bedeckt München 23°

Tanzfestival "Dance 2021":Im Schwebezustand

Lucinda Childs

Bewegung und deren Vermittlung: Etwa im Film "Works In Silence", der Werke der bedeutenden US-Choreografin Lucinda Childs aus den Siebzigerjahren zeigt.

(Foto: Jubal Battisti)

Die Kunst des Tanzes liegt in der Begegnung von Körpern. Beim Münchner Festival "Dance" kamen bisher Vernetzung und Entdeckungen aus aller Welt dazu. Wie die Schau nun trotz Pandemie stattfinden kann.

Von Rita Argauer

Nina Hümpel strahlt einen ziemlichen Optimismus aus. Das ist nichts Neues. Überrascht aber derzeit. Sie ist eine Macherin, eine die sich nicht verstrickt, trotz bedachter kuratorischer Konzepte. Eine, die geradeaus schaut, plant und umsetzt. Vielleicht ist Nina Hümpel deshalb Langzeit-Chefin der Münchner Tanzbiennale Dance. Zum fünften mal leitet sie nun das Festival. Und dennoch ist dieses Jahr alles anders. Weil nichts von ihrem eifrigen Pragmatismus in diesem Jahr funktioniert hat.

"Ich bin totgeplant", sagt sie am Ende eines Gesprächs mit der SZ, in dem sie die Pandemie-Version eines Festivals vorstellt, das gerade unter ihr immer höchst international und in der Stadt vernetzt war. So oft aber habe sie das Konzept diesmal umplanen müssen, immer unter neuen Voraussetzungen, dass sie jetzt ein bisschen planungsmüde sei. Und so etwas hört man selten aus ihrem Mund. Denn Hümpel erklärt gerne, macht gerne, setzt gerne um. Jammern, sich beschweren, dafür hat sie nicht viel Zeit. So eine Haltung sorgt vielleicht zwangsläufig für einen so erfrischenden Optimismus.

Nina Hümpel

Seit 2010 ist Nina Hümpel künstlerische Leiterin von Dance. 1996 gründete sie die Plattform tanznetz.de und ist in vielen Gremien für zeitgenössischen Tanz vertreten.

(Foto: Jean-Marc Turmes)

"Letztes Jahr haben wir in die Hände geklatscht", erzählt sie, "was für ein Glück, dass wir jetzt nicht dran sind." Letztes Jahr war die Münchener Biennale für neues Musiktheater dran, beziehungsweise nicht dran, weil wegen Corona alles kippte - selbst die Nachholvorstellungen, die der Bereich Musiktheater zu Ostern diesen Jahres geplant hatte. Das Schwesterfestival Dance blickt nun ein Jahr später auf die selbe Situation: Theater zu, keine Präsenz, keine Kunst. Doch die Künstler und auch die Kuratoren sind nun vielleicht schon etwas mehr gewöhnt an die Situation, an die man sich als Kulturschaffender wie -konsumierender eigentlich überhaupt nicht gewöhnen möchte.

Wenn Nina Hümpel den Entstehungsweg dieser Ausgabe von Dance nachzeichnet, wird einem ein bisschen schwindlig: Im Sommer dachte man, man kann spielen, auf Bühnen vor Publikum. Stücke wie Anna Teresa de Keersmaekers "Goldberg-Variationen", eine Ikone des zeitgenössischen Tanzes, Profis, alles da, deren Aufführung sei "bombensicher" erschienen.

Im Herbst sei klar gewesen, dass man die Aufführungen vielleicht etwas mehr in den öffentlichen Raum verlegen müsse. Für Hümpel gar kein Problem. Der öffentliche Raum als Spielort ist seit Jahren ein fester Bühnenraum ihrer Festivals. Es gab Tanzmarathons von Stefan Dreher und Ceren Oran auf den Straßen und Installationen wie "Box-Tape" auf dem Celibidache-Forum. Berührung mit der echten Welt, einladend und offen, nicht hermetisch abgeriegelt, so etwas ist enorm wichtig in Hümpels Konzeption.

Also wurde im Herbst mit den Künstlern gesprochen, Konzepte entwickelt, was möglichst draußen stattfinden kann. Erst gegen Weihnachten sei klar geworden, dass das eventuell auch nicht klappen werde. Also auf zu neuen Sitzungen, neuen Planungen: Wie kann man das Festival in den digitalen Raum verlegen?

Dort ist das Programm nun angekommen. Rein digital. Die Notbremse hat auch die bis zuletzt noch angekündigten Vorstellungen von Tobias Staab und Jody Oberfelder im öffentlichen Raum untersagt. Oberfelder plante spannende Tanzspaziergänge im Olympiapark und Performances auf Münchner Brücken. Schade.

Aber stopp, ein Beispiel an Nina Hümpel nehmen, nicht klagen, sondern mal schauen, was geht. "Jetzt sind wir also im digitalen Raum", sagt sie und räumt ein, dass dieser Übergang von der Bühne zum Fernseh-Medium doch schwierig gewesen sei: "Wir haben das alle nicht gelernt", sagt sie. Für Künstler wie Richard Siegal, der schon immer in seinen Arbeiten interessiert an neuen Technologien war, der Apparate, Projektionen, neue Medien als Inspiration nimmt, liegt dieser neue Aufführungsraum aber nicht so fern. Also eröffnet Siegal das digitale Festival mit "Two for the Show - All for one and one for the money": teils als Live-Stream, teils als Video, teils als Video-Game. Der Zuschauer kann auf das Video reagieren, es beeinflussen. Dazu gibt es ein Künstlergespräch.

Richtig theatral wirkt dagegen Jan Martens Herangehensweise. Dessen Stück "Any attempt will end in crushed bodies and shattered bones" sollte eigentlich im vergangenen Jahr uraufgeführt werden. Immer wieder verschoben wird es nun eine erste Vorstellung im Live-Stream aus Brüssel geben. Wieder anders reagierten Anna Konjetzky und de Keersmaeker. Keine Streams gibt es hier, das Abfilmen von Bühnenhandlungen habe für die beiden Künstlerinnen wenig Reiz gehabt. Vielmehr gibt es nun Filme der beiden. Ähnlich wie "North Korea Dance" von Eun-Me Ahn bewegen sich diese Werke zwischen Dokumentation und choreografischer Arbeit. Kein reines Theater, sondern ein Blick auf den Künstler, die Künstlerinnen. Ein Einblick, der verstärkt wird durch die geplanten Künstlergespräche.

"Wir versuchen alle Formate", sagt Hümpel. Und das ist vielleicht auch etwas Positives an der Situation. Dinge, die vorher kaum möglich wären - etwa eine spontane Kooperation mit Arte für Siegals zweites Stück im Programm -, gehen plötzlich ganz einfach. Weniger einfach, besser unmöglich aber war es, unbekannte, junge Künstler aus anderen Ländern einzuladen, wie es sonst zu Hümpels Spezialitäten gehört.

In China hatte sie etwa zwei junge Künstlerinnen entdeckt. Doch deren Arbeiten zu streamen oder die gar nach München zu holen, das war einfach nicht möglich. Genauso wie ein Schwerpunkt zum Tanz in Südamerika. Hoffentlich 2023. Wenn manches nachgeholt werden soll, was diesmal nicht stattfinden wird. Es wird vermutlich Hümpels letzte Ausgabe von Dance werden. Dann hoffentlich noch einmal in voller haptischer und physischer Pracht.

Dance 2021, gesamtes Programm, Streams und Tickets unter dance-muenchen.de

© SZ vom 06.05.2021/van
Zur SZ-Startseite
Labrassbanda

SZ PlusBlasmusik
:"Für mich ist Yoga auch, wenn ich ein Weißbier trinke"

Die schnellste und lauteste Disco-Soul-Blaskapelle weit und breit, La Brass Banda, macht neuerdings Musik für Yoga-Stunden. Wieso das? Ein Gespräch mit Chef-Trompeter Stefan Dettl über die Magie der Bewegung und darüber, was Yoga und Blasmusik gemeinsam haben.

Interview von Michael Zirnstein

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB