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50 Jahre VHS:Erweiterter Horizont

Hilfestellung für alle Bereiche des Lebens: Zum 20-jährigen Bestehen der VHS Nord illustrierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Bürgersaal Unterschleißheim die immense Bandbreite des Programms.

(Foto: Archiv VHS Nord)

Vor 50 Jahren etablierten drei Kommunen Erwachsenenbildung im Landkreis. Heute ist die VHS Nord eine der größten Volkshochschulen Bayerns.

Von Irmengard Gnau, Ismaning/Garching/Unterschleißheim

Ob Englisch oder Französisch, Stenografie, Maschinenschreiben oder eine Studienreise in die Nachbarländer - die Motivation, etwas Neues zu lernen und den eigenen Horizont zu erweitern, war groß in den Sechzigerjahren. Auch in den rasant wachsenden Umlandgemeinden im Norden Münchens war ein Hunger nach Weiterbildung zu spüren. Doch dafür jedes Mal den Weg in die Landeshauptstadt auf sich nehmen, wo die Münchner Volkshochschule Kurse anbot? Das kam nicht für jeden in Frage. So verfestigte sich in den Kommunen Garching, Ismaning und Unterschleißheim der Gedanke, eine eigene Volkshochschule ins Leben zu rufen. Helmut Karl, damals zweiter Bürgermeister von Garching, trieb die Idee besonders engagiert voran und sicherte sich dafür die Unterstützung des Leiters der Münchner Einrichtung zu.

Am 12. Februar 1971 schließlich war es soweit. Der damalige Ismaninger Bürgermeister Erich Zeitler (SPD), so erinnert sich der langjährige Leiter der VR-Bank Hans Berger, fragte ihn, ob er mit ihm nach Unterschleißheim fahren wolle; dort sei die Vereinsgründung für die gemeinsame Volkshochschule geplant und man brauche noch einen Kassier. Berger willigte ein; bis 2019 sollte der Ismaninger sein Amt ausüben. Der neu gegründete Verein schloss sich mit den bestehenden, ehrenamtlich geleiteten Volkshochschulvereinen in Oberschleißheim sowie Eching und Neufahrn zusammen. Im ersten gemeinsamen Programm wurde die neue Einrichtung euphorisch angekündigt: Sie wolle allen Bewohnern in Garching, Ismaning und Unterschleißheim die Möglichkeit geben "zur beruflichen Fortbildung, zum Erwerb von neuen Fertigkeiten, zur Betätigung der schöpferischen Kräfte, zur Ergänzung und Erweiterung des Allgemeinwissens und zur kritischen Auseinandersetzung mit sich selbst und der Umwelt". Zu diesem Zwecke wurden von da an Seminare angeboten, Schneider-, Keramik- oder Gymnastikkurse organisiert und Diskussionen veranstaltet, zunächst vor allem nachmittags und abends in den öffentlichen Schulen der Mitgliedsgemeinden. Ganze vier DIN-A4-Seiten umfasste das erste Programm. Doch die Ambition zu Größerem war bereits zu spüren.

Hilfestellung für alle Bereiche des Lebens: Zum 20-jährigen Bestehen der VHS Nord illustrierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Bürgersaal Unterschleißheim die immense Bandbreite des Programms.

(Foto: Archiv VHS Nord)

Das Programm wurde immer umfassender, 1973 wuchs der Verein mit Unterföhring auf vier Mitgliedskommunen an. Schließlich entschloss man sich, den Schritt zur Professionalisierung zu machen: Am ersten März 1976 trat Herbert Becke, damals 25, der kurz zuvor sein Studium der Erwachsenenpädagogik in München abgeschlossen hatte, seinen Posten als erster hauptamtlicher Leiter der VHS Nord an. Ein Glücksfall für beide Seiten. 33 Jahre lang prägte Becke das stetig wachsende Programm der VHS. Unter ihm und seinem Nachfolger Lothar Stetz, der seit 2009 als Direktor die Geschäfte verantwortet, hat sich die VHS Nord zur heute zweitgrößten Volkshochschule in Oberbayern entwickelt mit 19 hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und einem inzwischen katalogstarken Programm. Für das Sommersemester sind knapp 34 000 Unterrichtsstunden und 1432 Veranstaltungen mit mehr als 500 Dozenten geplant. "Wir sind ein mittelständisches Unternehmen mit einem öffentlichen Auftrag", sagt Stetz. Zentral, um diesen Spagat zu meistern, ist die Unterstützung der Kommunen, die in den 50 Jahren die VHS stets getragen haben, finanziell wie auch ideell, wie die Leiter bestätigen.

Der hohe Stellenwert der VHS lässt sich auch an dem Umstand ablesen, dass die Bürgermeister der Mitgliedskommunen von jeher den Vereinsvorstand bilden - den Hauptamtlichen dabei aber die Freiheit der Programmgestaltung lassen. Nur einmal, erinnert sich Herbert Becke, wollten einzelne Kommunalpolitiker der VHS ihre Planungshoheit entziehen. Als diese in den 1980er Jahren Diskussionsrunden zum Thema Atomkraft und dem Reaktorunfall in Tschernobyl veranstalten wollten, fürchtete mancher, dies könne die Stimmung gegen den Forschungsreaktor in Garching aufbringen. Die Veranstaltungen fanden statt, mit Rückendeckung der Bürgermeister. Ganz im Sinne des Selbstverständnisses der VHS. "Wer soll kritische Themen in den Kommunen sonst behandeln?", fragt Becke. "Es ist unser Anspruch, gesellschaftliche Debatten abzubilden", ergänzt Stetz. Dabei schlägt sich die VHS auf keine Seite. "Wir bieten die Vielfalt der Meinungen an", sagt Becke.

Herbert Becke (links, 1976 bis 2009) und Lothar Stetz (2009 bis heute) prägten und prägen die VHS Nord.

(Foto: Claus Schunk)

Ob das erhoffte Sommerfest zum Jubiläum stattfinden kann, steht derzeit noch in den Sternen. Ein Geschenk aber machen die Kommunen ihrer VHS: Nachdem 2019 in Unterföhring ein modernes eigenes Domizil bezogen wurde, wird nach langen Jahren des Wartens auch der Stammsitz in Garching neu gestaltet. Die Vorbereitungen für den Bau des neuen Kultur- und Sozialzentrum an der Telschowstraße, das die VHS mit der Nachbarschaftshilfe beziehen wird, laufen bereits.

© SZ vom 20.02.2021
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