bedeckt München 11°

Ottobrunner Siedlungsentwicklung:Dichter bauen oder dicht machen

Weil in Ottobrunn freie Flächen fehlen, können neue Wohnungen nur in bestehenden Siedlungen geschaffen werden. Die Gemeinde will das im Vogelviertel tun, doch der Widerstand von Anwohnern und Umweltschützern wächst.

Von Martin Mühlfenzl, Ottobrunn

Auf dem Lageplan der Gemeinde Ottobrunn aus dem Jahr 1968 dominiert die Farbe Grün. Am Haidgraben, südlich des Ranhazwegs, wo sich heute das Phönixbad befindet, ist kaum Rot zu erkennen - jene Farbe, die Wohnbebauung ausweist. Vom Ludwig-Bölkow-Campus und den heutigen Gewerbebauten ist auf dem Plan kaum etwas zu erkennen.

Ottobrunn, die Kommune mit der aktuell zweithöchsten Bevölkerungsdichte Deutschlands, war zu Beginn des vorigen Jahrhunderts ein Idyll für Ausflügler und noch bis in die Siebzigerjahre eine grüne Gemeinde. Heute wohnen etwa 22 000 Menschen auf nur 5,23 Quadratkilometern.

"Nahezu alle Flächen sind bebaut und versiegelt", sagt Werner Wolf, Schriftführer des ÖDP-Ortsverbands am Montagabend bei einer sehr überschaubaren Veranstaltung zum Thema Nachverdichtung in der Gemeinde im Wolf-Ferrari-Haus. Aufgrund der coronabedingten Einschränkungen durften nur zehn Interessierte teilnehmen. Aktuell wird in Ottobrunn intensiv darüber diskutiert, ob im sogenannten Vogelviertel, einer ehemals als Glasscherbenviertel verschrieenen Siedlung, vier zusätzliche Wohnblöcke mit 40 Wohnungen gebaut werden sollen. Der Gemeinderat einschließlich Bürgermeister Thomas Loderer (CSU) ist mehrheitlich für das Projekt des Münchner Investors Felix Eichbauer und begründet dies mit der Notwendigkeit, günstigen Wohnraum zu schaffen.

4100 Menschen auf einem Quadratkilometer

Doch im Viertel wächst der Widerstand gegen die Nachverdichtung. Diesem Protest hat sich auch die ÖDP angeschlossen. Seit einem Jahr gehört Werner Wolf der Umweltpartei an - und er begründet seinen Einsatz gegen mehr Nachverdichtung: Es gehe darum, den Enkeln noch eine Zukunft zu hinterlassen, sagt Wolf - nicht nur in Ottobrunn. Etwas mehr als 4100 Menschen leben in Ottobrunn statistisch auf einem Quadratkilometer, mehr sind es in ganz Deutschland nur in München (etwa 4700). In Neubiberg, der Gemeinde mit der zweithöchsten Bevölkerungsdichte im Landkreis, sind es lediglich etwa 2500 Einwohner je Quadratkilometer. Immer bezogen auf die Gesamtfläche.

Ottobrunn ist die Gemeinde mit der zweithöchsten Bevölkerungsdichte nach München in ganz Deutschland.

(Foto: Claus Schunk)

ÖDP-Mann Wolf verweist in seinem Vortrag aber noch auf andere Zahlen: Die Bevölkerungsdichte bezogen auf die tatsächliche, also bebaute Siedlungsfläche. Hier liegt der Wert in Ottobrunn bei etwa 6800 Einwohner je Quadratkilometer. In Unterhaching bei 6700 und in Neuried bei 6100. "Da sind wir hier in Ottobrunn also nichts Besonderes", sagt er. "Auch andere Gemeinden sollten eigentlich nicht mehr verdichten." Wenn überhaupt, sagt Wolf, sollte dies noch in Gemeinden geschehen, die eine deutlich geringere Bevölkerungsdichte haben, etwa Sauerlach, Straßlach-Dingharting oder Aying.

Volker Abendroth, der im Vogelviertel eine Wohnung besitzt und auch der dortigen Eigentümergemeinschaft angehört, kritisiert die Pläne scharf: Abstände würden nicht eingehalten, alles sei zu dicht geplant und vor allem könne "das Klima nicht mehr richtig durchziehen", warnt er. "Es wird im Viertel zu einer Erwärmung kommen." Auch weil etwa 70 alte Bäume gefällt werden müssten.

Reinhard Pohl, Gemeinderat der Bürgervereinigung Ottobrunn (BVO), stellt sich an diesem Abend den Kritikern des Projekts. "Nachverdichtung können wir nicht verhindern. Aber wir müssen sie maßvoll gestalten", sagt Pohl. Er selbst glaubt, dass eine Reduzierung der geplanten Bebauung im Vogelviertel um 50 Prozent machbar sei, also von 40 auf nur noch 20 Wohnungen. Vergünstigter Wohnraum aber sei nötig, für Erzieher, Angestellte bei der Gemeinde, Geringverdiener. Benedikt Muschong, Vorsitzender der örtlichen FDP, findet ebenfalls, es brauche Augenmaß, die Gemeinde dürfe sich aber nicht generell der Nachverdichtung verschließen. "Aber wo viel Grün ist, müssen wir genau hinschauen."

Das Grün dominiert nicht mehr

Ein Blick auf Ottobrunn von oben zeigt, dass Grün längst nicht mehr dominiert, aus baulicher Sicht ist die Gemeinde eine rote geworden. 85 Prozent der Fläche sind versiegelt. Was Pohl, Moschung und Wolf eint, ist Kritik daran, dass es an einer Vision fehle, wie sich Ottobrunn entwickeln soll. "Wir bräuchten ein Leitbild, wo die Reise hingehen soll", sagt Pohl. "Wir müssen Fragen beantworten, ob Ottobrunn zum Beispiel 2030 schon 30 000 Einwohner haben soll oder nicht. Und wir müssen uns mit den Folgen etwa bei der Infrastruktur, bei den Kitas und Schulen beschäftigen."

Ottobrunn, WFH, ÖDP Diskussionsabend zu 'Nachverdichtung in Ottobrunn:  Sozialökologische  Aspekte und  Wachstumsgrenzen'

Volker Abendroth, Ursula Esau und Werner Wolf (von links) bei der ÖDP-Veranstaltung.

(Foto: Angelika Bardehle)

Eine Vision hat aus Sicht von Bürgermeister Loderer offenbar auch den Gründern der Gemeinde im Jahr 1955 gefehlt, als sie eine Kommune ohne Entwicklungsmöglichkeiten schufen. Alle staatlichen Stellen hätten gänzlich versagt, als sie eine Gemeinde ohne Umland ins Leben riefen, sagte Loderer Mitte August, als er das Projekt zur Nachverdichtung im Vogelviertel verteidigte. Diese Aussage, sagt nun Werner Wolf, sei grundlegend falsch. Mehr Platz hätte die Probleme nicht gelöst. Den großen Fehler habe die kommunale Politik über Jahrzehnte begangen, indem sie immer weiter verdichtet und alle Grünflächen weggenommen habe. Und eine rote Gemeinde geschaffen haben.

© SZ vom 16.09.2020/belo

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite