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Sitzenbleiber:In guter Gesellschaft

Illustration: Dalila Keller

Im Landkreis München fallen relativ viele Schüler durch. Doch das gilt längst nicht mehr als Makel. Die Lebensläufe von Ministern und Bürgermeistern bestätigen das. Pädagogen sehen darin sogar Vorteile

Von Iris Hilberth, Landkreis

Beim späteren Bundesfinanzminister Peer Steinbrück lag es an Altgriechisch und an Mathematik. Edmund Stoiber, langjähriger bayerischer Ministerpräsident, fiel in Latein durch. Die Liste prominenter Sitzenbleiber ist erstaunlich und lang. Selbst Schriftsteller wie Gerhart Hauptmann und Thomas Mann hat es erwischt, auch Justus von Liebig scheiterte in der Schule. Heute ist die Universität in Gießen nach dem Chemiker benannt. Es ist vielleicht Trost für alle, die mit dem neuen Schuljahr eine Ehrenrunde begonnen haben, dass sie sich in einem so illustren Kreis befinden.

In Bayern gibt es mehr Sitzenbleiber als anderswo, hat die jüngste Veröffentlichung eines Internetportals gezeigt, das München als Sitzenbleiber-Hochburg deklariert, weil hier 2,9 Prozent der Schüler die Klasse wiederholen, an Realschulen gar 8,9 Prozent und an Gymnasien 4,3. Für den Landkreis München kommt das Bayerische Kultusministerium auf etwas niedrigere Zahlen. Rechnen die Statistiker im Hause Ludwig Spaenles (CSU) wie das Internetportal die freiwilligen Wiederholer und die Pflichtwiederholer zusammen, kommen sie bei den Gymnasien auf 3,1 und bei den Realschulen auf 6,6 Prozent. Doch solche Kalkulationen werden dort gar nicht gerne angestellt.

Äpfel mit Birnen verglichen

Vielmehr verweist man auf die Quote derer, die wegen mindestens zwei Fünfern oder einer Sechs im Zeugnis nicht versetzt werden. 1,6 Prozent ergibt das für den Freistaat. Die Gymnasien im Landkreis sind mit nurmehr 1,5 Prozent dabei, die Realschulen mit 3,5. Den Damen und Herren des Internetportals wirft das Ministerium vor, "unqualifiziert Äpfel und Birnen durcheinander zu wirbeln". Denn in deren deutschlandweiter Statistik tauchten auch Städte aus Bundesländern auf, die das Sitzenbleiben abgeschafft hätten, kritisiert Ministeriums-Sprecher Ludwig Unger. In Bayern findet man es weiterhin wichtig, "dass es Sanktionen gibt, wenn man nichts tun will". Wichtig sei doch, dass man am Ende sein Ziel erreicht, sagt Unger und betont: "Wiederholen darf kein Stigma sein."

Aber bringt es überhaupt was? In einer Bertelsmann-Studie aus dem Jahr 2009 zog der Bildungsforscher Klaus Klemm das Fazit: "Klassenwiederholungen sind teuer und unwirksam." Derzeit beobachtet das Leibniz-Institut für Bildungsverläufe in Bamberg in einer Langzeitstudie den Lebensweg von 60 000 Deutschen. Studienleiter Hans-Günther Roßbach wird mit den Worten zitiert: "Klassenwiederholungen schaden nicht." Das kann Kirchheims Bürgermeister Maximilian Böltl (CSU) bestätigen: "Im Nachhinein hat es gut getan, die 12. Klasse zu wiederholen." Erstaunlich an seinem Lebenslauf: Böltl wiederholte freiwillig, um das Fach Wirtschaft als Leistungskurs gegen Erdkunde einzutauschen. Später studierte er BWL. "Ich habe nochmal richtig Anlauf genommen, ich brauchte einfach die Zeit." Die Bürgermeisterin von Sauerlach, Barbara Bogner (Unabhängige Bürgervereinigung), selbst Gymnasiallehrerin, ist auch Befürworterin des Wiederholens. "Die sind doch heute mit dem G 8 so jung, wenn sie mit der Schule fertig sind", sagt sie. Da tue es manchem gut, eine Klasse zu wiederholen, "das ist keine Schande".

Was zählt, ist die Persönlichkeit

Jedenfalls fragt später offenbar keiner mehr danach. Bewirbt man sich etwa bei einer Behörde wie dem Landratsamt, zählen laut dessen Sprecherin nur die Abschlussnoten und der Gesamteindruck. Auch der bildungspolitische Sprecher der Industrie- und Handelskammer München und Oberbayern (IHK) Hubert Schöffmann betont: "Der Faktor Sitzenbleiben spielt für Personalentscheider in den Unternehmen grundsätzlich keine große Rolle." Viel wichtiger sei, ob der Kandidat über die fachliche Kompetenz verfüge und mit seiner Persönlichkeit zum Unternehmen passe. "Jeder Lebenslauf ist so individuell wie der Bewerber. Deshalb ist es meist unerheblich, wenn eine Klasse wiederholt worden ist", so Schöffmann, "vielleicht sollten auch die Schulen Ursachenforschung betreiben, wenn es immer mehr Sitzenbleiber gibt", findet er.

Nun sind die Zahlen in den vergangenen Jahren prozentual nicht gestiegen. An den Realschulen sind sie seit 2005 sogar mehr als drei Prozentpunkte zurückgegangen. Dass der Landkreis München aber über den Quoten von Passau oder Straubing liegt, hängt auch damit zusammen, dass dort viel weniger Kinder die weiterführenden Schulen besuchen als hier, wo allein 14 427 auf Gymnasien und 4056 auf Realschulen gehen. "Wir haben hier Übertrittsquoten von 70 Prozent, auch weil der Besuch eines Gymnasiums nicht davon abhängt, ob es eine Busverbindung gibt", sagt der Schulleiter des Neubiberger Gymnasiums, Reinhard Rolvering. Früher habe man vor allem Durchfaller in der Mittelstufe gehabt, jetzt vor allem in der 5. und 6. Klasse, sagt er.

Meist ist Deutsch der Knackpunkt

Wer mit viel Vorbereitung den Übertritt schaffe, bekomme Probleme, wenn das Üben nachlasse. In Fächern wie Heimat- und Sachunterricht erreiche man mit viel Lernen auch gute Noten. Knackpunkt sei aber insbesondere das Fach Deutsch. "Und schwierig wird es vor allem dann, wenn in der 6. Klasse die zweite Fremdsprache hinzukommt." Die Schule sei bemüht, mit Intensivierungsstunden gegenzusteuern. Sein Kollege vom Gymnasium Oberhaching, Mathias Müller, hingegen sieht keinen Schwerpunkt in der Unterstufe, "das verteilt sich auf alle Jahrgänge", sagt er. Allerdings treffe es mehr Jungen als Mädchen, hat er festgestellt. Mädchen seien meist Bücher- und lernaffiner. "Wir beschäftigen uns viel mit einer Analyse", sagt Müller. Gleichwohl sei Wiederholen nicht nur negativ zu sehen. Für genügend Schüler sei es ein sinnvoller Schritt und die Entwicklung positiv. "So gibt es Spätstarter, die dann noch die Kurve bekommen."

Das stellen auch die Leiter der Realschulen fest. "Ich halte es für notwendig, um das Bildungsniveau zu halten. Fächer, die auf das Vorwissen aufbauen, erfordern ein Mindestmaß an Grundwissen", sagt Gerald Faißt, Schulleiter der Walter-Klingenbeck-Realschule Taufkirchen. Dort gibt es zwischen der 7. und 9. Klasse die meisten Durchfaller, was Faißt auf die Pubertät zurückführt. Dem stimmt Johann Wolfgang Robl, Leiter der Realschule Ismaning zu. Allerdings räumt er ein, dass Wiederholen nicht bei jedem etwas bringt. Es gebe Schüler, die seien motiviert und hätten gute Noten. "Andere tun sich weiter schwer und wählen am Ende eine andere Schulart."

© SZ vom 24.09.2016/lb

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