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Typisch deutsch:Liebesgrüße aus Rakka

Berufliche Sackgasse: Wie man einen Branchenwechsel gut begründet

Eine Bewerbung verläuft in Deutschland nach genauen Regeln.

(Foto: dpa-tmn)

Bewerbungen verfassen - das hat unser Autor in Syrien nie gelernt. Stattdessen lernte er, Liebesbriefe zu schreiben.

Kolumne von Mohamad Alkhalaf

Zum ersten Mal hörte ich das Wort "Bewerbung" in meinem Deutschkurs. Ich dachte zunächst: Das ist nur etwas Theoretisches, Akademisches, was nichts mit dem realen Leben zu tun hat. Langsam wurde mir jedoch klar, dass ich das in München sehr dringend brauchen würde. In Deutschland wird Papier bisweilen wichtiger als Essen eingestuft, das habe ich nicht nur zu Beginn der Corona-Krise gelernt, wenngleich es dort nicht um Bewerbungsunterlagen ging.

In Syrien gibt es nichts Vergleichbares zur Bewerbung im deutschen Sinne. Wenn die Leute in meiner früheren Heimat Rakka von einer ausgeschriebenen Stelle Wind bekommen, ist der normale Vorgang, einen Mittelsmann kennenzulernen, der wiederum vielleicht den Chef einer Firma oder eine wichtige Person kennt. Auf Deutsch würde man das Vitamin B nennen. Dabei bleibt es aber nicht. Man macht dieser Vermittlungsperson Geschenke, sagt schöne Worte über seine Familie oder bezahlt eine Geldsumme, damit ein gutes Wort beim Chef eingelegt wird. Auf Deutsch würden wir das Bestechung nennen.

Das erste Mal, als ich in Deutschland versuchte, eine Arbeitsstelle zu bekommen, wollte ich meiner Vermittlungsperson syrisches Essen kochen, um die Sympathie meines Gegenübers zu gewinnen. Nur so viel: Der erwünschte Erfolg blieb aus. Es gab nur den Hinweis, ich möge eine Bewerbung einreichen. Schriftlich.

Bewerbungen verfassen - das habe ich in Syrien nie gelernt. Stattdessen lernte ich, Liebesbriefe zu schreiben. Und so begann ich meine Bewerbung mit folgenden Worten: Viele Grüße aus meinem Herzen an den edlen Herrn. Es ging um eine Stelle als Kleidungsverkäufer. Weiter schrieb ich: "Ihr Geschäft ist so toll, Ihre Angestellten sind sehr schön, und Sie haben die beste Ware in ganz München."

Dann fügte ich aus meiner Sicht wichtige Auskünfte hinzu: Meine Körpergröße, Haarfarbe. "Ich habe zwar noch nie in einem Bekleidungsgeschäft gearbeitet, aber ich werde sicher ein Gewinn für Ihre Firma werden. Vertrauen Sie mir." Diesen Text verfasste ich auf Arabisch und ließ ihn durch den Google-Übersetzer laufen. Selbstsicher überreichte ich mein Werk dem Chef. Der blätterte einmal durch, wünsche mir einen schönen Tag, mit der Empfehlung, mich zu verziehen.

Zehn negative Bewerbungen später habe ich ihm längst verziehen. Ich probierte eine neue Strategie: Humor, mit einen spaßigen Schreibstil. Auch hier blieb der Erfolg aus. Liegt es an meinem arabischen Namen? Fortan unterschrieb ich mit Luis Huber. So bekam ich immerhin ein Bewerbungsgespräch, in dem ich versuchte, bairisch zu reden. Das aber hat nicht funktioniert. Schließlich erhielt ich die Kerninformation, dass eine aussichtsreiche Bewerbung in diesem Land korrekt, standardisiert, nüchtern und vor allem ernsthaft sein muss. Und so kam ich doch noch an eine Stelle.

© SZ vom 23.10.2020/vewo

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