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Neue Sitten:Braucht's das?

Das Winterfeuer im Dezember in Grasbrunn war das erste dieser Saison, an diesem Wochenende folgen jene in Ottobrunn und Putzbrunn.

(Foto: Claus Schunk)

Die Eventisierung des Lebens schafft neue Bräuche wie das Winterfeuer und die hierzulande eigentlich unüblichen Perchtenläufe. Nach kurzer Zeit gelten sie bereits als Tradition. Heimatpfleger nehmen es gelassen

Wer Heimat und bayerisches Brauchtum fest an Traditionen knüpft, für den ist der Winter eine harte Zeit. Sein Leiden beginnt am Tag vor Allerheiligen, wenn ihm Außerirdische mit furchterregenden Fratzen über den Weg laufen und ihn Kinder forsch vor die Wahl stellen: Süßes oder Saures.

Der Halloween-Brauch, wenn auch ein katholischer, ist irischer Herkunft, hat sich aber innerhalb weniger Jahre auch im Landkreis München etabliert. Kritiker nennen ihn Grusel-Fasching. Es folgt der Weihnachtsmann, ein kommerzieller Abklatsch des Christkindes, born in the USA.

Hat der sich aus dem Staub gemacht, laufen aufs Schrecklichste kostümierte Perchten mit hässlichen Fratzen und der Teufelsgeige neuerdings durch Grasbrunn und andere Orte im Großraum München, obwohl sie Gestalten des alpenländischen Brauchtums sind.

"Weiß ich nicht, kenn' ich nicht."

Doch damit nicht genug: An den nächsten beiden Wochenenden werden in Putzbrunn, Ottobrunn und Unterbiberg Winterfeuer entzündet und drumherum Party gemacht. Winterfeuer - wer hat die erfunden? "Weiß ich nicht, kenn' ich nicht, ein überlieferter Brauch ist das jedenfalls nicht", sagt Michael Ritter vom Bayerischen Landesverein für Heimatpflege. Trotzdem begegnet er dem Trend zur Inszenierung von Ereignissen mit Nonchalance. Das Winterfeuer ordnet er aber streng in die Kategorie Event ein.

Eventisierung bedeutet nichts anderes, als aus einem normalen Ereignis viel mehr zu machen als es bisher war. Und als Schwester der Eventisierung gilt die Kommerzialisierung. Per se zu verurteilen ist der Versuch, Kasse zu machen, indes nicht. Vor allem dann nicht, wenn die Einnahmen für wohltätige Zwecke verwendet werden.

Die Ottobrunner Madln, ein feminines Pendant der Ottobrunner Burschen, werden mit dem Gewinn, den sie am Samstag auf der Maderwiese (Beginn: 16 Uhr) erzielen, soziale Projekte in Ottobrunn und das Kinderheim Salberghaus in Putzbrunn unterstützen. Es ist bereits das siebte Winterfeuer, zu dem die Madln laden, und vielleicht waren sie sogar die ersten, die auf die Idee kamen.

Privat habe man öfters im Winter an der Isar zusammen mit Kindern gegrillt. "Dann haben wir uns gedacht, das könnten wir doch zuhause auch tun", erinnert sich Christine Goldmann, Schriftführerin der Ottobrunner Madln. Mit der Winterfeuer-Party haben sie eine Nische gefunden, denn, so sagt Goldmann, "wir wollten eine eigene Festivität, aber das Brauchtum haben die Burschen schon ausgeschöpft."

Eine willkommene Einnahmequelle

Oder kurz gesagt: "Die Burschen machen im Sommer Feuer, wir im Winter." Dazu gibt es von 16 bis 22 Uhr neben der Haupteinnahmequelle Bier "die heiß geliebte Gulaschsuppn und den guaden, warmen Leberkas und natürlich auch den pfiffigen Glühwein sowie an sauguadn Kinderpunsch", heißt es.

Eine willkommene Einnahmequelle ist auch für den Putzbrunner Feuerwehrkommandanten Daniel Deml das Winterfeuer, das am Samstag, 17 Uhr, am Florianseck entzündet wird. Früher habe es für die Bevölkerung Weinfeste und andere Veranstaltungen gegeben. Die Idee vor fünf Jahren sei gewesen, zur Abwechslung was anderes anzubieten. So also entstand auch in Putzbrunn die Wintervariante des sommerlichen Johannisfeuers. Nein, Tradition sei das natürlich nicht. Ja, es gehe dabei auch um Einnahmen, wenn auch der Gewinn nicht im Vordergrund stehe, sagt Deml. Aber vor allem: "Feuer und Feuerwehr gehören zusammen."

Eine Woche später, am Samstag, 19. Januar, wird gegen 17 Uhr ein Winterfeuer auf der Wiese vor dem Unterbiberger Feuerwehrhaus flackern. Genährt wird es von ausgedienten Christbäumen, die bei dieser Gelegenheit bequem entsorgt werden können.

Auch die Perchten, wie die aus Unterhaching, sind mittlerweile im Landkreis zuhause.

(Foto: Claus Schunk)

Nicht die Einnahmen stünden im Vordergrund, sondern die Werbung für die Feuerwehr, sagt Kommandant Andreas Baumann. Seit sieben oder acht Jahren, schätzt er, sei das Winterfeuer Teil des Jahresprogramms, in der Einladung sprechen die Feuerwehrler bereits von einem "traditionellen Winterfeuer".

Für einen konservativen Brauchtumspfleger wäre ein Besuch des Festes am 14. Dezember in Grasbrunn keine gute Idee gewesen. Denn die Veranstalter - der Burschenverein, die Grasbrunner Deandln und die Schützen - haben es wirklich krachen lassen. Um das erste Winterfeuer versammelten sich nicht nur Ortsansässige, sondern tanzten auch die Kirchseeoner Perchten und veranstalteten ein Riesenspektakel.

Dem Ayinger Bräu waren die Perchten zu teuer

Die Perchten kennt natürlich der Grasbrunner Ortsheimatpfleger Rolf Katzendobler, aber bis zum 14. Dezember kannte er das Winterfeuer nicht: "Dieses Event ist bei uns in Grasbrunn völlig neu." Seiner Meinung nach haben aber die Perchtenläufe das Zeug, sich langfristig auch "bei uns" zum Brauchtum zu entwickeln. Es seien aber auch bereits Bräuche verloren gegangen, zum Beispiel das Wasservogelspiel, das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zuletzt in Egmating und Sauerlach begangen worden sei.

Die Perchten aus Kirchseeon sind nach Darstellung ihres Vorsitzenden Wolfgang Uebelacker dabei gar nicht so erpicht auf viele auswärtige Auftritte - und sie verlangten dafür auch eine Gage "so um die tausend Euro". Viele Anfragen gingen jedes Jahr ein, für heuer auch eine aus Aying, "aber dem Bräu war die Gage zu hoch", sagt der Perchtenvater. Dass die Perchten im Alpenraum und nicht im Münchner Umland verortet sind, daran stört er sich nicht. Brauchtum dürfe man nicht so starr sehen. "Und Brauchtum kommt von brauchen."

Also braucht's die Perchten? Braucht's das Winterfeuer? Eine Antwort gibt Günter Staudter, Heimatpfleger von Unterhaching: "Wenn die Leute Freude haben, sollen sie. Es ärgert mich nur, wenn die Feste alkoholisch entgleisen."