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Baden am Feringasee:Nackt am falschen Ufer

Badeerlebnis pur: Aber wer nackt baden möchte, muss eigentlich in den dafür abgetrennten Bereich. Sicherheitskräfte kontrollieren mittlerweile, ob sich alle Seebesucher an die Regeln halten.

(Foto: Claus Schunk)

Der Feringasee hat als einziges Badegewässer im Landkreis München einen FKK-Bereich. Wer außerhalb dieser Zone seine Badesachen auszieht, riskiert eine Strafe. Warum das so ist, versteht keiner.

Wenn man Herbert fragt, warum er nackt an seinem Camping-Tisch an einem See sitzt, steht er auf und dreht einem seinen Hintern zu. Da ist eine Narbe, vielleicht so groß wie ein Tennisball. Ein Abszess sei das gewesen, eine Eiterbeule, wie er sie am ganzen Körper hatte. Viermal habe ein Arzt die Haut in seinem Gesicht fast komplett abgetrennt, so schlimm sei es gewesen. "Die Sonne hilft", sagt Herbert, er hat eine Zigarette zwischen den Fingern, vor ihm steht eine Tasse Kaffee, hinter ihm ragt eine Starkstromleitung in den blauen Himmel. Seit 30 Jahren komme er fast jeden Tag, wenn die Sonne scheint, hierher an den Feringasee im Münchner Norden, zwischen Äckern und Autobahn, 70 Kilometer von seiner Heimat Mainburg in Niederbayern entfernt.

Auch Anna-Maria ist im Sommer fast jeden Tag am See in Unterföhring - auch nackt, seit Anfang der Siebziger schon. "Da standen hier noch nicht einmal Bäume, da war die Autobahn noch nicht einmal fertig", sagt sie. Sie ist 75 Jahre alt, graues Haar, braun gebräunt, eine Frau, die über sich selbst sagt, dass sie zu ihrem Alter stehe. Herbert und Anna-Maria kennen sich nicht, wahrscheinlich sind sie sich noch nicht einmal begegnet, in diesem Text sollen nur ihre Vornamen wichtig sein - denn beim FKK ist man schnell beim Du. Zwischen Herbert und Anna-Maria liegen Luftlinie gut 200 Meter und jede Menge Wasser.

Auf dem Luftbild sieht man sie gut, die FKK-Insel der Nacktbader im Feringasee.

(Foto: Landesvermessungsamt)

Herbert sitzt mit seinem Campingstuhl auf der einen Uferseite, auf der Halbinsel hinter einer Holzschleuse mit einem Kiosk am Eingang, der einem gleich verrät, wo man gelandet ist: "Imbiss am FKK" steht in weißen Buchstaben auf der Hütte. Und Anna-Maria hat ihr Handtuch auf der anderen Seite ausgebreitet, wo auch diejenigen baden, die dazu lieber Bikini und Badehose tragen. Was Anna-Maria eigentlich auch tun müsste. Und hier beginnt der Ärger, der den Feringasee nun seit gut vier Sommern beschäftigt. Seitdem kontrollieren Sicherheitsleute, ob sich die Nacktbadenden dort aufhalten, wo sie sein sollen, nämlich auf der Uferseite, wo Herbert nackt auf seinem Campingstuhl sitzt. 2014 erließ Unterföhring eine Verordnung, die das Nacktbaden an seinen Seen, dem Poschinger Weiher und dem Feringasee, außerhalb des offiziellen FKK-Bereichs verbietet.

In Unterföhring sei schon ein paar Mal die Polizei angerückt

Nie sei es ein Problem gewesen, dass sie bade, wo sie bade, sagt Anna-Maria. Und Elisabeth und Joachim und Peter sagen das auch. Sie alle - sehr braungebrannte Menschen zwischen Ende 50 und Ende 60 - liegen an einem Donnerstagabend im Juli nackt auf der falschen Uferseite. Die vier kennen sich vom Sehen, denn sie kommen regelmäßig hierher. "München wirbt sogar in Reiseführern damit, dass man am Flaucher nackt baden darf", sagt Anna-Maria. "Im Englischen Garten mitten in der Stadt sind die Leute auch nackt", sagt Elisabeth, 69, blondes Haar, rosafarbener Lippenstift. Doch hier in Unterföhring sei sogar schon ein paar Mal die Polizei angerückt. Anna-Maria habe im vergangenen Jahr Trillerpfeifen verteilt, um vor den Sicherheitsleuten zu warnen. Fängt also hinter der Stadtgrenze die große Spießigkeit an?

Nacktbadegelände am Feringasee in Unterföhring, 2016

Den streng abgetrennten Bereich mögen nicht alle, zumal die Sonne am anderen Ufer länger scheint.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

So kann man das wohl nicht stehen lassen. Auch in München gab es diesen Sommer einen "Nackerten Streit", wie Boulevardzeitungen titelten. Frauen badeten damals oberkörperfrei an der Isar, Securitys ermahnten sie. Und weil der Aufschrei darüber so groß war, erließ der Stadtrat einen Beschluss, der baden ohne Oberteil für alle Menschen offiziell erlaubt, egal zu welchem Geschlecht die Brüste gehören. Sonst gibt es in München ein generelles Nacktbadeverbot - außer in sieben extra ausgewiesenen Bereichen, zum Beispiel an bestimmten Zonen an der Isar oder im Englischen Garten.

Die Kommunen müssen selbst eine Verordnung erlassen

An den Seen hinter der Stadtgrenze gibt es so ein allgemeines Verbot nicht. Die einzelnen Kommunen müssten selbst eine "Badekleidungsverordnung", wie die Vorschrift offiziell heißt, erlassen. Doch Unterföhring ist - so weit das Landratsamt weiß - der einzige Ort im ganzen Landkreis München, der das getan hat. Das bedeutet: Überall sonst, wo es keine solche Regelung gibt, dürften Anna-Maria, Joachim, Peter und Elisabeth theoretisch nackig am Seeufer liegen - sogar am Feringasee ginge das, nur müssten sie dazu das Ufer wechseln. Ihren Oberkörper dürfen im Landkreis sowohl Männer als auch die Frauen überall nackt bräunen. Der Wachdienst, schreibt Franzsika Herr, eine Sprecherin im Landratsamt, sei entsprechend informiert, "so dass Damen nicht damit rechnen müssen, zum Unterlassen des "oben ohne"-Badens aufgefordert zu werden". Wo ist also das Problem, könnte man sich fragen.

"Es war immer friedlich. Seit 40 Jahren liege ich hier nackt. Und es hat nie jemanden gestört", sagt Anna-Maria. "Ich verstehe nicht, warum jetzt so ein Zirkus gemacht wird." Es habe keinen Streit zwischen Nackten und Bekleideten an dem See gegeben. Beschweren würde sich tatsächlich kaum jemand, sagt Susanne Ehrt, die für die Öffentlichkeitsarbeit im Unterföhringer Rathaus verantwortlich ist. Das Landratsamt, das den Sicherheitsdienst beauftragt und ihm in den vergangenen vier Jahren 326 000 Euro bezahlt hat, erreichen von Zeit zu Zeit Beschwerden, schreibt Sprecherin Franziska Herr. Wie viele werde nicht erfasst. Die Sicherheitsleute sind auch am Heimstettener See und am Unterschleißheimer See im Einsatz und würden auf "Kooperation und Verständnis" setzen. Funktioniert das nicht, dürfen sie Platzverweise erteilen oder die Polizei rufen - denn streng genommen ist Nacktsein dort, wo es nicht erlaubt ist, eine Ordnungswidrigkeit.

"Spanner gibt es doch überall."

Unentspannt sei es am See geworden, sagt Joachim, 62. Seine Haut hat die Farbe von Kastanien, um seinen Hals hängt eine Kette mit einem kleinen Hai. Joachim lebt in Ismaning, kommt aber ursprünglich aus dem Rheinland, was man auch hört. "Alle zwei Stunden kommen zwei Sicherheitsleute vorbei. Wenn ich sie schon von weitem sehe, ziehe ich meine Badehose schnell an", erzählt er. Und dann? "Ziehe ich sie wieder aus." Wäre das Leben nicht einfacher und der Sommer gemütlicher, wenn sie auf der anderen Uferseite nackt in der Sonne lägen, wo niemand schimpft? "Na, aber was man da für Dinge hört." Joachim schüttelt den Kopf. Dann erzählen er und die zwei Frauen von den Gerüchten, von Männern, die dort im FKK-Bereich in den Büschen säßen, die Fotos machten, die glotzten. Sie alle sind sich einig, dass sie dort nicht hin wollen.

"Spanner gibt es doch überall", sagt Herbert auf der anderen Uferseite an seinem Camping-Tisch. Als Lastwagenfahrer sei er jahrelang rund um München gefahren. Alle möglichen Seen habe er da gesehen: den Feldmochinger See, den Heimstettener See, den Steinsee, den Starnberger See - bis er 1993 zum ersten Mal im FKK-Bereich am Unterföhringer See war. "Ab da hab ich gewusst: Das ist meine Insel." Inzwischen ist es fast 19 Uhr, die Sonne ist hinter den Bäumen, hinter dem Strommast fast versunken. Herbert sitzt im Schatten. "Schau mal da rüber." Er deutet auf die andere Seite, wo Anna-Maria, Elisabeth, Peter und Joachim liegen. "Die haben eine Stunde länger Sonne." Herbert will langsam nach Hause. Vorher möchte er aber noch etwas loswerden. "Könntest du bitte in die Zeitung schreiben, dass wir hier drüben dringend Schachspieler suchen?"

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