulla Z., laut Staatsanwaltschaft Kopf der Bande, soll vornehmlich Haschisch direkt auf dem Königsplatz, in einer Grünanlage auf der Theresienhöhe und in seiner Wohnung in der Forstenrieder Allee gebunkert haben. Am Hauptbahnhof im Bereich von Gleis 5 gab es demnach gleich mehrere Verstecke.

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Der Vorsitzende Richter Stephan Kirchinger hat alle Hände voll zu tun, am ersten Prozesstag Ordnung herzustellen: Neun Angeklagte, dazu ihre Verteidiger, dazu noch die Dolmetscher, Gutachter, Jugendgerichtshelfer sowie 15 Polizei- und Justizvollzugsbeamte drängen sich in Saal A 273. Aus Sicherheitsgründen müssen die ersten Zuschauerreihen leer bleiben. Alle jungen Männer im Alter zwischen 20 und 30 Jahren stammen aus Afghanistan, die meisten von ihnen lebten in Asylbewerberunterkünften. Einer von ihnen bestreitet die Vorwürfe, Naeem Z. kündigt eine umfassend Aussage zur Sache und zur Person an, der Rest ergeht sich in Schweigen.

Drogenfahnder der Polizei waren auf die Bande aufmerksam geworden, weil diese von einer anderen Gang verpfiffen worden war. Die Ermittlungen führten zu Abdulla Z. Der soll laut Staatsanwaltschaft etwa ab der zweiten Jahreshälfte 2017 alle vier Monate kiloweise Großlieferungen an Rauschgift, vornehmlich Haschisch, von Lieferanten aus dem Ausland sowie auch aus Deutschland bezogen haben. Z. selbst soll die Portionierung des Stoffes besorgt und die Drogen dann an den genannten Örtlichkeiten oder in seiner Wohnung gelagert haben. Für den Verkauf hatte er laut Anklage 23, zum Teil noch unbekannte Personen, als so genannte Läufer akquiriert, die Drogen für ihn unter die Leute brachten oder als Kuriere den bestellten Stoff in Empfang nahmen und ihm dann aushändigten. Doch ob Kleindealer, Kurier oder Chef: Die Staatsanwaltschaft wirft allen bandenmäßigen Drogenhandel vor, einen gemeinsam gefassten Tatplan und arbeitsteiliges Zusammenwirken. Damit würde alle Beteiligten ein höheres Strafmaß erwarten, im Vergleich etwa zu einem einfachen Drogenhandel.

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Gedealt wurde vorzugsweise in der Gegend um den Hauptbahnhof, auf der Schiller- oder Schwanthalerstraße sowie bei Diskotheken am Ostbahnhof. Gegen Mitternacht soll der 22-jährige Abdulla Z. dann seine Runde in der Bahnhofsgegend gemacht und abkassiert haben. Seine Zuarbeiter soll er mit etwa 30 Euro am Tag entlohnt haben. Wie lange die Bande auf diese Art und Weise aktiv war, kann nur gemutmaßt werden. Dokumentiert hat die Staatsanwaltschaft offenbar einen Zeitraum von gut zwei Monaten im Frühsommer 2018.

Hochgehen ließ man die Bande in der Nacht auf den 8. Juli 2018 in der Forstenrieder Allee, vor der Wohnung von Abdulla Z. Der saß zu dem Zeitpunkt in einer Shisha-Bar nahe dem Hauptbahnhof und soll gerade zwei Handlanger zu einer Parkbank vor seinem Haus dirigiert haben. Dort wartete ein Kurier mit einer Plastiktüte, in der sich 5,1 Kilo Haschisch befanden. Einer der zu ihm geschickten Handlanger soll Naeem Z. gewesen sein. Er ist der Einzige, der sich vor Gericht äußert. Er sei mit dem Kumpel in die Forstenrieder Allee gefahren, weil er tags darauf für ihn beim Kreisverwaltungsreferat dolmetschen sollte, behauptet er. Doch dann verwickelt er sich in unüberhörbare Widersprüche. Ein Urteil wird im November erwartet.

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