Versteigerung:Wenn man 800 Kunstwerke vom Großvater erbt

Lesezeit: 4 min

Versteigerung: Cornelius Back lebt mit Bildern und Möbeln seines Großvaters. Wenn er von ihm erzählt, ist es, als würde er immer noch Zwiesprache mit ihm halten.

Cornelius Back lebt mit Bildern und Möbeln seines Großvaters. Wenn er von ihm erzählt, ist es, als würde er immer noch Zwiesprache mit ihm halten.

(Foto: Robert Haas)

Walter Back war kein bekannter Künstler, aber einer, der die Kunst ernst nahm. Sein Enkel Cornelius Back will jetzt einen Teil der Arbeiten für einen guten Zweck versteigern.

Von Martina Scherf

Über dem Esstisch hängen zwei Rückenakte, gedankenverloren blicken sie hinaus in eine kühle, abstrahierte Stadt. An den anderen Wänden ein stilisierter Stierkopf, farbintensive Körper, Landschaftsszenen. Cornelius Back hat in seiner Wohnung zahlreiche Bilder seines Großvaters aufgehängt. Auch handgeschnitzte Möbel aus Mexiko hat er noch von ihm. Und wenn er von Walter Back erzählt, scheint es, als würde er immer noch Zwiesprache mit ihm halten.

Walter Back, der 2018 starb, war kein bekannter Künstler. Aber einer, der die Kunst sehr ernst nahm. Sein Enkel kümmert sich um den umfangreichen Nachlass. Mehr als 800 Gemälde, Zeichnungen, Holzschnitte und Monotypien sind erhalten. Cornelius Back sucht nun eine Galerie, die bereit wäre, einen Teil davon auszustellen. Dann will er die Werke für einen guten Zweck versteigern lassen. Bis auf seine privaten Lieblinge natürlich.

Versteigerung: Ein Selbstporträt von Walter Back. Als er zwölf war, schickten ihn seine Eltern nach Deutschland auf ein Internat.

Ein Selbstporträt von Walter Back. Als er zwölf war, schickten ihn seine Eltern nach Deutschland auf ein Internat.

(Foto: privat)

"Mein Opa hat das selbst auch so gemacht, er hat den Erlös für seine Bilder immer wieder gespendet", erzählt der Enkel. Walter Back wurde 1923 in Mexiko geboren. Als er zwölf war, schickten ihn seine Eltern nach Deutschland auf das reformpädagogische Internat in Urspring in Baden-Württemberg - was ein Fehler war, denn der Junge wurde als 17-Jähriger zur Wehrmacht eingezogen. Er wurde im Kriegseinsatz schwer verletzt und litt sein Leben lang an den Folgen. "Er hatte ein nervöses Zittern und konnte keinen Lärm ertragen", sagt sein Enkel.

Nach dem Krieg beendete Walter Back eine Schreiner- und eine Werkzeugmacherlehre und besuchte Zeichenkurse an der Technischen Hochschule Stuttgart. 1950 kehrte er nach Mexiko zurück. Dort gründete er mit seinem Bruder eine Firma, bekam mit seiner Frau drei Kinder und kehrte erst im Rentenalter wieder nach Deutschland zurück.

"Wir ließen uns in Reutlingen nieder und ich begann, ,vollberuflich' zu zeichnen, zu radieren, Holz zu schneiden und zu malen", schreibt er in seinen Memoiren. "Leider habe ich diese Memoiren erst nach seinem Tod entdeckt", sagt sein Enkel, "sonst hätte ich ihm noch viel mehr Fragen stellen können." Zum Beispiel, wie er die Kriegserlebnisse verarbeitete, was er auf seinen ausgedehnten Reisen erlebte, bei denen er nie fotografierte, sondern seine Eindrücke stets in Skizzenbüchern festhielt, was das Land Mexiko und dessen Menschen für ihn bedeuteten.

Versteigerung: Walter Back hat die Hälfte seines Lebens in Mexiko verbracht und dort Aktzeichnen gelernt.

Walter Back hat die Hälfte seines Lebens in Mexiko verbracht und dort Aktzeichnen gelernt.

(Foto: Repro: Robert Haas)

Cornelius Back zieht einige Mappen hinter dem Sofa hervor, blättert auf dem Tisch durch die Arbeiten des Großvaters: Akte, Körperstudien, Porträts von Menschen, denen er auf seinen Reisen begegnete, und von Politikern, deren Gesichter ihn offenbar beeindruckten - Barack Obama, Angela Merkel, Papst Johannes II., Mahmud Ahmadinedschad. Aber auch ländliche Szenerien, Marktfrauen in Peru, Sumo-Ringer in Japan und immer wieder Musiker.

Die Kunst war für ihn eine ständige Auseinandersetzung mit seiner Umgebung. Ein dürrer Baum, der dennoch nicht tot ist, vielleicht ein spätes Kriegserlebnis? Eine Serie, die immer den selben Straßenmusiker zeigt mit leerem Hut, Untertitel "No hay cosecha" (keine Ernte). Oder "Glasnost": eine angedeutete gelbe Wand vor schwarzem Grund mit geöffneten Fensterflügeln.

"Wir haben nicht viel über seine Bilder geredet", sagt Cornelius Back. Aber er erinnert sich an einige Ausstellungen in der Kunsthalle Tübingen, in kleineren Museen oder Galerien. Bis zuletzt sei der Großvater an allem interessiert gewesen. Als Cornelius Back erzählte, er studiere jetzt Cognitive Science, "da wollte er immer wissen, was es für neue Erkenntnisse gibt, er schickte mir Aufsätze aus der Hirnforschung, die er gelesen hatte, und diskutierte mit mir."

Cornelius Back, 36, arbeitet für eine internationale IT-Firma und lebt seit zwei Jahren in München, wo die Familie seiner Mutter ihre Wurzeln hat. Er stellt fest, dass auch in seinem eigenen Leben die Kunst immer mehr Raum einnimmt. Seine Partnerin malt ebenfalls, ihre Bilder hängen neben denen des Großvaters.

Cornelius Back selbst hat vor einiger Zeit ein digitales Kunstwerk geschaffen. Kein NFT (non fungible token), das man auf dem Handy in der Hosentasche trägt, millionenfach kopiert, auch wenn nur ein Mensch das Eigentum daran beanspruchen kann. Nein, davon hält er nichts. Sein Kunstwerk beruht auf einem logischen Gedankenspiel. Er hat ihm den Titel "Framed Infinity" gegeben, und die Idee dazu hatte der einstige Waldorfschüler schon mit 16, sagt er. "Aber ich war erst mit 35 in der Lage, sie zu programmieren."

Wer sich daran versuchen will, die Idee zu verstehen, sie lautet so: "Alles, was ich mir visuell vorstellen kann, existiert oder kann gemalt werden. Alles, was existiert oder gemalt werden kann, kann ich mit einer Digitalkamera fotografieren. Alles, was ich mit einer Digitalkamera fotografieren kann, ist aber begrenzt (durch endliche Pixel und Farben). Also ist alles, was ich mir visuell vorstellen kann, begrenzt."

Dieser Dreisatz samt Umkehrschluss ließ Back nie mehr los. Er hat ihn auch mit seinem Logik-Professor an der Uni diskutiert. Schließlich begann er, alle möglichen Kombinationen aus den Pixeln und Farben einer Digitalkamera zu programmieren - das ergibt eine unvorstellbar große, aber doch endliche Zahl. Und jedes mögliche Bild ist in dieser Berechnung schon vorhanden. Der Algorithmus kann es ausrechnen, auch wenn er Jahre dafür braucht. Eine irre, aber doch ganz reale Vorstellung. Back hat sie in eine digitale, interaktive Installation umgesetzt.

Der sportliche, ernsthafte Mann, der sich beruflich mit künstlicher Intelligenz befasst und privat am liebsten Ausdauerläufe durch die Berge unternimmt, hat auch einen Roman geschrieben, der sich mit dem freien Willen beschäftigt und noch unveröffentlicht in der Schublade liegt. Aber das führt hier zu weit. Erst einmal geht es jetzt um die Bilder seines Großvaters. Cornelius Back hofft, dass sich jemand bei ihm meldet, der eine Auswahl der Bilder ausstellt, damit er sie für einen guten Zweck versteigern kann (galerie.wback@web.de ). Es wäre ganz im Sinne ihres Schöpfers, sagt er.

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