Tarifstreit im Öffentlichen Nahverkehr:Lokführer streiken zur Wiesn

Die Gewerkschaft der Lokführer hat ihre Drohung wahr gemacht: Sie streiken während des Oktoberfestes - ganz ohne Vorwarnung. Oberbürgermeister Ude spricht von einem "Anschlag" auf die Wiesn.

Marco Völklein

Die Gewerkschaft der Lokführer (GDL) hat ihre Drohung wahr gemacht: Mit Beginn der Frühschicht um vier Uhr hat der Gewerkschaftsdachverband DBB Tarifunion, der den aktuellen Tarifstreit im Auftrag der GDL führt, seine Mitglieder in München, Augsburg und Nürnberg zum Streik aufgerufen. Wie lange der Ausstand dauern soll, ließen DBB wie GDL zunächst offen. "Es wird so lange gestreikt, bis ein Signal der Arbeitgeber kommt", sagte eine DBB-Sprecherin: "Der Ball liegt beim kommunalen Arbeitgeberverband."

177. Oktoberfest - Eröffnung

Streik mit offenem Ende im Nahverkehr zur Wiesn-Zeit: Die U-Bahnen fahren derzeit im Zehn-Minuten-Takt.

(Foto: dpa)

Auf der Strecke U 4/5, die direkt zum Oktoberfest-Bahnhof Theresienwiese führt, spürten die Fahrgäste die Folgen des Streiks besonders: Weil dort, wie auf allen Strecken, wegen des Ausstands weniger U-Bahnen fuhren als geplant, drängten sich die Fahrgäste in den Waggons. Ordner der MVG versuchten, durch Durchsagen die Menschen auf die gesamte Länge des Bahnsteigs zu verteilen.

Spannend wird es, wie sich die Streiks auf den Wiesn-Verkehr am Nachmittag auswirken: Denn gerade am Freitagabend drängen erfahrungsgemäß besonders viele Besucher auf das Festgelände. Auch am Samstag und am Sonntag erwartet die Stadt Hunderttausende Besucher - am mittleren Wiesn-Wochenende kommen traditionell viele Italiener an die Isar.

Münchens Oberbürgermeister Christian Ude nannte den Ausstand zur Wiesn "unverantwortlich". Der Streik sei ein "Anschlag auf die Bevölkerung und das größte Volksfest der Welt", mit dem die GDL "auch noch den letzten Rest von Verständnis in der Bevölkerung beseitigen wird".

Zahlreiche Bürgermeister aus anderen Städten hätten ihn darin bestärkt, als kommunaler Arbeitgebervertreter "bei unserer harten Linie zu bleiben". Andernfalls, so Ude, "werden überall im Land kleine Splittergruppen den Nahverkehr lahmlegen". Die "Mehrheit der Beschäftigten" stehe nicht hinter den Forderungen der GDL, ergänzte der OB.

Ersatzbusse für die Tram

Die Münchner Verkehrsbetriebe reagierten - wie schon bei den vergangenen beiden Ausständen - mit einem Notfahrplan auf den Streik. Am frühen Morgen verkehrte die U-Bahnlinie U 4 nur verkürzt zwischen Arabellapark und Odeonsplatz; von etwa 7.30 Uhr an fuhr sie wieder bis zur Theresienwiese. Alle anderen U-Bahn-Linien fahren nach MVG-Angaben derzeit im Zehn-Minuten-Takt.

Bei der Tram stellten die Verkehrsbetriebe den Betrieb auf den beiden Linien 16 und 21 ein. Bei diesen Linien handelt es sich um sogenannte Verstärkerlinien, die nur während des morgendlichen Berufverkehrs gefahren werden. Auf der Linie 12 befördert die MVG die Fahrgäste nach eigenen Angaben mit Sammeltaxis zwischen Romanplatz und Rotkreuzplatz sowie zwischen Scheidplatz und Kurfürstenplatz. Im Laufe des Vormittags wurden diese dann durch Ersatzbusse ersetzt.

"Zwischen Kurfürstenplatz und Rotkreuzplatz können Fahrgäste den Bus 53 nutzen", teilte die Gesellschaft mit. Beim Busverkehr kommt es laut MVG zu "einzelnen Ausfällen beziehungsweise Verspätungen".

Tram blockierte Lindwurmstraße

Für zusätzliches Chaos sorgte an diesem Freitagmorgen ein Trambahnunfall am Sendlinger Tor: Beim Rechtsabbiegen von der Sonnenstraße in die Lindwurmstraße krachte ein schwarzer Mercedes in eine Trambahn der Linie 18. Die Bahn blockierte daraufhin den Verkehr auf der Rechtsabbiegespur. Auf der Sonnenstraße kam es zu Rückstauungen. Die Trambahnen der Linien 17, 18 und 27 mussten auf andere Gleise am Rondell am Sendlinger Tor ausweichen, was wiederum zu Verwirrungen bei den Fahrgästen führte.

Streik ohne Vorankündigung

Der Streik im Nahverkehr kam diesmal für die Fahrgäste besonders überraschend: Die Ankündigung ging zeitgleich mit dem Streikaufruf raus - um Punkt vier Uhr in der Früh, also ohne jegliche Vorwarnung für die Fahrgäste. Nach den beiden ersten Streiks hätten die Arbeitgeber sich nicht bereiterklärt, sich mit GDL-Vertretern an einen Tisch zu setzen, erklärte DBB-Vizechef Willi Russ: "Nun sehen wir uns gezwungen, die Streikmaßnahmen fortzusetzen und zu forcieren."

Allerdings sieht es nicht danach aus, als würden die Arbeitgeber auf GDL und DBB zugehen. MVG-Chef Herbert König empörte sich vielmehr: "Eine der kleinsten Gewerkschaften bestreikt das größte Volksfest der Welt. Zigtausende werden damit zum Spielball einer leicht durchschaubaren Gewerkschaftspolitik."

Gestreikt wird auch in in Nürnberg, Augsburg, Fürth und Erlangen. Der DBB vertritt etwa 1000 der 6500 Beschäftigten im kommunalen Nahverkehr Bayerns. Anders als die Gewerkschaft Verdi hatte sich der DBB zuvor nicht mit den Arbeitgebern auf einen neuen Tarifvertrag geeinigt und die Verhandlungen für gescheitert erklärt.

© sueddeutsche.de/woja/hai
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