Musizieren:Wenn Ingenieure ihr Glück in der Musik finden

Musizieren: Eine Band mit viel Blech und technischem Verstand: die Linde Sound Machine.

Eine Band mit viel Blech und technischem Verstand: die Linde Sound Machine.

(Foto: Andreas Kroener)

Es gibt sie noch! Betriebsorchester wie die "Sound Machine" von Linde kämpfen um ihr Fortbestehen und verstehen sich als Exempel für den Zusammenhalt in einer Firma. Gerade in Zeiten der Pandemie. Auch wenn sie dafür auf dem eiskalten, zugigen Dach ihres Konzern-Parkhauses proben müssen.

Von Karl Forster, München

Wenn bei Linde die rote Sonne im Wald versinkt, wird es kühl im Übungsraum der Linde Sound Machine. Und so holt sich die Baritonsaxophonistin Verena Bertold in einer kurzen Pause ihre dicke Jacke aus dem Auto. Das steht, wie die der anderen Musiker, hier im Übungsraum. Denn diese in Vollbesetzung bis zu 22-köpfige Big Band - deren Name sich vom Arbeitgeber der meisten Musiker ableitet - übt im siebten Stock eines Parkhauses. Das steht an der Wolfratshausener Straße in Pullach. Und dort zieht es wie Hechtsuppe, denn die Wände sind nach Ost und West offen. Der Hitze des Sounds nimmt das aber nichts von seiner Kraft. Die Combo, es sind diesmal immerhin 13 Musiker da, hat sich immerhin vorgenommen, ein groovendes Stück Soulfunk zur Perfektion zu treiben.

Es dauert keine zehn Takte, bis man weiß: Die Zeiten, als die Linde Sound Machine noch eher altbackenen Big-Band-Sound mit "Sunny Side of the Street" oder "Autumn Leaves" pflegte, sie sind vorbei. Was hier unterm Blechdach des Parkhauses abgeht, funkt und fetzt, wie man es sonst nur von Pee Wee Ellis, Maceo Parker oder den Phoenix Horns kennt. Vielleicht noch nicht ganz so perfekt, aber auf dem besten Weg dorthin.

Und der führt nun mal über den Übungsraum. Dieser Raum ist, in diesem Falle, nun schon sehr speziell. Während Posaunist und Gründungsmitglied Andreas Kröner, wie die meisten hier Ingenieur in Sachen Gas, in feinstem Schwäbisch die Geschichte der Band referiert und ganz begeistert von der aktuellen Sängerin Tamara Nüßl erzählt, eine in Würzburg klassisch ausgebildete Mezzosopranistin mit Hang zum Funk, windet sich Auto um Auto die engen Kurven zum Toplevel des Parkhauses hoch. Instrumente werden ausgepackt, zusammengebaut und gestimmt. Perkussionist und Schlagzeuger stellen ihre Batterien auf (und fangen, wie alle Perkussionisten und Schlagzeuger der Welt sofort zu trommeln an).

Man trifft sich jeden zweiten Mittwoch. Es kommt, wer Zeit hat. Andreas Kröner sagt: "Vollzählig sind wir meist nur, wenn wir einen Gig haben." Er hat ein paar Schnüre dabei mit eingebundenen Plastikschnipseln und legt sie auf dem Boden aus. "Das ist für die Abstandsregeln." Hier oben? Fast im Freien? Wo der Regen manchmal so laut aufs Wellblechdach trommelt, dass selbst Sax und Trompeten kaum noch eine Chance haben? Aber sicher ist sicher, auch bei der heißesten Musik soll das Virus keine Chance haben.

Die gasgetriebene Soundmaschine will weiterarbeiten

Nun gibt es dieses Linde-Orchester ja schon seit 2003. Es war einer der Ingenieure, Ricardo Ribeiro, der nach diversen Anfragen und Vorstößen musikerfahrener Lindeanern, die Gründung der Sound Machine ausrief. Count Basie, Glenn Miller oder auch Duke Ellington, so hießen die Komponisten der ersten Ära. Man spielte auf hausinternen Geburtstags- oder Jubiläumsfesten, ein erster echter Gig fand dann im Geltinger Hinterhalt statt. Forst Kasten wurde zum festen Jahresprogramm, was leider wegen Betriebsaufgabe der Vergangenheit angehört; zu echten Höhepunkten gerieten Auftritte wie beim Stadtfest in Dresden oder bei der Gala zu 100 Jahre Linde Gas in Linz und München. Das Zehnjährige feierte man bei ausverkauftem Haus in der Loisachhalle zu Wolfratshausen. Leider starb der Bandleader 2015, eine Compilation der Sound Machine unter seinem Dirigat findet sich im Netz. Der Eindruck: altmodisch, aber höchst professionell.

Der Schock war groß, der Einschnitt tief. Doch die gasgetriebene Sound Machine wollte weitermachen. Und suchte einen neuen Chef. Den fand sie in Holger Bischof, und mit ihm kam auch ein vollkommen neuer Groove ins Haus, respektive ins Parkobergeschoß. Heute heißen die Nummern "Slo Funk" (im Originalsatz von Bob Mintzer) und "Come On Come Over" von dem Wahnsinnsfunkbassisten Jaco Pastorius.

Das ist die Welt von Holger Bischof. Und damit ist er in der Münchner Bläserszene wohl bekannt. Er blies und bläst noch in diversen Combos von Jazz bis Funk und Soul die Saxophone (am liebsten wohl das Alt) und ist von jener Professionalität, die es einem erlaubt, auch die ausgefrickeltsten Arrangements mit den kompliziertesten Breaks vom Blatt zu spielen. Er steht da also vor den 13 übungsbereiten Musikern (davon zwei Musikerinnen), die untergehenden Sonne im Rücken, und zählt ein. "One two, three..." Der ganze Körper ist Rhythmus. Und die Combo, Saxophone, Trompeten, Posaunen, eine Klarinette, ein Bass, ein Perkussionist und ein sehr dezenter Schlagzeuger, folgt ihm konzentriert durchs Notengestrüpp. Und dann sind die einzelnen Instrumentalgruppen dran. Das ist Präzisionsarbeit.

Siemens hat eine ähnliche Big Band, BMW ein Kammerorchester

Vielleicht ist es die Faszination des Orchesterspiels, dass Bands wie die Linde Sound Machine zusammenfinden. Und dass sie dabei das Firmenlogo ihres Arbeitgebers quasi im Titel tragen, spricht für eine gewisse Corporate Identity. Siemens zum Beispiel hat in Berlin eine ganz ähnliche Big Band, BMW gar ein klassisches Kammerorchester. Und eine Notiz am Rande: Bei der Süddeutschen Zeitung sorgt Deadline, die Redaktionsband, regelmäßig auf Tollwood für organisierten Lärm.

Kein Wunder also, dass hier im Lindeparkhaus II auch nach einer Stunde harter Arbeit noch höchste Konzentration herrscht. Sie wollten eigentlich jetzt im November auftreten, nichts Großes, ein firmeninternes Fest. Doch es wurde leider abgesagt. Wegen Corona.

Aber ein bisschen Hoffnung gibt ihnen die aktuelle Situation, die den Eindruck erweckt, als könne die Pandemie bald der Vergangenheit angehören. Und wo Hoffnung ist, da wird auch geübt. Egal, ob der Wind bläst oder der Regen lärmt. "Einmal kam ein Gewitter auf. Wir haben uns darauf verlassen, dass das hier wie ein Faradayscher Käfig wirkt", sagt der Ingenieur. Man will halt, seitens der Linde Sound Machine, allzeit mit heißem Herzen und heißem Sound bereit sein.

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