München Canaletto wäre begeistert

Wie kann man den Nymphenburg-Biedersteiner Kanal für Mensch, Flora und Fauna besser nutzen? Angehende Landschaftsarchitekten haben dazu Vorschläge gemacht, die nun in einer Ausstellung präsentiert werden

Von Ulrike Steinbacher

Im Olympiapark weitet sich der Kanal zum Olympiasee.

(Foto: Stephan Rumpf)

Canaletto - so nannte sich der Maler Bernardo Bellotto, der im 18. Jahrhundert die ebenso schönen wie berühmten Ansichten von Städten wie Venedig und Dresden malte. Auch "Schloss Nymphenburg von der Parkseite" ist eine seiner Arbeiten: Höflinge flanieren in strenger Gartenlandschaft, auf dem Wasserbecken vor dem Großen Parterre schaukeln Gondeln. Dieses Wasserbecken gehört zum Nymphenburger Kanal, der seinerseits Teil des Nordmünchner Kanalsystems ist, dessen Wasser aus der Würm abgezweigt wird. "Canaletto" ist auch der Name eines TU-Studienprojekts von 18 angehenden Landschaftsarchitekten am Lehrstuhl von Regine Keller. Die Ergebnisse sind derzeit im Planungsreferat ausgestellt. Der Name ist bewusst gewählt: Es geht zum einen um die alten Kanäle im Norden der Stadt, speziell den Nymphenburg-Biedersteiner, es geht aber auch um Schönheit - verborgene Schönheit, die ans Licht geholt werden soll.

Denn im heutigen Stadtbild ist gerade der Nymphenburg-Biedersteiner Kanal fast unsichtbar. Man erinnert sich vielleicht vage an Brückengeländer, die man im Vorbeifahren mal wahrgenommen hat, an baumgesäumte Gräben. Aber kaum ein Münchner dürfte wissen, dass dieser Kanal am Schloss vom Nymphenburger Kanal abzweigt, in Gern zwischen Kuglmüller- und Zamboninistraße, später zwischen Canaletto- und Demollstraße nach Nordosten fließt und hinter dem Dantebad, dessen Becken er bis in die Sechzigerjahre speiste, die Dachauer Straße und die Landshuter Allee unterquert.

Studenten schlagen einen dritten Eingang zum Wasser hin im Dantebad vor.

(Foto: Stephan Rumpf)

Im Olympiapark weitet er sich zum Olympiasee, führt östlich der Lerchenauer Straße am U-Bahnhof Petuelring vorbei, lässt das Bad Georgenschwaige und den Luitpoldpark rechts liegen und begleitet den Petuelpark, ehe er nach Südosten abknickt und unter der Leopoldstraße ins Berliner Viertel fließt. Dort speist er den Schwabinger See, der gemeinsam mit einem Wohnquartier in den Achtzigerjahren entstanden ist. Vom Ungererbad strömt das Wasser nach Osten in den Schwabinger Ortsteil Biederstein, treibt beim Wirtshaus Zum Brunnwart ein kleines Kraftwerk an, unterquert den Isarring und fließt in den Schwabinger Bach.

Anfang des 18. Jahrhunderts hatte Kurfürst Max Emanuel diese Wasserstraße zwischen Nymphenburg und Schwabing anlegen lassen. Damals war Gern ein winziges Dorf und das Oberwiesenfeld noch nicht einmal ein militärisches Übungsgelände, geschweige denn ein olympischer Park. Straßen und Kanäle waren im Städtebau der Barockzeit als Transportwege gleichwertig. Erst viel später setzte sich die Straße durch, das Wasser verlor an Bedeutung. Heute durchquert der Nymphenburg-Biedersteiner Kanal viele Phasen der Stadtgeschichte - und das fast unbemerkt.

Das Schloss Nymphenburg, hier verewigt von dem Maler Bernardo Bellotto.

(Foto: Tobias Hase/dpa)

In sechs Entwürfen analysieren die angehenden Landschaftsarchitekten städtebauliche und ökologische Gegebenheiten des alten Kanalsystems und machen Vorschläge, wie sich offene Räume so entwickeln ließen, dass Menschen, Tiere und Pflanzen profitieren. Die Ausstellung zeigt neben kleinen Modellen sechs großformatige Projekt-Kataloge mit einer Vielzahl von Diagrammen, Simulationen und Grafiken. Die Texte dieser Design-Bücher sind großteils auf Englisch verfasst.

Nina Hofmann, Caroline Müller und Xianbin Xie befassen sich mit Brückenschlägen: Zwei Türme hoch über den Baumkronen sollen den Münchnern helfen, die barocke Achse zwischen den Schlössern Blutenburg und Nymphenburg zu erkennen. Als "Urban Line" soll der Kanal dann selbst zur Brücke werden, soll für Fußgänger und Radfahrer eine Verbindung schaffen vom Schwabinger Tor zum Englischen Garten.

Der Kanal fließt auch am Dantebad vorbei.

(Foto: Robert Haas)

In diesem Bereich sehen Alexandra Altmann, Pauline Grotz und Nives M. Mrljic Verbesserungsbedarf. Ihre Park-Analyse untersucht das von Autos verstopfte Wohngebiet an der Stengelstraße zwischen Ungererbad und Brunnwart. Der Kanal ist ihnen dort zu wenig sichtbar, deswegen wollen sie die nördliche Fahrbahn für Autos schließen, Parkplätze streichen und die Wasserstraße mit Sitzstufen zugänglich machen.

Wen Yang, Xiaoxiao Liu und Minghui Chen zeigen den Kanal in seiner Funktion als Wasserlieferant für vier Bäder, die bis auf das Militärbad Riesenfeld noch immer existieren, auch wenn Dante-, Georgenschwaig- und Ungererbad heute nicht mehr mit Würmwasser betrieben werden. Sie schlagen vor, das eingezäunte Dantebad zum Kanal hin zu öffnen, eine Sichtbeziehung zur Kirche St. Laurentius zu schaffen und zwischen Kirche, Kanal und Badgebäude einen dritten Eingang anzulegen.

Der Kanal verbindet Schloss Nymphenburg mit Schwabing.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Ideen zur Verbesserung des Mikroklimas rund um den U-Bahnhof Petuelring liefern Gero Engeser, Johannes Schmitt und Clara Veith. Gegen den Wärmeinseleffekt dort kann der Kanal nichts ausrichten, dafür ist er zu schmal. Also wollen die Drei die Birnauer Straße zur Einbahnstraße machen, die Schleißheimer Straße von vier auf zwei Spuren verschmälern, Bodenbeläge wählen, die Wasser versickern lassen, rund um den U-Bahn-Zugang eine Grünfläche mit Silberweiden und Pappeln anlegen und in diesem Klimapark "Follies" einsetzen. Was wörtlich "Narreteien" bedeutet, sind in der Gartenkunst exzentrische Zierbauten: ein kühler Wolkenwald, dazu eine Pergola, bedeckt von Kletterpflanzen.

Caterina Bues, Marie Hartmann und Špela Šuštarič geht es um die Lebensräume der Fledermauspopulation am Kanal. Sie machen Vorschläge, wie sich ein Flugkorridor gestalten ließe, der den nachtaktiven Tieren gefällt - inklusive Fledermaus-Unterführung. Anna-Maria Steinert, Duygu Sinirlioglu und Daniela Sundmacher entwickeln Verbindungen vom Kanal zu anderen Parks und Erholungsräumen in Gern - grüne Tentakel, die rund um den Wasserkorridor ins Stadtgebiet ausgreifen. "Green Grabbing Octopus" heißt ihre Studie - der Kanal als Krake, der möglichst viel Grün umschlingt. Für den Maler Canaletto wäre das vielleicht ein schönes Motiv.

Die Ausstellung "Canaletto - Open Spaces along the Nymphenburg-Biedersteiner Canal" ist bis Dienstag, 18. Juni, im Foyer des Planungsreferats an der Blumenstraße 28 b zu besichtigen. Geöffnet ist das städtische Hochhaus montags bis freitags, außer an Feiertagen, von 8 bis 18 Uhr.