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Tötungsdelikt in München:Frauenleiche in Bettkasten gefunden

Die Polizei geht davon aus, dass der Ehemann die 34-Jährige getötet und sich anschließend abgesetzt hat.

Von Julian Hans

Auf den ersten Blick war den Polizisten nichts Außergewöhnliches aufgefallen, als sie am Dienstag vergangener Woche jene Dreizimmerwohnung in Altperlach betraten, aus der die Bewohner am selben Tag verschwunden waren. Erst als drei Tage später die Experten der Mordkommission die Wohnung noch einmal gründlich untersuchten, machten sie eine grausige Entdeckung: In einem Kasten unter dem Kinderbett lag die Leiche der vermissten 34-Jährigen, getötet mit mehreren Stichen in die Brust.

Die Ermittler vermuten, dass der 41 Jahre alte Ehemann seine Frau getötet, die Leiche versteckt, sichtbare Spuren beseitigt und sich dann nach Afghanistan abgesetzt hat. "Wir gehen derzeit von einem Totschlag aus", sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft München I, Oberstaatsanwältin Anne Leiding, am Dienstag. "Im Laufe der Ermittlungen wird sich zeigen, ob Mordmerkmale vorliegen."

Verwandte der Getöteten hatten am 17. November eine Vermisstenanzeige gestellt, nachdem der 41-jährige Abdul T. ihnen am Vormittag am Telefon mitgeteilt hatte, er werde mit seiner Frau zum Einkaufen gehen. Seitdem seien die zwei nicht mehr erreichbar gewesen. Als niemand auf ihr Klingeln reagierte, öffneten Polizisten die Wohnung, fanden aber nichts Außergewöhnliches. Einen Tag später entdeckten Ermittler bei der Suche nach Hinweisen auf den Verbleib des Paares Blutspuren in der Wohnung. Nachdem am 19. November Experten der Spurensicherung mit einem Blutspurengutachter die gesamte Wohnung untersucht und dabei zahlreiche Rückstände von Blut gefunden hatten, übernahm die Mordkommission am Freitag den Fall. Ein Ermittlungsrichter erließ noch am selben Tag Haftbefehl wegen Totschlags gegen den flüchtigen Ehemann.

Erst bei einer nochmaligen Durchsuchung wird die Leiche entdeckt. Den ganzen Donnerstag, Freitag und Samstag über sichteten sogenannte Super-Recognizer der Münchner Polizei die Aufzeichnungen der Videokameras am Hauptbahnhof. Die Beamten haben eine stark ausgeprägte Fähigkeit, Gesichter wiederzuerkennen. Tatsächlich entdeckten sie den Tatverdächtigen trotz Maskenpflicht in einer Aufnahme vom 17. November um die Mittagszeit am Hauptbahnhof. In einer zweiten Aufnahme vom Nachmittag desselben Tages sei zu sehen, wie der Beschuldigte in einen Zug nach Italien steigt, sagte Wimmer: "Aller Wahrscheinlichkeit nach hält der Beschuldigte sich inzwischen in Afghanistan auf", sagte Josef Wimmer, der Leiter der Münchner Mordkommission. Ein 57-jähriger Mann, der den Beschuldigten am 17. November zu einem Reisebüro in der Nähe des Hauptbahnhofs begleitet hatte, wurde am Dienstag nach einer Öffentlichkeitsfahndung anhand von Fotos identifiziert. Eine Kamera hatte den Moment festgehalten, als der Beschuldigte in Beisein dieses Zeugen sich nach Reisemöglichkeiten ins Ausland erkundigt hatte.

Ersten Erkenntnissen zufolge habe es schon in der Vergangenheit gewalttätige Übergriffe des 41-Jährigen auf seine Frau gegeben, erklärte der Chef der Mordkommission. Es gebe Hinweise darauf, dass der Beschuldigte "extreme Ansichten" über die Rollen von Mann und Frau vertrete, erklärte Oberstaatsanwältin Leiding.

Das Paar hatte vor zwei Jahren geheiratet und war erst im März nach München gezogen. Die 34-Jährige hatte zwei Söhne aus erster Ehe im Alter von drei und sieben Jahren. Am 11. November hatte sie die Polizei gerufen und berichtet, sie habe sich aus Angst vor ihrem Mann in ein Zimmer eingeschlossen. Wenig später rief sie erneut die 110 und erklärte, es werde keine Polizei benötigt. Als dennoch eine Streife an der Wohnungstüre klingelte, wollte sie keine Anzeige erstatten. Die Wohnung habe dem ersten Anschein nach nicht so ausgesehen, als habe ein Kampf stattgefunden, erklärte Wimmer. Allerdings habe der 41-Jährige auf die Beamten einen "sehr uneinsichtigen" Eindruck gemacht.

© SZ vom 25.11.2020
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