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SZ-Serie: Münchner Seiten:Bären, gejagte Löwen und Nazis

Die Journalistin Ina Kuegler zeichnet in ihrem Buch die Entwicklung des Circus Krone von einer Wander-Tierschau zu einer international umjubelten Institution nach. Dabei spart sie auch die dunklen Seiten nicht aus.

Von Jakob Wetzel

Ida Krone mit ihren Löwen.

(Foto: Circus Krone)

Eine Münchner Institution sei dieser Zirkus, sagt der Oberbürgermeister: Er gehöre zur Stadt wie das Hofbräuhaus und die Türme der Frauenkirche. Es ist Dezember 1962, der Sonntag vor Weihnachten, München hat gerade einen ausgesprochen jungen Oberbürgermeister, er ist 36 Jahre alt und heißt Hans-Jochen Vogel, und ein bisschen Überschwang gehört natürlich mit dazu. Doch die Stadt erhält an diesem Tag tatsächlich ein weiteres Wahrzeichen: Vogel eröffnet den Festbau des Circus Krone, der bis heute an der Marsstraße steht. Er ist nicht nur Manege, sondern lange außerdem Münchens größter Saal für Popkonzerte gewesen; er ist heute ein in Deutschland einzigartiges Gebäude. Seinen Vorgängerbau hatten im Krieg alliierte Bomber zerstört, danach gab es lange einen Behelfsbau aus Holz. Nun aber, am 23. Dezember 1962, ist der Neubau fertig, und um das zu feiern, ist Vogel nicht alleine gekommen: Bayerns Ministerpräsident Alfons Goppel ist da, und Vogel hat zur Eröffnung auch noch einen Esel mitgebracht, beladen mit Hafer und Heu für die Tiere.

Was für Zeiten. Eine richtige Feier mit echten Menschen, das wirkt derzeit kaum vorstellbar, dabei gäbe es einen Anlass: Die Geschichte des Circus Krone lässt sich jetzt eineinhalb Jahrhunderte zurückverfolgen. Die Journalistin Ina Kuegler hat genau das getan, für ein Ende 2020 erschienenes Buch. Sie geht darin nicht nur bis 1905 zurück, als sich das Unternehmen zum ersten Mal "Circus" nannte, sondern bis 1870.

Carl Krone als Dompteur "Monsieur Charles".

(Foto: Circus Krone)

Kueglers Buch ist nicht sehr dick, es ist auch keine Festschrift. Die Autorin hat genauer hingesehen, nicht nur auf die glänzenden Seiten des Zirkus, sondern auch auf die dunkleren. Zum Beispiel auf Unfälle wie jenen 1930, als ein Tiger den Arm eines Dompteurs zerbiss. Mangelhafter Arbeitsschutz? Der Zirkus machte damit Werbung, das Gefühl von Gefahr sollte wohl den Nervenkitzel steigern. Ina Kuegler schreibt auch über die gnadenlose Jagd auf wilde Tiere in Afrika und Asien sowie über deren Transport in engen Kisten nach Europa. Sie schildert Konflikte mit Tierschützern: Die ersten gab es bereits in den 1930er-Jahren, lange vor den juristischen Scharmützeln mit der Tierrechtsorganisation PETA. Und Kuegler fragt auch nach der Beziehung von Zirkus-Gründer Carl Krone zu den Nationalsozialisten.

Vor allem aber schreibt Kuegler eine beeindruckende Firmengeschichte. Sie zeichnet nach, wie von 1870 an aus einer Schießbude und einer Wander-Tierschau mit zwei Bären und zwei Wölfen der nach eigenen Angaben größte Zirkus der Welt geworden ist - und außerdem ein Münchner Unternehmen, nach dem seit 1967 auch eine eigene Straße benannt ist, die "Zirkus-Krone-Straße" direkt am Zirkusgebäude. Das Straßenschild hat damals die Elefantendame Sandy mit ihrem Rüssel enthüllt. Angestoßen hatte die Benennung OB Vogel.

"Menagerie Continental" nennen Carl und Friederike Krone 1872 ihre Tierschau.

(Foto: Circus Krone)

Mit der "Menagerie Continental" geht es los: So nennen Carl und Friederike Krone 1872 ihre Tierschau. Der Name ist weltläufig, die Wirklichkeit bescheiden. Die Krones haben ihre vier Tiere in einen vier Meter langen Käfigwagen gepfercht. Um Leute anzulocken, hockt darunter Carl junior, der spätere Zirkus-Gründer. Der Bub rasselt mit einer Kette und heult in eine Gießkanne, während der Vater draußen ruft: "Hört ihr, wie die Tiere brüllen?"

Der Junior erregt später Aufsehen als Dompteur: Als "Monsieur Charles" lässt er einen Löwen auf einem Schimmel reiten. Doch das Geschäft ist hart. Als Carl 1902 seine Ida heiratet, geschieht das in einer Mittagspause, mehr Zeit ist nicht. Vom Schwiegervater, der ein "Affen- und Hundetheater" betreibt, erhält er neue Tiere. Von 1905 an heißt der Betrieb "Circus Charles"; 1914 wird daraus der "Circus Krone", zur "Reinigung unserer Sprache von allen Fremdwörtern und Französeleien", wie Krone erklärt. Ein deutscher Zirkus namens "Charles" zu Beginn des Ersten Weltkriegs geht das nicht mehr.

Und erst jetzt kommt Krone nach München. Nach Kriegsende, in der Zeit der Räterepublik, erwirbt Krone Grund auf dem Marsfeld und errichtet dort seinen ersten festen Bau, seinen "Bretterzirkus", wie er ihn später nennt. Am 10. Mai 1919 geht es los, das Programm ist offenbar ein Renner. Attraktionen sind unter anderem ein tanzendes Pferd, ein Löwenbändiger, eine große Elefantengruppe sowie Marino, der "Mann mit den eisernen Rippen", der sich von einem Auto überrollen lassen kann.

Mit Elefanten, Löwen, Giraffen, Pferden und Zebras locken Carl und Ida Krone Zuschauer an.

(Foto: Circus Krone)

In den folgenden Jahren expandiert Krone; nicht nur, weil er müsste. Nein, er will unbedingt größer sein als die Konkurrenz, der Zirkus Sarrasani aus Dresden. Der verhält sich genauso. Kauft der eine zwei neue Elefanten, kauft der andere drei. Für seine Tourneen lässt Krone ein gigantisches Zelt konstruieren, mit Platz für 8000 Zuschauer und drei Manegen nebeneinander. Und wenn der Zirkus unterwegs ist, steht der Münchner Festbau nicht leer. Er beherbergt unter anderem Adolf Hitler, der dort wöchentlich Hetzreden halten darf.

Wie eng war Carl Krone mit den Nazis? Genau weiß das niemand. Den Festbau hat er nicht nur an Hitler vermietet, sondern auch an Sozialdemokraten und Kommunisten. Die NSDAP freilich mietete die Manege fast dreimal so oft wie SPD und KPD zusammen. Kuegler mutmaßt, die von reichen Münchnern geförderten Nazis hätten sich das Gebäude einfach häufiger leisten können. Also alles rein geschäftlich?

Elefanten von Circus Krone

Der Zirkus Krone ist eine Münchner Institution.

(Foto: Felix Hörhager/dpa)

Dagegen spricht: Krone war von 1932 an Mitglied der NSDAP. 1933 schrieb Nazi-Innenminister Wilhelm Frick in einem Dankesbrief, Krone habe sich "um die Bewegung Verdienste erworben, die es den Parteistellen zur Pflicht machen, den Zirkus ihrerseits zu unterstützen". Und bei Carl Krones Tod 1943 gab es pompöse Trauerfeiern in Salzburg und München. Auf dem Waldfriedhof ließen Hitler und Goebbels Kränze niederlegen. Das ist das eine. Das andere ist: Krone ließ keine Zwangsarbeiter für sich schuften. Ein jüdischer Angestellter sprach sich nach dem Krieg für ihn aus. Und auch das Spruchkammerverfahren gegen ihn wurde 1948 eingestellt. Das war freilich eine Zeit, in der man vieles nicht mehr genau wissen wollte.

Ina Kuegler: Manege frei! Die Geschichte des Circus Krone 1870 bis heute, München: Allitera Verlag 2020, 152 Seiten, 19,90 Euro.

Die Zeit nach 1945 war schwierig, auch für den Zirkus. An Weihnachten gab es wieder Vorführungen, doch die meisten Menschen hatten andere Sorgen. Wirklich aufwärts ging es erst ab den Fünfzigerjahren. Der Zirkus wurde berühmt für seine Tierdressur und endgültig zur Münchner Institution, nicht nur als Zirkus, sondern auch als Konzertbühne. Die Rolling Stones traten hier auf, die Beatles, Michael Jackson, Bob Marley, Pink Floyd und viele mehr. 1963 sang Freddy Quinn im Circus Krone - es ist der Auftakt zur Sendung "Stars in der Manege". Jahrzehntelang führten Prominente Tiere vor, das Bayerische Fernsehen sendet die Wohltätigkeitsgala bis 2008.

Und jetzt? Der Zirkus entwickelt sich weiter. 2017 ist Christel Sembach-Krone gestorben, Carl Krones Enkelin; heute führt ihre Adoptivtochter Jana Mandana Lacey-Krone den Betrieb, sie hat Impulse gesetzt. Doch dann kam Corona.

Frauenkirche und Hofbräuhaus werden die Pandemie überstehen. Der Circus Krone hat ebenfalls schon einige Krisen überlebt. Doch wie es nun mit ihm weitergeht, muss Ina Kuegler am Ende offenlassen.

© SZ vom 01.03.2021/vewo
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