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Corona-Krise:Stadt befürchtet "Welle" von Insolvenzen

Schuldner- und Insolvenzberatung im Sozialreferat

Die Schuldner- und Insolvenzberatungsstelle der Stadt rechnet in den kommenden Monaten mit deutlich mehr Anfragen von betroffenen Bürgern.

(Foto: Stephan Rumpf)

Für immer mehr Menschen und Firmen ist die finanzielle Lage prekär. Hilfe holen sich die meisten aber erst, wenn der Leidensdruck hoch ist.

Die Schuldner- und Insolvenzberatungsstelle der Stadt München rechnet in den kommenden Monaten mit deutlich mehr Anfragen von betroffenen Bürgern. Infolge der Corona-Krise werde es im Herbst eine regelrechte "Welle" geben, befürchtet die Leiterin der Abteilung im Sozialreferat, Erika Schilz. Insbesondere für Selbständige, die allein ein Gewerbe betreiben, sei es in den vergangenen Monaten finanziell so eng geworden, dass sie die Probleme oft nicht mehr allein bewältigen könnten.

Darauf deuten die für März ermittelten Daten des Landesamts für Statistik hin, das einen gravierenden Anstieg bei den Unternehmensinsolvenzen verzeichnete. Auch bei Privatinsolvenzen zeichnet sich ein deutlicher Anstieg ab. Schon jetzt ist die Nachfrage bei den insgesamt acht Beratungsstellen für Überschuldungsfälle, die in München von sechs Verbänden angeboten werden, gestiegen. Die Wartezeit für einen persönlichen Beratungstermin beläuft sich auf bis zu drei Monate.

Das Statistikamt hat für März im Freistaat eine Zunahme der gemeldeten Unternehmensinsolvenzen um 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahr ermittelt. Das ist bemerkenswert, weil das Insolvenzrecht wegen Corona eigens geändert wurde. Rückwirkend zum 1. März muss die Zahlungsunfähigkeit nicht mehr sofort angezeigt werden; es gilt nun eine Schonfrist bis Ende September. Doch auch diese Maßnahme hilft vielen nicht mehr über die Runden. Vor allem Kleinunternehmer und Soloselbständige geben auf, weil sie die während des Lockdowns erlittenen Verluste nicht mehr schultern können. "Wie erwartet, sind die Branchen Gastronomie, Einzelhandel, Veranstaltungstechnik und das Friseurhandwerk besonders betroffen", berichtet Schilz.

Bei Arbeitnehmern führen die Folgen von Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit zunehmend zur privaten Überschuldung. Die Anfragen aus dieser Gruppe nach Hilfestellung haben sich zuletzt verdreifacht. Rund 10 200 Gespräche haben die Schuldnerberatungsstellen in München im vergangenen Jahr geführt, davon 4000 telefonisch. Dabei steht die Landeshauptstadt mit einer Überschuldungsquote von acht Prozent im Vergleich zu anderen Großstädten noch günstig da.

Im Sozialreferat kümmern sich 13 Vollzeitkräfte um die Beratung. Weil sich in den meisten Fällen Betroffene erst melden, wenn der Vermieter wegen ausstehender Zahlungen bereits die Wohnung gekündigt hat oder eine Stromsperre angekündigt ist, bleibt nur der Weg in die Privatinsolvenz. "Die Menschen kommen erst, wenn der Leidensdruck hoch ist", weiß Schilz. Es sei ja auch ein schwieriger Schritt, nach außen zu treten und seine Probleme öffentlich zu machen. Besonders für Menschen mit psychischen Belastungen ist die Hürde kaum zu bewältigen. In diesen Fällen steht zusätzlich eine psychosoziale Beratung zur Verfügung.

Die Schuldnerberatungsstelle kann zwischen ihren Klienten und Gläubigern vermitteln, Schreiben aufsetzen und Ratenzahlungen vereinbaren. Bei Zahlungsverpflichtungen beispielsweise gegenüber einem Energieversorger stehen die Chancen auf eine Verständigung noch vergleichsweise gut. Hier gibt es eine Kooperationsvereinbarung mit den Münchner Stadtwerken zur Stundung von Rechnungsbeträgen. Bei Vermietern und Verpächtern können Schuldner indes oft nicht auf ein Entgegenkommen hoffen. Jedenfalls stellt Erika Schilz nicht fest, dass Immobilienbesitzer in der Krise kulanter geworden sind. Auch deshalb sei es wichtig, sich rechtzeitig aufzurappeln und der Schuldenproblematik zu stellen, appelliert sie an Betroffene, und nicht zu warten, "bis man kahlgepfändet ist". Eine junge Frau meldete sich erst bei der Schuldnerberatung, als sie das Kündigungsschreiben für ihre Wohnung schon im Briefkasten hatte.

Raus aus der Schuldenfalle kommen die Betroffenen bei einer Privatinsolvenz erst nach einem jahrelangen Verfahren. Sie werden verpflichtet, sich um ihre Obliegenheiten zu kümmern, sich etwa einen Job zu suchen, dann kann die Restschuld von einem Gericht erlassen werden. Das dauert momentan noch bis zu sechs Jahre, soll aber EU-weit auf drei Jahre verkürzt und somit vereinheitlicht werden.

Erika Schilz hat immerhin festgestellt, dass sich die Betroffenen infolge der Krise nicht noch weiter in die Schuldenfalle locken lassen - mit vermeintlich günstigen Krediten etwa. "Die Menschen sind vorsichtiger geworden, geben weniger aus und versuchen, ihr Geld zusammenzuhalten."

© SZ vom 05.06.2020/syn
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