Kritik:Betörend schön

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"La clemenza di Tito" als konzertante Aufführung mit Cecilia Bartoli in der Isarphilharmonie.

Von Andreas Pernpeintner

Fast könnte man bei der Ouvertüre meinen, Dirigent Gianluca Capuano wollte den Umstand beheben, dass diese konzertante Aufführung von Mozarts "La clemenza di Tito" in der Isarphilharmonie für die Länge des Werks reichlich spät beginnt. Er legt ein Tempo hin, dass unter den wacker musizierenden "Les Musiciens du Prince - Monaco" etwas Hektik ausbricht. Capuano wird diesen Zug nicht durchweg aufrechterhalten. Vor allem dann nicht, wenn Mezzosopranistin Cecilia Bartoli sich die Zeit, die sie interpretatorisch für richtig hält, einfach nimmt.

Man erlebt hier in besonderem Maße den Unterschied zwischen einem soliden Ensemble für die übrigen Solorollen und einer Sängerin von Bartolis Rang - dadurch verstärkt, dass die konzertante Aufführung keine Ablenkung vom Gesang bietet. Mit welcher Selbstverständlichkeit Bartoli die Rolle des Sesto zum Leben erweckt, ist unfassbar gut - trotz angekündigter leichter Erkrankung. Die bedeutungsvolle Stille kostet sie ebenso aus wie ihre Fähigkeit, Koloraturen mit betörend schöner und unaufdringlicher Klarheit zu formen.

Bei derartigem Zuschnitt auf eine Solistin, die den anderen so spürbar enthoben ist, kommt keine Aufführung aus einem Guss zustande. Dennoch wissen einige sehr wohl zu bestehen. Péter Kálmán singt einen beachtenswert robusten Publio. Mélissa Petit kann als Servilia stimmlich überzeugen, hat ihre Mimik jedoch auf einen bleibenden Gesichtsausdruck justiert.

Beredt hingegen ist Alexandra Marcellier als Vitellia, die ihre bis kurz vor Ende der Handlung wirksame Dauerempörung mit ziemlich großem Vibrato zum Ausdruck bringt. John Osborn wäre ein würdiger Titus, hätte er nicht als einziger ständig sein Tablet mit den Noten bei sich - was immerhin lustig ist, wenn der Kaiser laut Handlung ein Schriftstück in der Hand hält. Sehr schön ist die Präzision des Chores (Il Canto di Orfeo), und hinreißend ist, wie elegant Siena Licht Miller die Rolle des Annio gestaltet. Riesiger Beifall.

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