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Film zu den Känguru-Chroniken:Tierisch gute Brüder

Ohne seinen Bruder Alex (links) hätte Dimitrij Schaad (rechts) die menschliche Hauptrolle im Film "Die Känguru-Chroniken" nicht bekommen.

(Foto: X-Verleih)

Dimitrij und Alex Schaad sind ein Phänomen. Ausgebildet in München, machen sie als Oscar-prämierte Multitalente von sich reden. Nun folgt der große Kinoauftritt mit Känguru.

Von Josef Grübl

Wer von der Kinokomödie "Die Känguru-Chroniken" und ihrem Hauptdarsteller Dimitrij Schaad erzählen möchte, fängt am besten mit dem Urknall an. Das macht der Film auch, da streiten sich der Schauspieler und das titelgebende Beuteltier darüber, wo ihre Geschichte beginnen soll. Sie einigen sich auf den Anfang aller Anfänge, auf den Entstehungspunkt von Materie, Raum und Zeit. Kleiner geht es weder für Mensch noch Känguru, selbst wenn sie das Interesse am Universum und dessen Entstehung schon nach wenigen Augenblicken wieder verlieren. Dort aber liegt der Ursprung von allem: vom Känguru und den Kommunisten, von Kreuzberg und Kleinkünstlern, selbst Nirvana, das Asoziale Netzwerk und die vom Känguru präferierten Schnapspralinen wären ohne den Urknall absolut nicht denkbar. Ebenfalls nicht denkbar wäre der Film ohne seinen Bruder Alex, sagt Dimitrij Schaad an einem verregneten Wintertag in Berlin: "Alex hat mich sehr professionell begleitet, ohne ihn hätte ich die Rolle nie bekommen."

Wer also etwas über Dimitrij Schaad erzählt, sollte genauso über Alex Schaad sprechen. Und auch da fängt man am besten etwas früher an. Nicht unbedingt in der Kosmologie, aber vielleicht in Kasachstan, wo die Brüder geboren sind: Dimitrij 1985, Alex fünf Jahre später. Oder Anfang der Neunzigerjahre in der süddeutschen Kleinstadt Mengen, wohin sie mit ihren Eltern zogen, wo sie aufwuchsen und Abitur machten. Man könnte auch von ihren ersten Schritten in der Münchner Film- und Theaterszene erzählen, von der Ausbildung an der Theaterakademie August Everding und den Auftritten in den Kammerspielen und am Metropoltheater (Dimitrij), vom Studium an der Hochschule für Fernsehen und Film (Alex) oder vom Oscar für ihren Kurzfilm "Invention Of Trust". Diese Geschichte wurde aber schon öfter erzählt, vor allem in München, wo Oscar-Gewinner auch deshalb so beliebt sind, weil man sich in ihrer Anwesenheit Hollywood noch ein bisschen näher fühlen kann.

Der Oscar-Triumph liegt schon dreieinhalb Jahre zurück, deswegen geht es an dieser Stelle aber los mit dem Casting für "Die Känguru-Chroniken": Der Film ist die Adaption des gleichnamigen Buchs von Marc-Uwe Kling, in dem sich der Berliner Kleinkünstler ein Zusammenleben mit einem kommunistischen Känguru zusammenreimt, es geht um Schnapspralinen, die Neunzigerjahre-Band Nirvana und das Asoziale Netzwerk, das aber eigentlich eine "Anti-Terror-Organisation" ist. All das wissen die Fans des Kängurus natürlich. Im Jahr 2009 erschien das erste Buch, drei weitere folgten, allesamt waren große Hits. Viele Regisseure wollten die anarchistisch-wilden Känguru-Stories verfilmen, auch deshalb, weil sie Erwachsene genauso begeistern wie Kinder.

Den Zuschlag bekam am Ende Dani Levy ("Alles auf Zucker"). Und da auch viele Schauspieler dabei sein wollten, gab es ein sogenanntes E-Casting: Die Bewerber nehmen sich dabei selbst mit der Kamera auf, oft sogar nur mit dem Handy. Sie schlüpfen kurz in eine Rolle, sagen ein paar Sätze auf, fertig. Das geht schneller, dafür muss niemand extra anreisen. Als das E-Casting zum "Känguru" stattfand, war Dimitrij Schaad Ensemblemitglied am Berliner Maxim-Gorki-Theater, sein Bruder studierte noch in München an der HFF. "Alex hat mich in diesem Video inszeniert", erzählt der Schauspieler im Interview, es gab einen Kameramann, "ein Freund von uns hat das Känguru gesprochen". Das Ergebnis sei "sehr filmisch gewesen", bestätigt Alex Schaad. Für seinen Bruder sei es eine ungewohnte Rolle gewesen, auch deshalb brauchte er Unterstützung: "Er vertraut mir." Die nächste Casting-Runde musste Dimitrij Schaad aber allein überstehen. "Da war ich leider gar nicht gut", erzählt er beim Treffen in Berlin. Die Anwesenheit des Känguru-Erfinders Marc-Uwe Kling habe ihn irritiert, sagt er. Solche Geschichten kann man natürlich besonders gut erzählen, wenn das Ende bekannt ist: Schaad bekam die Rolle, setzte sich gegen viele Mitbewerber durch.

Kinokomödie "Die Känguru-Chroniken".

(Foto: X-Verleih)

Das Interview findet während der Berlinale statt, am Abend davor traf man sich noch auf der Party der Filmförderung aus Berlin-Brandenburg in einem Luxushotel am Potsdamer Platz. Eigentlich möge er solche großen Menschenaufläufe nicht, behauptet er. Dabei kann Dimitrij Schaad recht gut mit Menschen, er ist lustig, lebhaft und ein guter Erzähler. Das Theaterpublikum liebt ihn für seine selbstgeschriebenen Monologe, oft spricht er die Zuschauer direkt von der Bühne herab an. In "Die Känguru-Chroniken" spielt er zum ersten Mal eine Hauptrolle in einem Kinofilm. Mit Marc-Uwe Kling habe er sich viel über Einflüsse und Vorlieben, über Literatur und Kino unterhalten. Imitieren wollte er ihn aber nie. Einmal habe ihm der Autor einen "Calvin und Hobbes"-Band mitgebracht, die Comics über einen kleinen Jungen und seinen allwissenden Stofftiger seien eine große Inspiration für Kling gewesen. Während er das erzählt, zuckt Schaad kurz zusammen und sagt: "Oh, ich hoffe, dass ich jetzt nicht zu viel verraten habe." Hat er natürlich nicht, Kling macht aus seinen Vorbildern kein Geheimnis. Das hält ihn aber nicht von einer kleinen Comedy-Nummer ab, er beugt sich vor zum Aufnahmegerät und spricht theatralisch hinein: "Ansonsten entschuldige bitte, Marc Uwe!"

Dimitrij Schaad arbeitet auch als Autor, nicht nur bei seinen Bühnenmonologen: Erst vor ein paar Tagen feierte das von ihm und Yael Ronen geschriebene Stück "(R)Evolution" (nach einem Buch von Yuval Noah Harari) Premiere am Hamburger Thalia Theater, er hält darin auch einen Monolog. Mit seinem Bruder hat der 34-Jährige auch alle Drehbücher für dessen Kurzfilme geschrieben, nicht nur für den Oscar-Sieger "Invention Of Trust". Das habe sich aber fast automatisch ergeben, erzählen die Brüder getrennt voneinander: Zuhause in Mengen hätten sie sich immer ein Zimmer geteilt, also seien auch stets dieselben Filme geschaut worden. So entdeckten sie gemeinsam Martin Scorsese, Stanley Kubrick oder Woody Allen, auch sowjetisches Kino von Regisseuren wie Eldar Rjasanow sahen sie in ihrer Jugend.

Zu dem Zeitpunkt wollte Dimitrij noch Geschichte studieren, während Alex von einer Karriere als Kameramann träumte. Als der fünf Jahre jüngere Alex zum Studium nach München kam, war Dimitrij bereits in Bochum am Schauspielhaus, später zog es ihn nach Berlin. Alex dagegen wohnt nach wie vor in München. Das hält sie aber nicht davon ab, gemeinsam zu arbeiten. "Wir führen leider eine Fernbeziehung", sagt Dimitrij. "Wir telefonieren quasi permanent", sagt Alex. Der jüngere Bruder bereitet gerade sein Spielfilmdebüt vor, das Drehbuch haben sie wieder gemeinsam geschrieben, Dimitrij soll die Hauptrolle spielen. Am liebsten würden sie immer zusammen arbeiten, sagen beide. Wie so etwas geht, haben Filmemacherbrüder wie Ethan und Joel Coen oder Joshua und Benjamin Safdie vorgemacht. Ob Dimitrij und Alex Schaad in Zukunft auch stets in einem Atemzug genannt werden, wird sich zeigen. Zuzutrauen wäre es ihnen.

© SZ vom 04.03.2020/wean
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