Bundestagswahl:Münchens bunte Kandidaten für Berlin

Lesezeit: 4 min

In den vier Münchner Wahlkreisen treten insgesamt 65 Frauen und Männer an, um den direkten Einzug in den Bundestag zu schaffen - für viele ist die Politik vor allem eine Herzensangelegenheit.

Von Heiner Effern

Wenn Angelika Selbmann erklärt, wie es dazu kommt, dass sie als Direktkandidatin bei der Bundestagswahl antritt, dann sagt sie: "Das war eigentlich nie mein Ziel, irgendwie bin ich da reingerauscht." Damit meint sie allerdings nur ihre Bewerbung im Münchner Westen, ihr politisches Engagement ist gut durchdacht und ihr ein Herzensanliegen. Das Tierwohl schützen, dafür stand sie zuerst mit einem Schild auf Demos.

Das schien ihr wenig Wirkung zu zeigen, also dachte sich die heute 57 Jahre alte Mitarbeiterin im Klinikum rechts der Isar: "Mensch Mädel, trittst mal in eine Partei ein." Der Stand der Partei für Veränderung, Vegetarier und Veganer (V-Partei³) sah sympathischer aus als der von der Tierschutzpartei, und weil sie es bei der reinen Mitgliedschaft nicht belassen konnte und wollte, kandidiert sie nun bei der Bundestagswahl.

Im Fokus stehen dabei meist nur die Bewerber der großen und der kleineren, aber dennoch bekannten Parteien. Doch das Feld der Kandidaten in München ist viel bunter. Insgesamt treten in den vier Wahlkreisen 65 Frauen und Männer an, um den direkten Einzug in den Bundestag zu schaffen.

Viele von ihnen mussten dafür Unterschriften sammeln, 50 sieht das Bundeswahlgesetz vor. Drei Kandidaten schafften das laut Wahlamt in München nicht. Dieses veröffentlichte am Montag die Liste mit den zugelassenen Bewerbern: 18 im Norden, 17 im Osten, 13 im Süden und 17 im Westen. Darunter sind die Vorschläge der Parteien, die im Bundestag sitzen, von arrivierten Parteien wie der ÖDP, die nicht in Berlin vertreten sind, und auch relativ neuen wie Volt. Und natürlich so manche, die ihren Lebensinhalt zur Politik machen oder umgekehrt.

Das Team Todenhöfer will einen neuen Politikstil

Geht man die Liste durch, landet man sogar bei einem Kanzlerkandidaten, dessen Name so mancher schon gehört haben dürfte. Jürgen Todenhöfer, von 1972 bis 1990 Mitglied im Bundestag für die CDU, später Medienmanagerund Publizist, bewirbt sich offiziell um das Kanzleramt und auch das Direktmandat im Münchner Osten. Er hat für einen "neuen Stil in der Politik" eigens das Team Todenhöfer gegründet, das deutschlandweit als humane Partei gegen Ausländerhass kämpfen will, für eine stabile Rente aus den Mitteln des Rüstungsetats und für eine Million neue Wohnungen pro Jahr in Deutschland.

Auch ein normaler Mensch solle es sich so wieder leisten können, sich "eine Wohnung zu bauen", mit zehn Prozent Eigenkapital. Dazu will der mittlerweile 80 Jahre alte Todenhöfer wieder in den Bundestag, und weil er schon seit mehr als 30 Jahren in München wohnt, tritt er hier gleich an. Er wird also nicht nur in ganz Deutschland auf Bühnen unterwegs sein, sondern auch in München auf der Straße, um Wähler zu werben

So manches Ziel, gerade was das Vorgehen gegen Ausländerhass, Diskriminierung und Ausgrenzung angeht, dürfte er mit einem Kandidaten teilen, der aber dafür einen ganz anderen Weg genommen hat. Er kam über den Hip-Hop zur Politik, was aber so auch wieder nicht ganz richtig ist. Seine Politik ist für ihn Hip-Hop im ursprünglichen Sinne, und dieser Hip-Hop ist Politik. Achim Seger, Veranstalter, DJ, Künstler und noch so einiges mehr, kämpft im Münchner Norden um das Direktmandat. Flucht und Migration sind seine Themen, er will Menschen politisch eine Bühne geben, die keine Stimme haben. Dekonolialisierung ist auch eines seiner Themen, kein Zufall also, dass er demnächst zu einer Reise nach Togo aufbricht.

Hip-Hop in seiner Urform sei die Ausdrucksform der Unterdrückten und Versklavten gewesen, sagt Seger. Mittlerweile sei diese Richtung voll im Mainstream der Gesellschaft angekommen, das gleiche erhofft er sich für seine Themen und Werte. Dafür engagiert er sich als einer der Initiatoren in Bayern in der dazu passenden Partei: Die Urbane. Eine HipHop Partei (du.) Das "du" stehe als Kürzel für die Urbane, sei aber auch als direkte Ansprache im Sinne von "Wir sind du" zu verstehen. Wahlkampf im eigentlichen Sinne wird der 35 Jahre alte Künstler nicht machen, irgendwie sei sein ganzes künstlerisches Leben als solcher zu verstehen, sagt er. Dazu passen auch seine Poetry Slams und Workshops, in denen er sich mit dem Kampf gegen den Rassismus beschäftigt.

Eigenwilliger Slogan: "Deutschland ist Önders"

Wie die meisten der 65 Direktbewerber weiß auch er, dass seine Bühne eher die Kunst bleiben wird. Doch die Motivation speist sich bei ihm wie bei so vielen von innen heraus, intrinsisch. So würde das auch Julia Amtmann von sich sagen, auch wenn sie bei einer Partei mitmacht, die europaweit schon das konkrete Ziel hat, in möglichst viele Parlamente zu kommen. Die 25 Jahre alte Kandidatin tritt für Volt im Münchner Norden an. Im Beruf beschäftigt sie sich mit Chancengleichheit in der Bildung, in der Freizeit war sie schon für Amnesty International aktiv. Damals habe sie eine Partei gesucht, in die sie ihre Ideen und Vorstellungen einbringen könne, erzählt sie. "Da bin ich auf Volt gestoßen und nicht mehr davon weggekommen."

Im Feld der Bewerber wird das für viele gelten, von den Kandidaten der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands bis zum Studenten Önder-Vedat Dönmez, der unter dem recht rätselhaften Slogan "Deutschland ist Önders" antritt. Sie werden es wie Julia Amtmann machen, die sich schon mal "Plakatnächte um die Ohren haut". Sie werden an Infoständen auftreten und das ganze Spektrum der zugelassenen Kandidaten für eine demokratische Wahl in München abbilden, immerhin tritt auch der frühere Polizist und Kopf der Corona-Leugner in München, Karl Hilz, an.

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