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Kommunalwahl in Neubiberg:Offenes Rennen

Der Neubiberger Bürgermeister Günter Heyland tritt ab.

(Foto: Claus Schunk)

Nach dem überraschenden Rückzug von Bürgermeister Günter Heyland rechnen sich alle vier Kandidaten Chancen auf das Bürgermeisteramt aus. Auch im Gemeinderat könnte sich einiges verändern.

Als Neubibergs amtierender Bürgermeister Günter Heyland von den Freien Wählern im Mai vorigen Jahres bekannt gab, dass er nicht für eine dritte Amtszeit kandidiert, hat das sicher viele im Ort überrascht. Bei CSU, Grünen und SPD dürften einige auch erleichtert gewesen sein. Denn sich gegen einen Amtsinhaber durchzusetzen, ist schwer. Nun aber werden die Karten in der 14 500-Einwohner-Gemeinde völlig neu gemischt.

Vier ganz unterschiedliche Köpfe buhlen um die Gunst der Wähler bei der Kommunalwahl am 15. März: Thomas Pardeller (CSU), Reiner Höcherl (Freie Wähler), Kilian Körner (Grüne) und Elisabeth Gerner (SPD). Pardeller ist mit 32 Jahren der Jüngste in der Runde. Ihn kennen viele im Ort, seit 2008 sitzt er für die CSU im Gemeinderat. Oft gab er dem Amtsinhaber in den vergangenen Jahren Kontra, hat sich etwa 2018 besonders für den in einem Bürgerentscheid schließlich beschlossenen Erhalt des Maibaumparkplatzes eingesetzt.

In jüngster Zeit gab er sich eher als der, der die Dinge gemeinsam anpacken will. Ihm könnte bei der Wahl der CSU-Bonus in der Gemeinde zugute kommen - die Christsozialen sind die stärkste Kraft im Gemeinderat, ihre Fraktion ist durch den Wechsel des ehemaligen FDP-Mannes Tobias Thalhammer auf acht Sitze gewachsen. Zudem wird Pardeller auch von der gemeinsamen Liste der Überparteilichen Wählervereinigung der Studenten an der Bundeswehruniversität (USU) und der Jungen Neubiberger als Bürgermeisterkandidat unterstützt.

Auch Reiner Höcherl ist kein Unbekannter in der Gemeinde. Der 57-Jährige sitzt seit Anfang 2016 für die Freien Wähler im Neubiberger Gemeinderat, ist auch anderweitig ehrenamtlich aktiv, beispielsweise in der Agenda 21. In der Vergangenheit war unter anderem eine vernünftige Verkehrsführung in Unterbiberg, wo er wohnt, eines seiner großen Anliegen. Stets gab er sich konstruktiv und kompromissbereit. Im Wahlkampf macht er mit einer ungewöhnlichen Aktion auf sich aufmerksam - in einer Skigondel an der Hauptstraße 27 steht er den Bürgern Rede und Antwort. Unterstützung bekommt er von der örtlichen FDP, die keinen eigenen Bürgermeisterkandidaten aufgestellt hat.

Als einziger der vier Kandidaten versucht Kilian Körner bereits zum zweiten Mal sein Glück als Bewerber um den Chefposten im Rathaus. Der 58-Jährige war 2014 im ersten Wahlgang mit 16 Prozent der Stimmen ausgeschieden. Seither gestaltet er als Fraktionsvorsitzender der Grünen im Gemeinderat die Geschicke der Kommune mit. Oft forderte er von Heyland mehr Transparenz. Wer ihn nicht kennt, sieht ihn derzeit auf einem Elektro-Rad mit seinem Konterfei auf dem Lastenkorb herumfahren. Seine Chancen könnten wegen des allgemeinen Höhenflugs der Grünen nicht schlecht stehen.

Wahl 2014

Bürgermeister Günter Heyland (Freie Wähler) mit 58,1 Prozent in Stichwahl wiedergewählt

Gemeinderat 24 Sitze

CSU 7 Sitze

FW 6 Sitze

Grüne/ÖDP 5 Sitze

SPD 4 Sitze

FDP 1 Sitz

USU 1 Sitz

Wahlergebnis

CSU 30,7 Prozent

FW 26,7 Prozent

Grüne/ÖDP 18,9 Prozent

SPD 17,9 Prozent

FDP 3,1 Prozent

USU 2,7 Prozent

Als bislang eher Unbekannte in der Gemeinde stellt sich Elisabeth Gerner für den Bürgermeisterposten zur Wahl. Die 58-Jährige wurde im Mai 2019 zur SPD-Ortsvereinsvorsitzenden gewählt, sitzt aber nicht im Gemeinderat. Oft hat sie in letzter Zeit mit Pressemitteilungen auf aktuelle Entwicklungen reagiert, etwa die angebliche Blockadehaltung von CSU und Grünen in der Diskussion um die Rathauserweiterung kritisiert. Bei Hausbesuchen stellt sie sich den Bürgern vor. Ihre Rolle als Externe sieht sie nicht als Manko. Vielmehr betont sie, dass sie frischen Wind in die Gemeinde bringen würde. Und wer weiß, vielleicht wirken sich ja bekannte Namen wie der der Landesvorsitzenden Natascha Kohnen, die auf Platz 24 der SPD-Liste für den Gemeinderat kandidiert, positiv aus.

So unterschiedlich die vier Kandidaten sind, sie alle werden als Bürgermeister oder Bürgermeisterin ein paar große Themen anpacken müssen. Zuallererst wird es gelten, die Zusammenarbeit im Gemeinderat wieder in den Griff zu bekommen. Vor allem die vergangenen Monate, als CSU und Grüne mit ihrer Mehrheit im Gremium dafür sorgten, dass Projekte wie das Bürgerzentrum nicht vorangetrieben wurden, waren von heftigen Auseinandersetzungen geprägt. Hier versprechen alle vier Kandidaten eine Lösung. Gerner beispielsweise stellt einen "neuen, kooperationsbereiten Stil" in Aussicht.

Auch Pardeller kündigt einen anderen Führungsstil an. "Man muss viel mehr mit den Leuten kommunizieren", sagt er. Höcherl setzt auf mehr Fraktionssprecherrunden im Vorfeld und Körner auf einen "wertschätzenden" Umgang miteinander. Freilich gilt es auch, für die auf Eis liegende Rathauserweiterung selbst eine Lösung zu finden. Da müssen nun konkrete Alternativvorschläge erarbeitet werden, die die Gemeinderäte auch für bezahlbar halten. Denn CSU und Grüne hatten den Fortgang des Projekts gestoppt, weil sie die trotz Einsparungen verbliebenen Kosten in Höhe von 22,9 Millionen Euro für zu hoch hielten. Pardeller schlug zuletzt eine Art Zweigstelle des Rathauses in Unterbiberg vor.

Grundsätzlich haben alle vier Bewerber in Neubiberg eine gute Startposition. Denn trotz der wenig harmonischen Atmosphäre im Gemeinderat in jüngster Zeit wurde unter der Ägide Heylands in der Gemeinde einiges erreicht: Die integrierte Rahmenplanung für Unterbiberg, ein Konzept wie der Ortsteil sich weiter entwickeln soll, ist auf den Weg gebracht, die Kinderbetreuungseinrichtungen wurden ausgebaut, es wurde bezahlbarer Wohnraum unter anderem an der Äußeren Hauptstraße geschaffen.

Alle vier Kandidaten wollen, sollten sie Rathauschef oder -chefin werden, sich unter anderem für eine Wiedereinführung einer Busverbindung zwischen den beiden Ortsteilen einsetzen. Freilich hat jeder seinen Fokus auf anderen Themen. Pardeller möchte vor allem die Bürgerbeteiligung stärken, Körner will unter anderem die kommunale Energiewende "richtig anpacken". Höcherl setzt auf eine rasche Realisierung des Seniorenzentrums, Gerner nennt allem voran das Thema Wohnen.

Wer was durchsetzen kann, hängt am Ende von den Mehrheitsverhältnissen im Gemeinderat ab. Wie 2016 stehen sechs Listen zur Wahl - CSU, Freie Wähler, SPD, Grüne/ÖDP, FDP und USU/Junge Neubiberger. Doch die Grünen und die USU haben beide eine breitere Basis als noch vor sechs Jahren - beide haben in jüngster Zeit zahlreiche Mitglieder hinzugewonnen und die Zahl der Studenten an der Bundeserwehruniversität in Neubiberg hat sich erhöht. Es wird also spannend, nicht nur bei der Bürgermeisterwahl, bei der die Entscheidung vermutlich - wie schon 2014 - in einer Stichwahl fallen dürfte.

Alle Berichte, Reportagen und Analysen zur Kommunalwahl unter www.sueddeutsche.de/thema/Kommunalwahl_im_Landkreis_München.

© SZ vom 13.02.2020/wkr
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