Pullach:Ein umstrittener Sinneswandel

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Hans Meiser

Hans Meiser war während der NS-Herrschaft evangelischer Landesbischof in Bayern.

(Foto: SZ-Photo)

Geht es nach dem Geschichtsforum der Gemeinde, soll die Bischof-Meiser-Straße umbenannt werden - doch dagegen wendet sich jetzt ausgerechnet die SPD

Von Michael Morosow, Pullach

War Hans Meiser, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern von 1933 bis 1955, ein Nazi-Bischof? Die politische Haltung des Kirchenmannes während der Naziherrschaft ist gerade in jüngerer Vergangenheit oftmals Gegenstand von Debatten gewesen. Eine lebhafte Diskussion ist nun auch für die Sitzung des Pullacher Gemeinderates am Montag zu erwarten. Das Gremium wird über einen Antrag des Geschichtsforums der Gemeinde auf Umbenennung der Bischof-Meiser-Straße entscheiden.

Wenn dem Antrag stattgegeben wird, soll neuer Namensgeber der Straße Richard Eylenburg werden, ein Opfer der Nazis, der Jahre in Konzentrations- und Arbeitslagern verbrachte, nach dem Krieg in Pullach ins Leben zurückfand und als überzeugter Sozialdemokrat 1952 zum Zweiten Bürgermeister der Gemeinde gewählt wurde. Nun aber ist ausgerechnet die Pullacher SPD aus dem Kreis der Befürworter der Straßenumbenennung ausgeschieden, worüber man im Lager des Geschichtsforums die Hände über dem Kopf zusammenschlägt.

Die Haltung der SPD ist auf den ersten Blick verwunderlich, hatten doch ihre beiden Vertreter im Gemeinderat, Holger Ptacek und Michael Schönlein, noch im April dafür gestimmt, dass die Gemeinde die Umbenennung der Straße vorbereitet. Woher der Sinneswandel rührt, haben beide am 11. November im Isaranzeiger zusammen mit dem SPD-Ortsvereinsvorsitzenden Peer Wallenborn erklärt. Es seien ihnen nach Studium der Unterlagen "Zweifel gekommen, ob eine Umbenennung gerechtfertigt ist". In der 1926 erschienenen Schrift "Die evangelische Kirche und die Judenfrage" fänden sich erschütternde, antisemitische Aussagen Meisers, schreiben die drei Sozialdemokraten. Doch diesen Zitaten stünden andere Textstellen gegenüber, in denen Meiser eine Verfolgung von Juden aus "rassischen" Motiven ablehnt, es als Christenpflicht bezeichnet, sie gegen diese Art von Verfolgung zu schützen.

Der Vorwurf, seine Schrift von 1926 habe der Shoah Vorschub geleistet, wiege schwer, passe aber nicht zur Einschätzung seiner Person als Judenfreund durch die Nazis. Meiser habe sich nach dem Krieg um einen Dialog mit der jüdischen Gemeinde verdient gemacht und von vielen Seiten, auch vom Münchner Oberrabbiner, Wertschätzung erfahren. "Wie seine Überzeugungen in den 1920ern auch immer waren, er hat spätestens nach dem Krieg seine Ansichten geändert", heißt es weiter im Text. Und schließlich stellt das SPD-Trio die rhetorische Frage: "Wer kann sicher behaupten, ob er/sie das Zeug hätte, für Menschlichkeit und Moral ins Gefängnis, ins KZ oder aufs Schafott zu gehen?"

Im Lager des Pullacher Geschichtsforums reagiert man mit Bedauern auf die Haltung der SPD. Es sei vor allem nicht nachvollziehbar, dass die SPD die gefestigte wissenschaftliche und die kirchliche Bewertung nicht entsprechend berücksichtige und würdige, sondern nicht belegte Behauptungen dagegen setze, kontert der vierköpfige Vorstand des Geschichtsforums. Der Antrag auf Umbenennung der Bischof-Meiser-Straße werde auch von der Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands mitgetragen. Der Graben zwischen Geschichtsforum und SPD scheint tief: Es sei ihm bereits nahegelegt worden, aus dem Geschichtsforum auszutreten, sagte Ptacek zur SZ. Er zählte zum Gründungsvorstand.

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