Doppelspitze der Münchner Messe:"Jetzt erleben wir, dass das Geschäft zurückkommt"

Lesezeit: 4 min

Doppelspitze der Münchner Messe: Die neue Doppelspitze der Messe München: Reinhard Pfeiffer (links) und Stefan Rummel hoffen, dass sich im Herbst die Hallen wieder füllen.

Die neue Doppelspitze der Messe München: Reinhard Pfeiffer (links) und Stefan Rummel hoffen, dass sich im Herbst die Hallen wieder füllen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Nach zwei Jahren Krise erwarten die beiden neuen Chefs der Messegesellschaft einen "starken Herbst". Vor allem Bauma und Expo Real sollen Aussteller und Besucher in die Hallen nach Riem locken.

Von Catherine Hoffmann

So eine schwere Krise ist immer auch eine Frage der Perspektive. "Corona ist in unserer Branche eingeschlagen wie ein Meteorit", sagt Reinhard Pfeiffer. Gemeinsam mit Stefan Rummel steht er seit Anfang Juli an der Spitze der Messe München. Noch nie in seiner Geschichte musste das Unternehmen Mitarbeiter entlassen - bis die Pandemie kam und 170 Stellen abgebaut wurden. So recht erholt hat sich das Geschäft noch immer nicht von dem Einschlag.

"Was aber schlimmer war: Mitte 2020 gab es eine digitale Euphorie. Wir brauchen nie wieder Geschäftsreisen, wir müssen uns nie wieder persönlich treffen, dachten damals viele Veranstalter, Aussteller und Messebesucher", sagt Pfeiffer. Es war bitter für ein Unternehmen, das davon lebt, dass regelmäßig Hunderttausende Menschen aus aller Welt anreisen, sich in wenigen Hallen drängen, um Neuheiten zu erkunden. Stattdessen saßen sich Firmenvertreter und Kundinnen in Videokonferenzen gegenüber, die anfangs oft holprig verliefen, bis man mit der Technik vertraut war.

Richtig glücklich waren damit aber nur wenige. Bald suchte man nach Möglichkeiten, doch wieder miteinander persönlich in Kontakt zu kommen. "Jetzt erleben wir, dass das Geschäft zurückkommt, wir bauen vereinzelt wieder Personal auf", sagt Rummel. "Die Corona-Zeit hat gezeigt, dass der persönliche Kontakt unter Menschen nicht digitalisiert werden kann." Bis man wieder an alte Erfolge anknüpfen könne, dürften aber mehrere Jahre vergehen. Die Messe in Riem habe durchschnittlich 30 Prozent ihrer Aussteller und Besucher verloren. Wer jetzt komme, seien allerdings die Entscheider. "Da reisen nicht mehr zehn Leute an, sondern zwei, aber das sind sehr oft Entscheider, die in der Lage sind, Geld auszugeben", sagt Rummel.

Immer wieder führt der eine Messe-Chef einen Gedanken des andern zu Ende. Das geschieht automatisch und reibungslos. "Wir sind zu zweit ein Team", erklärt Pfeiffer den neuen Führungsstil im Messe-Unternehmen. "Jeden Morgen tauschen wir uns eine halbe Stunde beim Kaffee aus." Die beiden wissen: So eine Doppelspitze funktioniert nur, wenn man sich gut versteht - und die Zuständigkeiten klar aufteilt: Pfeiffer kümmert sich um das Kaufmännische, Rummel um IT, Strategie und Digitalisierung. Als ihr Vorgänger Klaus Dittrich in den Ruhestand gegangen sei, hätten sie sich gemeinsam um den Job beworben. "Wir kennen uns seit mehr als zehn Jahren und sind in dieser Zeit eng zusammengewachsen", sagt Rummel - und man glaubt es ihm.

Zum Team gehört aber nicht nur die Spitze, sondern zu ihm gehören alle 600 Beschäftigten der Messe. Da die Zahl der Geschäftsführer verkleinert wurde, muss die Mannschaft mehr Verantwortung übernehmen. "Wir wollen deutlich anders gestalten als in der Vergangenheit, das geht mit einem kulturellen Wandeln einher", sagt Rummel. Und Pfeiffer ergänzt: "Das ist ein Kraftakt. Wir sind noch nicht so gut eingespielt wie ein altes Team. Zugleich haben wir den stärksten Messeherbst vor uns, den es je gab." Und ehrgeizige Ziele haben sich die beiden auch gesetzt: Nach zwei dürren Jahren soll das Unternehmen, dessen größte Gesellschafter die Stadt München und der Freistaat Bayern sind, raus aus der Krise kommen und schwarze Zahlen schreiben.

Doppelspitze der Münchner Messe: Bagger von Komatsu: Die Baumaschinenmesse Bauma beeindruckte zuletzt 2019 mit Fahrzeugen in Übergröße.

Bagger von Komatsu: Die Baumaschinenmesse Bauma beeindruckte zuletzt 2019 mit Fahrzeugen in Übergröße.

(Foto: Florian Peljak)

Gerade laufen auf dem Messegelände die Aufbauarbeiten für die größte Fachmesse der Welt, die Baumaschinen zeigt: die Bauma Ende Oktober. Die Ausstellungsfläche beträgt 614 000 Quadratmeter oder rund 86 Fußballfelder, auf denen viele tonnenschwere Minenfahrzeuge, Raupenkräne und Hydraulikbagger Platz finden. Schwerpunkte sind in diesem Jahr Gefährte, die autonom durch chaotische Baustellen navigieren können, und eine Karrierebörse, die junge Menschen für Ingenieurberufe begeistern soll.

Zuvor findet Mitte September noch die Drinktec statt, eine Messe für Getränkehersteller. Anfang Oktober gibt es wieder die Immobilienmesse Expo Real. Sie belegte im vergangenen Jahr wegen Corona nur vier Hallen, jetzt erstreckt sie sich wegen der großen Nachfrage wieder über sieben. Im November folgen dann Electronica und Ispo - der Messekalender ist also gut gefüllt.

Nicht zu vergessen: Im August sind nach dem Auftritt von Andreas Gabalier weitere gigantische Konzerte mit Helene Fischer und Robbie Williams geplant. Das brachte der Messe harsche Kritik der Münchner Hallenbetreiber ein, die massiv unter der Pandemie gelitten haben und die wütend über die unerwartete Konkurrenz waren. "Wir haben das gemacht, weil es durch Corona eine große Nachfrage nach Events unter freiem Himmel gab und der österreichische Veranstalter Klaus Leutgeb mit der Idee zu uns kam", sagt Rummel. "Aber Konzerte sind nicht unser Kerngeschäft. Unser Gelände dient primär den Messen", so Pfeiffer.

Open-Air-Konzerte sind nicht das einzige heikle Thema für die beiden Messechefs: Auch die Automobil-Messe IAA Mobility mit ihren Ausstellungsflächen auf öffentlichen Plätzen erregte Unmut, vor allem bei Grünen und Roten im Stadtrat: zu wuchtig, zu viele dicke Autos, zu wenige Alternativen zum motorisierten Individualverkehr. Rummel, der sich die Debatte im Stadtrat angehört hat, verteidigt das Konzept: "Uns ist es gelungen, der IAA einen neuen Drive zu geben. Der Schlüssel dazu waren der Open Space, also die Ausstellungsflächen mitten in der Innenstadt, und der Festivalcharakter." Doch der Stadtrat will die Messe zurückdrängen, weg vom Platz vor der Feldherrnhalle, Richtung Ludwigstraße. Der VDA sei "nicht erfreut" darüber, so Rummel. Aber beide Geschäftsführer sind überzeugt, dass am Ende eine gute Lösung gefunden wird.

Auch in Sachen IAA ist also alles eine Frage der Perspektive: "Viele Themen suchen ja nach Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit", sagt Rummel. "Das schafft die IAA ohne Probleme."

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