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Pandemie in München:Corona beschleunigt die Überschuldung

Dreimal so viele Anfragen wie vor dem ersten Lockdown: In der Schuldnerberatung zeigen sich die Auswirkungen der Pandemie deutlich - und in nächster Zeit dürfte man dort wegen einer Gesetzesänderung noch mehr zu tun bekommen.

Von Sven Loerzer

Als die Zahl der Corona-Infektionen im März 2020 stieg und es zum ersten Lockdown kam, gingen die Fallzahlen bei der städtischen Schuldner- und Insolvenzberatung zunächst zurück. Von einer "Schockstarre" spricht die Leiterin der Stelle, Erika Schilz, "die Menschen hatten andere Prioritäten". Doch das hat sich schnell geändert: Gab es im Februar 2020 bei der Schuldnerberatung 478 telefonische Anfragen, waren es im Oktober schon 1275, fast dreimal so viel. Der Neuzugang bei den Langzeitberatungen, vorher im Schnitt etwa 60 Fälle pro Monat, hat sich mit 128 mehr als verdoppelt. "Corona wirkt als Katalysator der Überschuldung", sagt Erika Schilz. So seien auch viele Menschen aus der Mittelschicht betroffen als Folge von Einkommensausfällen durch Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit. "Je geringer das Vermögen, desto schneller geht es. Was zuvor gerade noch so funktioniert hat, bricht jetzt zusammen."

Um die aktuelle Situation der Münchnerinnen und Münchner besser einschätzen zu können, läuft derzeit eine repräsentative Umfrage des unabhängigen Marktforschungsinstituts Innofact AG, deren Ergebnis Creditreform München mit dem neuen Münchner Schuldneratlas im Februar vorlegen will. Ergänzend dazu soll eine Online-Umfrage in Kooperation mit der SZ bei den Leserinnen und Lesern aus München zusätzliche Erkenntnisse zu den Auswirkungen auf das Einkommen, auf Konsumverhalten und Sparbereitschaft bringen. Rainer Bovelet vom Büro Synergie 2, der die Daten auswertet, will damit ein genaueres Bild der Entwicklung in München gewinnen und zeigen, wie die Menschen mit den Folgen der Pandemie umgehen.

Für Erika Schilz, die seit 33 Jahren als Schuldnerberaterin arbeitet, hat die Umfrage aber auch noch einen anderen bedeutsamen Aspekt: "Durch die Teilnahme findet gleichzeitig eine Auseinandersetzung mit der eigenen finanziellen Situation statt." Sich rechtzeitig Beratung zu sichern, bevor sich die Probleme zuspitzen, sei mit Blick auf die steigenden Wartezeiten bei den mehr als 50 Schuldnerberatern der Stadt und der Verbände von Vorteil, vor allem auch im Sinne einer Schadensbegrenzung. Gerade bei der telefonischen Beratung sprächen die Menschen nicht nur über ihre Schulden, sondern auch über ihre Ängste, sagt Erika Schilz: "Die Corona-Pandemie belastet die Menschen zunehmend auch psychisch."

Nicht nur durch die Corona-Pandemie wird die Arbeitsbelastung bei den Schuldnerberatungsstellen der Stadt und der Verbände, die sich mit inzwischen mehr als 50 Vollzeitstellen 2019 um rund 11 500 Klienten gekümmert haben, in diesem Jahr wohl noch erheblich ansteigen. Zum 1. Januar trat das neue Gesetz zur Verkürzung des Zeitraums bis zur Restschuldbefreiung bei Insolvenzverfahren von sechs auf drei Jahre in Kraft. Erika Schilz geht deshalb auch davon aus, dass viele Schuldner die Verkürzung abgewartet haben, weil sie nun dann schneller schuldenfrei einen Neuanfang machen können: "Der Stau muss abgearbeitet werden." Zudem dürfte generell die Akzeptanz für das gerichtliche Insolvenzverfahren bei Schuldnern deutlich steigen, weil man darüber bereits nach drei Jahren die Entschuldung erreichen kann.

Gerade aber die Vorbereitung und Begleitung der Insolvenzverfahren sei zeitlich aufwendig und erfordere auch sehr viele persönliche Kontakte. Im Durchschnitt haben die Schuldner fünf bis neun Gläubiger. "Allein der Insolvenzantrag umfasst mehr als 30 Seiten, da braucht es Wegbegleiter, um ihn auszufüllen", sagt auch Klaus Hofmeister, Abteilungsleiter im Amt für Soziale Sicherung des Münchner Sozialreferats. Vor dem Hintergrund, dass der zweite Lockdown noch länger andauert, rechnet Erika Schilz mit weiter steigender Nachfrage nach Schulden- und Insolvenberatung. "Je länger es dauert, desto mehr Menschen trifft es, die zunächst noch Sparvermögen hatten." Denn "ob die staatlichen Hilfen ausreichen, ist noch nicht klar".

"Die Not ist groß", wenn sich Menschen an die Schuldnerberatung wenden, sagt Erika Schilz. "Da geht es zu allererst um existenzielle Absicherung", um Lebensunterhalt und Wohnungserhalt, erst danach komme die Schuldenregulierung. Bei knappem Einkommen führe schon das Wegbrechen von 450-Euro-Jobs schnell in die Krise. Sie würden meist zuallererst von Unternehmen gekündigt, die vom Lockdown betroffen sind, befristete Arbeitsverträge würden nicht verlängert. Beides sei im Reinigungsgewerbe und der Gastronomie häufig der Fall.

33 Jahre Erfahrung als Schuldnerberaterin: Erika Schilz.

(Foto: privat)

Hart getroffen habe viele Bezieher von Arbeitslosengeld II, dass ihr Zuverdienst weggefallen sei. Gerade bei Homeschooling ergeben sich erhebliche Zusatzkosten. Zwar bestehe für Bedürftige die Möglichkeit, einen Zuschuss in Höhe von 250 Euro zum Kauf eines Laptops zu erhalten, doch seien noch erhebliche Zusatzkosten etwa für Drucker und Patronen zu finanzieren, sagt Hofmeister, damit Arbeitsblätter auch ausgedruckt werden können. Seinen eigenen Erfahrungen nach kommen da zwischen zehn und 27 Seiten pro Woche und Kind zusammen.

Im Hinblick auf den steigenden Beratungsbedarf habe der Stadtrat im Dezember bereits insgesamt drei zusätzliche Vollzeitstellen für alle Schuldnerberatungsstellen in München genehmigt, zunächst befristet auf zwei Jahre. Die Wartezeit für eine Langzeitberatung liege derzeit zwischen zwei und vier Monaten, "sie nimmt zu", sagt Erika Schilz. Gleichwohl sei ein erstes Gespräch, um die Situation zu klären, sehr schnell zu bekommen. Bei weitem überrepräsentiert unter den Klienten sind Familien mit Kindern, ihr Anteil liegt bei mehr als 42 Prozent. Das ist mehr als doppelt so viel, wie ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung - ein Zeichen für die schwierige Lage von Familien mit Kindern in einer teuren Stadt. Und so hofft Erika Schilz darauf, dass auch möglichst viele sich an der Online-Umfrage beteiligen, "weil das ganz aktuell widerspiegelt, wie es den Menschen jetzt geht".

Wer an der Umfrage teilnehmen will, sollte mindestens 18 Jahre alt sein und in der Stadt München wohnen. Alle Angaben werden vertraulich behandelt und anonymisiert ausgewertet. Rückschlüsse auf die Teilnehmer sind ausgeschlossen. Die Teilnahme an der Umfrage ist bis einschließlich Freitag, 22. Januar, möglich unter https://www.innofact-umfrage3.de/corona_umfrage_muenchen.

© SZ vom 18.01.2021/mmo
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